Gefesselt mit Handschellen wird der Angeklagte von zwei Justizbeamten in den Saal geführt. Er wirkt ruhig, etwas blass. Der 42-jährige wartet, seinem Verteidiger zugewandt, während die Juristen sich uneins sind, wie viele Anklageschriften genau zu verhandeln sind. Am Ende bleiben sechzehn übrig, eine mehr als angekündigt. Ab da redet vor allem einer: der Staatsanwalt. Es ist ein Lesemarathon, den Jens Meyer am Donnerstagmorgen im Cottbuser Landgericht absolviert. Bis er alle Anklagepunkte verlesen hat, ist der Vormittag fast vorbei.

Beim neunten Punkt fällt dem Verteidiger Bernd-Ullrich Bäßler zum ersten Mal auf, dass er die Anklageschrift nicht bekommen hat. Das wird noch häufiger der Fall sein. Unübersichtlich ist nicht nur die Aktenlage, sondern auch die Zahl der Einbrüche, die dem Beschuldigten zur Last gelegt werden: Die Cottbuser Kindertagesstätte Spatzennest ist genauso unter den Geschädigten wie der RK Endspurt Cottbus und die Pflegefirma Medicus. Zu etlichen Firmen, Kindertagesstätten und Schulen soll der Angeklagte sich Zutritt verschafft haben, häufig sogar mehrfach.

Mehrere Einbrüche ins Landesbergamt in Cottbus

Erbeutet habe er dabei elektronische Geräte, wie Handys, Laptops, Tablets und Lautsprecher. Bargeld habe der Angeklagte mitgenommen und Tresore aufgehebelt. Beinahe jedes Mal entwendet er Autoschlüssel und die passenden Zulassungen. Dann flüchtet er mit einem der dazugehörigen Autos. Manche Taten begeht er allein, viele in Gemeinschaft. Auch gegen die Mittäter laufen Verfahren. Laut Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte so seinen Lebensunterhalt finanziert haben. In einem Fall konnte ihm das Fahren unter Amphetamin-Einfluss nachgewiesen werden. Eine Fahrerlaubnis besitzt er ohnehin nicht.

Beim 14. Anklagepunkt richtet sich der Staatsanwalt kurz auf. Das Ende des Monologs scheint greifbar zu sein. Dann stützt er sich wieder mit beiden Händen auf dem Tisch ab. Das Vorlesen wird noch eine Weile dauern. Dabei geht es um den mutmaßlichen Einbruch des Beschuldigten in das Landesbergamt in der Cottbuser Innenstadt. Mehrmals habe der Beschuldigte sich über ein Toilettenfenster Zutritt verschafft. Er hebelt Bürotüren und Tresore auf, durchwühlt Schränke und Schubladen. Er nimmt acht Fahrzeugschlüssel an sich und fährt in einem Mercedes im Wert von 35 000 Euro vom Hof.

Dass der Beschuldigte dabei durchaus professionell vorgegangen ist, zeigt das sichergestellte Tatwerkzeug. Im sichergestellten Rucksack finden die Polizeibeamten zwei Paar Handschuhe, mehrere Schraubendreher, Blechschere und Cutter-Messer. Bei einem Einbruch in einen Gewerbetrieb an der Ottilienstraße soll der Angeklagte ein Stromkabel gekappt und die Überwachungskamera mit schwarzer Farbe besprüht haben. In der Kindertagesstätte Spatzennest nutzt er eine aufgeschnittene Plastikflasche, einen sogenannten Flipper, als Tatwerkzeug. Ähnlich wie mit einer Kreditkarte kann eine Tür so ohne Einbruchsspuren geöffnet werden, wenn nicht abgeschlossen wurde.

Gebürtiger Forster bekannt bei Polizei und Justiz

Der Angeklagte ist für Polizei und Justiz kein Unbekannter: Der gebürtige Forster hat bereits mehrfach im Gefängnis gesessen.

Als Staatsanwalt Meyer nach 90 Minuten am Ende der Anklageschrift angekommen ist, ordnet der Vorsitzende Richter Christian Fisch eine kurze Pause an. „Damit Herr Meyer einen Schluck trinken kann“, sagt er. Weil einige Anklagepunkte auch der Verteidigung noch nicht bekannt sind, wird die Verhandlung frühzeitig beendet. Der Prozess soll am 30. Januar fortgesetzt werden. Verteidiger Bernd-Ullrich Bäßler hat bereits angedeutet, dass der Beschuldigte sich teilweise geständig zeigen wird.

Das Strafmaß


In 16 Anklageschriften wird dem Beschuldigten der Diebstahl nach Paragraph 242 des StGB und die besonders schwere Form des Diebstahls nach Paragraph 243 des StGB vorgeworfen. Während Diebstahl mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe geahndet wird, ist für die besonders schwere Form des Diebstahls ein Strafmaß von drei Monaten bis zu zehn Jahren angesetzt. Da der Angeklagte in den vorliegenden Fällen in Cottbuser Gebäude eingebrochen sein soll, liegt eine besonders schwere Form des Diebstahls vor - und das gleich dutzendfach. Bei einer Verurteilung könnte dem Angeklagten durchaus eine längere Haftstrafe drohen. Dass der Beschuldigte sich in einigen Fällen geständig zeigen könnte, deutete die Verteidigung am Ende der Gerichtsverhandlung bereits an. Unter den Anklagepunkten gäbe es Taten, an die sich der Beschuldigte wohl erinnern könne. Welche das seien, solle zum nächsten Verhandlungstag geklärt werden.