Eine Metallschnecke kriecht über den Rasen hinter der Forster Stadtkirche. Etwa einen Meter lang ist sie, Dampf steigt aus ihrem Gehäuse auf und verrät, wie sie angetrieben wird. Drumherum stehen Männer, Frauen und Kinder, alle seltsam kostümiert, mit Zylindern, Flügeln und seltsamen Geräten ausgestattet.

Vom anderen Ende der Wies erklingen majestätische Klänge. Zwei Riesengefährte rollen auf den Platz. Dampfwolken steigen auf. In luftiger Höhe sitzen zwei Männer etwa zwei Meter über dem Boden, blicken ernst in Ferne und steuern ihre merkwürdigen Konstrukte mit erhabener Langsamkeit in die Menschenmenge. Man fühlt sich an Kapitän Nemo auf seiner Nautilus erinnert.

Steampunk hat mehrere Tausend Anhänger in ganz Deutschland

„Steampunk“ nennt sich die Szene, die am Samstag für derartige Bilder in der Forster Innenstadt sorgt. Dirk Ruhbach schätzt ihre Zahl auf einige Tausend in ganz deutlich. Der Forster hat sie in die Stadt geholt, ist Mitorganisator des ersten „Steamrose“-Festivals.

In die Romane Jules Vernes träumen sich die Mitglieder dieser Szene hinein, in die „Zukunft einer Vergangenheit, die es nie gegeben hat“. Im Forster Hof zeigen Künstler, wie sie sich diese Zukunft vorstellen. Riesige Luftschiffe schweben über technisierten Städten. Auch an den Kostümen der Festivalbesucher entdeckt man überall seltsame Gerätschaften, Zahnräder oder alte Fliegerbrillen. Sie stehen für eine Zeit, in der der Technikglaube und die Hoffnung auf eine grandiose Zukunft noch grenzenlos waren, in der noch nicht Ideologien, Weltkriege, Rassismus und Intoleranz die Hoffnung der Menschen getrübt haben. „Wir wollen auch ein Zeichen setzen, dass die Lausitz bunt ist, auch in diesen Zeiten“ , sagt Dirk Ruhbach am Beginn des Festivals.

Steampunker beleben die Forster Innenstadt

Steampunker sind also Spinner im besten Sinne des Wortes. Und sie präsentieren stolz ihre Kostüme und Erfindungen. Sobald eine Kamera gezückt wird, bringen sie sich in Positur. So wie Beispiel „Flügelfrau“ Sabine Madetzky aus Berlin. Ihr Mann Christian hatte ihr eine Konstruktion gebaut, mit der sie zwei Flügel im Zeitlupentempo entfalten konnte. Speziell für Forst hatte sie den Stoff gewechselt. Die neuen Flügel trugen Rosenstoff – passend zum Namen des Festival und zur Gastgeberstadt. So beleben die Gäste das Forster Stadtbild am Samstag auf fast märchenhafte Weise.

Und die Stadt blüht auf. Denn diesem Publikum hat sie was zu bieten. Mit ihren alten Industrieruinen, ihrem Forster Hof, ihrem Textilmuseum, ihrer „Schwarzen Jule“ bietet die Stadt, die so ein wenig in der eigenen einst glorreichen Vergangenheit des Dampfzeitalters hängen geblieben ist, die perfekte Kulisse für die Steampunker.

Steamrose-Festival soll fortgesetzt werden

Wie viele Gäste es am Ende waren, lässt sich nur schwer abschätzen. Eintrittskarten gab es bei diesem kostenlosen Festival nicht. Durch die zahlreichen teilnehmenden Einrichtungen verteilte sich das Publikum durch die ganze Stadt. Am Abend. als sich das Programm auf dem Platz hinter der Kirche konzentriert, sind es mehr als 4000.

Angesteckt haben sie die Forster mit ihrem Enthusiasmus. „Ich bin infiziert“, sagt Bürgermeisterin Simone Taubenek (parteilos). Eine Fortsetzung des „Steamrose“-Festivals sei nicht ausgeschlossen.