Von Thomas Engelhardt

Der Frust in der Trevira-Belegschaft in Guben sitzt tief. Im Februar hatten die Mitarbeiter des Unternehmens gelesen, dass ihre Kollegen im Trevira-Stammwerk im bayrischen Bobingen ab August in zwei Schritten 4,9 Prozent mehr Lohn und Gehalt bekommen und auch deren Urlaubsgeld steigt.

Die Gubener Trevira-Angestellten haben davon nichts. Erst Ende April gab es eine Tarifeinigung auch für die ostdeutsche Textilindustrie. Sie sieht vor, dass die Entgelte und Ausbildungsvergütungen ab 1. Juni um 2,6 Prozent, ab 1. August 2020 um 1,6 Prozent und ab 1. September 2021 um 2,0 Prozent. Außerdem einigten sich die Tarifvertragsparteien darauf, dass das Urlaubsgeld in drei Stufen ebenfalls an das westdeutsche Niveau angeglichen wird: Es wird ab 2019 auf 625 Euro erhöht und steigt 2020 sowie 2021 jeweils um weitere 25 Euro.

Für viele Gubener Trevira-Beschäftigte dürften die Zahlen zunächst erst einmal graue Theorie bleiben. Denn ihr Betrieb hat vor einigen Tagen bei der Arbeitsagentur Kurzarbeit beantragt.

Die Treviera GmbH ist der größte Arbeitgeber der Neißestadt. Auf die knapp 600 Mitarbeiter, die im Industriegebiet an der Forster Straße beim Faserhersteller angestellt sind, kommen zumindest zwischenzeitlich schwierigere Zeiten zu: Wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte, wurde für das Gubener Werk bei der Arbeitsagentur Kurzarbeit beantragt.

Grund für diese Maßnahme sei die sich verschlechternde Konjunktur, heißt es in der Pressemitteilung aus Bobingen bei Augsburg, wo die Unternehmenszentrale ihren Sitz hat. Diese Verschlechterung habe sich in den letzten Monaten in einem anhaltenden Auftragsrückgang vor allem im Filamentbereich bemerkbar gemacht.

„Die Auslastung hat sich hier erheblich verringert und die Lagersituation entsprechend verschärft. Um weiteren Lageraufbau zu vermeiden, wird Trevira seine Kapazitäten kurzfristig der aktuellen Auftragslage anpassen und die Produktion im Filamentbetrieb in Guben weiter herunterfahren. Das Unternehmen wird daher für das Werk Guben Kurzarbeit beantragen, zunächst bis Ende Juli 2019“, heißt es in der Mitteilung aus Bobingen.

Viel mehr ist aus der Unternehmenszentrale zum Thema Kurzarbeit in Guben noch nicht zu erfahren. Laut Marketingdirektorin Anke Vollenbröker sei die Mitteilung eine Vorab-Information. Erst jetzt würden die Gespräche über die Modalitäten beginnen. Dann soll geklärt werden, in welchem Umfang die Kurzarbeit durchgeführt wird, das heißt, wie viele Mitarbeiter und welche Schichten davon betroffen sind. Mit am Tisch sitzen werden dann die Verantwortlichen in puncto Produktion und Logistik des Gubener Werkes, aber auch der Betriebsrat.

Anke Vollenbröker geht davon aus, dass es bei diesen Gesprächen relativ schnell Entscheidungen geben wird. Geplant sei, dass vorerst bis Ende Juli verkürzt gearbeitet wird. Trevira werde rechtzeitig entscheiden, ob es dabei bleibe.

Dass Trevira zu diesem Mittel greifen muss, kommt auf der einen Seite etwas überraschend. Im März hatte Trevira-Chef Klaus Holz bei einem Pressegespräch anlässlich einer Standortkonferenz im Industriegebiet noch einmal die Ankündigung aus dem vergangenen Jahr bekräftigt, dass das Unternehmen 2019 rund 7,5 Millionen Euro investieren werde, vor allem in neue Technik, beispielsweise eine Schärmaschine.

Und bereits Ende Februar hatte der Leiter des Gubener Werkes, Thomas Rademacher, vor den Stadtverordneten über die Entwicklung des Betriebes berichtet und eine insgesamt positive Grundstimmung verbreitet. Der Standort Guben werde auch in Zukunft eine wichtige Rolle für Trevira spielen.

Auf der anderen Seite hatte Rademacher vor den Stadtverordneten auch auf Probleme des Faserherstellers hingewiesen. So sei das Unternehmen in den ersten Monaten des Jahres hinter seinen Planzielen geblieben. Ein Grund dafür sei die Verunsicherung der Kunden beim Thema Auto-Kauf, ausgelöst unter anderem durch die Diesel-Krise, sagte Rademacher damals. Diese Verunsicherung schlage bis zu Trevira durch. Schließlich wird ein großer Teil der in Guben hergestellten Fasern bei der Ausstattung von Autos verwendet.

Nun also ist dieses Problem offenbar direkt bei den Mitarbeitern angekommen. Zumindest ein Teil von ihnen wird aufgrund der Kurzarbeit in den kommenden Monaten mit weniger Gehalt auskommen müssen – und hoffen, dass sich die Auftragslage schon bald wieder bessert. Dann könnte die Belegschaft wieder im ganz normalen Umfang arbeiten gehen.