Von Sven Hering

Sie waren praktisch schon auf dem Weg zum Schlachthof. Für 400 Schafe hatte das letzte Stündlein geschlagen. Die Lkw für den Transport waren bereits unterwegs. Da fasste Wilfried Kaltschmidt einen Entschluss – und holte die Tiere zu sich auf den Hof. Der Schäfereibetrieb in Preschen wurde damit aus der Taufe gehoben.

An die außergewöhnliche Rettungsaktion seines Vaters erinnert sich Gerald Kaltschmidt noch ganz genau. Auch wenn inzwischen fast 30 Jahre ins Land gegangenen sind. Doch jetzt steht die Existenz des damals unter fast schon dramatischen Umständen gegründeten Betriebs in Frage. Der Grund: Die Kosten für den Schutz der rund 1000 Schafe vor Angriffen durch Wölfe laufen aus dem Ruder. „Ohne Unterstützung“, so gibt Gerald Kaltschmidt offen zu, „können wir uns die Schäferei nicht mehr lange leisten.“

Verantwortlich dafür, dass den Schafen auf den Weiden rund um Preschen nichts passiert, sind ein gutes Dutzend sehr imposante kräftige, weiße Riesen. So werden die Pyrenäenberghunde auch genannt, die sich Kaltschmidts bereits vor einigen Jahren zugelegt haben. Die Vierbeiner werden im Unternehmen gezüchtet, aufgezogen und als Herdenschutzhund ausgebildet. Mit Erfolg: „Bevor wir die Hunde hatten, sind bei uns rund 60 Schafe dem Wolf zum Opfer gefallen – seitdem die Hunde die Herde beschützen, kein einziges mehr“, erklärt Kaltschmidt.

Doch der Schutz hat seinen Preis. Rund 2500 Euro im Jahr müssen Kaltschmidts pro Hund ausgeben. „Für Tierarzt, Impfungen, Futter, den Zeitaufwand beim Training“, rechnet Gerald Klatschmidt vor. Bei zwölf Tieren kommen so mal schnell 30 000 Euro zusammen. „Das Geld muss man erstmal erwirtschaften“, sagt der Chef des Agrarbetriebes.

Kaltschmidt kennt andere Schäfer, die ihre Hunde – und damit am Ende dann auch die gesamte Schäferei – aufgeben mussten, weil sie sich die Kosten nicht mehr leisten konnten. „Doch das kann doch nicht das Ziel sein“, sagt der Landwirt. Das Problem: Das Land Brandenburg unterstützt Schäfer zwar beim Bau von geeigneten Schutzzäunen. Es gibt auch Geld für die Anschaffung von Herdenschutzhunden. Doch mit den laufenden Kosten werden die Schäfer alleine gelassen.

Dabei ist ein guter Schutz der Herdentiere dringlicher denn je. Das machte erst jüngst ein Vortrag des Brandenburger Wolfsbeauftragten Steffen Hinze in Forst deutlich. Vor dem Kreis-Umweltausschuss erklärte der Experte, dass von den 39 Rudeln, die im Land Brandenburg im vergangenen Jahr gezählt wurden, bis zu einem Drittel im Spree-Neiße-Kreis unterwegs seien. Deutschlandweit hat sich die Zahl der Rudel von sieben (2010) auf 72 (2018) verzehnfacht. „Solch ein Zuwachs ist eigentlich nicht üblich“, sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Schulze im Ausschuss. Er ergänzte: „Das Ende der Populationsentwicklung ist noch lange nicht erreicht.“ Zu vielfältig sei das Beutespektrum, zu groß das Angebot. An der Spitze der Nahrungskette müsse der Wolf keine natürlichen Feinde befürchten. Weil er durch EU-Gesetze streng geschützt ist, dürfen die Tiere zudem weder gefangen noch getötet werden.

Gerald Kaltschmidt sieht diese Entwicklung mit Sorge. Die Anstrengungen, um die eigenen Herdentiere zu schützen, würden nicht kleiner. So hofft er, dass das Land  schnell reagiert und sich stärker für die Schäfer engagiert. „In diesem Jahr“, so sagt er, „hat die Politik noch Zeit, das zu regeln.“  Geschehe allerdings nichts, so der Landwirt, dann sei die Schäferei in Preschen Geschichte. Und ein Retter diesmal wohl nicht mehr in Sicht.