Von Michel Nowak

So ziemlich jeder, der schon mal mit dem Gubener Handball-Sport in Berührung gekommen ist, kennt Helga Aigringer. Ob als Trainerin oder als Abteilungsleiterin im SV Chemie Guben – der Handball spielt in ihrem Leben eine bedeutende Rolle. „Wer einmal dem Ball angefasst hat und angefixt ist, für den gibt’s nichts anderes mehr“, sagt sie selbst. Mehr als ein halbes Jahrhundert währt ihre Handball-Leidenschaft: Jetzt hat Helga Aigringer ihren 65. Geburtstag gefeiert.

Dass die gebürtige Gubenerin als Mädchen mit dem Handball-Spielen begann, „war in gewisser Hinsicht vorprogrammiert“, wie sie selbst sagt. Vater Helmut gehörte zu den Handball-Pionieren in Guben. Und  Mutter Flora ging selbst auf Torejagd.

Als mit Ulla Kroker eine Mitspielerin der Mutter eine Mädchenmannschaft aufbaute, war die damals elfjährige Helga dabei: „Wir spielten im Winter in der Halle und im Sommer auf dem Kleinfeld unter freiem Himmel“, sagt Helga Aigringer. Aus Cottbus, Bad Muskau oder auch Hoyerswerda kamen die Gegner. „Ich kann mich erinnern, wie draußen manchmal bei Windböen die Spielprotokolle weggeflogen sind.“ Für Helga Aigringer gab es da schon keinen anderen Sport mehr. „Handball ist eine Schule fürs Leben“, sagt sie, die selbst unzählige junge Menschen auf diesem Weg ein Stück begleitet hat und begleitet.

Guben war spätestens in den 1970er-Jahren eine Handball-Hochburg. Das Frauenteam schaffte 1971 den Sprung in die DDR-Liga. „Damals gab es ja durch das Chemiefaser-Werk viel Zuzug in die Stadt“, so Helga Aigringer, „und in diesem Betrieb arbeiteten auch viele Frauen“. Auch sie selbst gehörte bald zur Mannschaft.

Mit 18 Jahren legte sie das Abitur ab und wechselte an die Technische Universität Dresden. Dort studierte sie Informationsverarbeitung. Für den Handball pendelte sie zunächst weiter in ihre Heimat. Später konzentrierte sie sich auf das Studium und kehrte 1976 als Diplom-Ingenieurin für Informationsverarbeitung nach Guben zurück. Ihr Arbeitsort: Das Chemiefaser-Werk.

Helga Aigringer übernahm, zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt, Betreuer-Aufgaben beim Frauen- und dem ältesten Mädchen-Team. Beide Mannschaften spielten gekoppelt in der DDR-Oberliga. Lange Fahrten zu Auswärtsspielen folgten. Und die Erkenntnis, dass sie selbst auch als verantwortliche Übungsleiterin arbeiten wollte. „Schon bald habe ich dann praktisch alle Altersklassen trainiert.“ Bald konnte sie auf eine ganze Liste von Meisterschaften auf Bezirksebene vorweisen.

Die politische Wende krempelte ziemlich alles um. Auch bei den Handballern. Im Verein gab es nun unvereinbare Positionen. „Da waren verschiedene Charaktere, es gab Streitereien“, sagt Helga Aigringer über diese Zeit. Die Folge waren Ausgründungen. Es entstanden für einige Jahre  der HV Guben und der BSV Guben-Nord. Helga Aigringer blieb dem SV Chemie Guben treu und entwickelte sich hier zunehmend zur Konstante. „Manchmal hast du schon überlegt, warum du dir das antust“, sagt sie rückblickend, „aber ich wollte meine Handballer nicht im Stich lassen“. Sie baute den Jugendbereich neu auf und freute sich über gemeinsame Erfolge der Gubener: „Mit dem Schul-Team des Pestalozzi-Gymnasiums haben wir Bundesfinals bei ,Jugend trainiert für Olympia’ gewonnen.“

Auch beruflich hatte sie mit Turbulenzen zu kämpfen. 1992 erfasste eine Entlassungswelle im Rechenzentrum des Chemiefaser-Werks auch sie. Meist befristet arbeitete Helga Aigringer in den Folgejahren in der Sport-Jugendförderung, später hauptsächlich in der Erwachsenenbildung. Dazu pendelte sie nach Cottbus oder – wie im Moment – als Mitarbeiterin des Nestor Bildungsinstituts nach Frankfurt  und Eisenhüttenstadt.

Als Trainerin hat Helga Aigriner gerade mit dem Gubener Frauenteam in der Verbandsliga Süd die Vizemeisterschaft geholt. Schnellen, modernen Handball vermittelt sie. „Und bei uns dürfen die Spieler auch etwas sagen und sich einbringen“, sagt sie. „Manchmal können sie Situationen auf dem Feld einfach besser bewerten.“

Aktuell zählt die Handball-Gemeinde in ihrer Stadt gut 130 Handballer, davon etwas mehr als 50 im weiblichen Bereich. Helga Aigringer hofft, ihre Abteilung auf diesem Niveau halten zu können. Immerhin gibt es im Jahr 2023 richtig großen Anlass zum Feiern: 100 Jahre  Handball in Guben.