Von Steffi Ludwig

Dem Liebsten endlich mal einen Liebesbrief schreiben, dem Kind eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, für den Chef das Aufmaß aufschreiben – das und vieles mehr gehört zu den größten Wünschen von Menschen mit Lese- und Schreibproblemen. Was fachlich als funktionaler Analphabetismus bezeichnet wird, bedeutet, dass diese Menschen zwar eine Schule besucht oder gar einen Abschluss haben, aber aus verschiedenen Ursachen nicht richtig lesen und schreiben können. Was nach wie vor ein Tabuthema ist, betrifft rund 20 000 Menschen im Landkreis Spree-Neiße und der Stadt Cottbus, hinzu kommen inzwischen viele Flüchtlinge.

Um für diese Menschen mehr Bildungsangebote und auch mehr Verständnis zu schaffen, wurde vor Kurzem ein Netzwerk Grundbildung gegründet. Mitglieder sind das Grundbildungszentrum Cottbus/Spree-Neiße, das Jobcenter Spree-Neiße, die Agentur für Arbeit, die Volkshochschule Cottbus und das IHK-Bildungszentrum. Alle wollen sich künftig zweimal pro Jahr treffen, um gemeinsame Strategien zu entwickeln und mehr Angebote zu schaffen. Darüber informiert Anett Müller, Geschäftsführerin der BQS Döbern, die das Grundbildungszentrum Cottbus/Spree-Neiße trägt. Seit 2015 gibt es dieses Grundbildungszentrum in Forst, das Beratung, Kurse und ein Lerncafé anbietet. Seit dem Frühjahr 2017 gibt es auch ein Lerncafé in Guben, seit dem Sommer 2017 eines in Cottbus und seit Januar 2018 eines in Spremberg (siehe Kasten). Weitere in Welzow und Peitz sind geplant, konnten aber noch nicht verwirklicht werden.

„Die Lerncafés sind gut besucht, wir haben steigende Teilnehmerzahlen“, so Anett Müller. Aufgrund des Fachkräftemangels komme es beispielsweise vor, dass Firmen ihre Mitarbeiter, die Lese- und Schreibprobleme haben, inzwischen selbst zum Grundbildungszentrum bringen. Insgesamt 460 Besucher wurden 2018 in den vier Lerncafés gezählt, davon 210 in Cottbus, 100 in Spremberg, 90 in Forst und 65 in Guben, weiß Regina Dorn. Die Sozialpädagogin betreut mit viel Herz alle vier Lerncafés, in Spremberg und Cottbus gibt es jeweils noch eine zweite Mitarbeiterin. „Manche Betroffene kommen nur einmal schauen, viele kommen aber über eine gewisse Zeit regelmäßig wieder“, berichtet sie. In Guben gebe es derzeit eine eher homogene Gruppe aus Menschen, bei denen Deutsch die Zweitsprache ist, in Cottbus ein breites Spektrum mit bis zu zehn Nationen am Tisch, in Forst und Spremberg sei es bunt gemischt aus deutschen Muttersprachlern und Menschen mit Migrationshintergrund. Renner sei überall das Spiel „Aufgetischt – spielend Deutsch lernen“, da es verschiedene Schwierigkeitsstufen hat. Neben Bildkärtchen mit Obst oder Gemüse gibt es Kärtchen mit der jeweiligen Bezeichnung sowie auch mit Adjektiven wie „glatt“ oder „gelb“ oder ganzen Sätzen „Dieses Lebensmittel ist grün“. Aber auch Lernprogramme am Computer kommen zum Einsatz. Regina Dorn hilft auch bei individuellen Problemen, wie dem Verfassen einer Bewerbung oder dem Verstehen schwieriger Post.

Grundbildungskurse, die über einen längeren Zeitraum gehen, werden derzeit nur in Forst angeboten, zehn Teilnehmer hat es laut Regina Dorn 2018 gegeben. Zwei Anbieter aus Guben und Cottbus sind nicht mehr dabei. „Hier wäre es wichtig, dass noch andere Träger in den größeren Orten Kurse anbieten, denn für einige Betroffene ist es beispielsweise schwierig, von Guben nach Forst zu kommen“, sagt Anett Müller.