Mit einer Erinnerungsveranstaltung widmet sich die Stadt Forst am 15. November 2019 der Maueröffnung vor 30 Jahren. In den Blickpunkt genommen werden auch die Monate davor und die Stimmungen in der Lausitzer Stadt damals. Maria Nooke, Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in der DDR, wird einen Vortrag halten. Anschließend diskutieren Forster, auf dem Podium und im Publikum darüber, wie sie die Monate vorm Mauerfall erlebt haben.

Die Tragweite nicht sofort erfasst

Die RUNDSCHAU hat vorab bei den Podiumsteilnehmern nachfragt, wie ihr persönlicher 9. November 1989 aussah.

Anke Schwarzenberg, damals SED-Mitglied und heute Politikerin der Linken, war arbeiten. „Ich habe noch im Tagebau Jänschwalde gearbeitet. Das hieß für mich also täglich um 4.50 Uhr mit dem Bus zur Arbeit fahren, und mein Feierabend begann nach Ankunft in Forst gegen 16 Uhr.“

Die Wochen zuvor seien voller intensiver politischer Diskussionen gewesen, „hauptsächlich innerhalb der Partei, im Kollegenkreis, in der Familie mit Freunden und Nachbarn“. An diesem Donnerstag ging nach der Arbeit noch einkaufen und schaltete dann den Fernseher ein. Am frühen Abend wurde die Pressekonferenz mit Günter Schabowski übertragen.

„Mein erster Gedanke war, dass er bestimmt den nächsten Morgen meine. Insofern haben mich zunächst ganz andere Überlegungen beschäftigt, die eher etwas mit den Folgen der Grenzöffnung zu tun hatten und mit der Verantwortung der SED“, sagte Anke Schwarzenberg heute. „Nach einer kurzen Nacht, bin ich am Morgen pünktlich um 4.50 Uhr zu meinen Bus. Die eigentliche Tragweite erfasste ich erst am nächsten Tag.“

Lebensbeichte am Tag des Mauerfalls

Pfarrer Ingolf Kschenka hat die Ereignisse in Berlin praktisch verschlafen. Dennoch war der 9. November 1989 für ihn ein sehr emotionaler Tag. Zum zweiten Mal konnten Forster damals öffentlich an die Reichskristallnacht erinnern. Ein Jahr zuvor war das die erste Möglichkeit gewesen, eine freie Rede vor den Bürgern der Stadt zu halten, außerhalb der Kirche.

„Nach dem Pogrom-Gedenken kam ein älterer Herr zu mir und gestand mir unter Tränen, dass er durch die Art, wie ich es angesprochen habe, so bewegt sei, dass er mir vertraue und es nicht mehr verschweigen könne: Er hätte mich und meine Kollegen im Auftrag der Stasi seit Jahren bespitzelt.“

Es folgte eine Lebensbeichte, die den Zuhörenden tief bewegte. „Einige Stunden nach dieser Beichte in einem windgeschützten Winkel der Cottbuser Straße kam ich völlig erschöpft nach Hause. Ich hatte zu tun mich aufzuwärmen und schlief sofort ein. Als ich aufwachte, hörte ich im Radio, was ich nicht glauben konnte: Die Mauer in Berlin war offen!“

„Es gibt sofort keine Anweisungen mehr“

Ingrid Ebert, damals Journalistin beim Union-Verlag, hat all das aus weiter Ferne beobachtet. „1989 war für mich ein besonderes Jahr. Ich war damals 41 Jahre alt und in der Krise. Was mich als CDU-Journalistin zunehmend beschäftigte, war die Frage, wie es weitergehen soll, denn so konnte es ja nicht weitergehen. Die Schönfärberei, die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, das Weggehen der Freunde“.

Überraschend wird sie vom Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden zu einem Workshop nach Rüschlikon delegiert – in die Schweiz! Anfang November soll es losgehen. Aber wird auch die Reise genehmigt?

Unter dem Druck der Straße gibt es auch für Journalisten neue Freiheiten. Ingrid Ebert erinnert sich an eine denkwürdige Redaktionssitzung: „Letzte Anweisung für uns Redakteure: Es gibt ab sofort keine Anweisungen mehr. Jeder arbeitet eigenverantwortlich. Es gibt keine Tabus mehr.“

Und dann die Reise in die Schweiz. Am Fernsehen erlebt die Forsterin, was sich in ihrer Heimat abspielt. „Ich war also in der Schweiz, als in der DDR Revolution gemacht wurde, und kam gerade rechtzeitig zurück, um den Mauerfall mitzuerleben.“

„Mit Bier angestoßen“

Gerhard Reinfeld, von 1990 bis 2006 Bürgermeister von Forst, hat den Abend des 9. November 1989 vor dem Fernseher verbracht. „Wir haben die jubelnden, weinenden, sich umarmenden Menschen gesehen. Unsere Reaktion; zuerst fassungslos, dann haben wir ebenfalls gejubelt und geweint vor Freude.“

Sekt war nicht im Hause, deshalb wurde mit Bier und Schnaps angestoßen. „Irgendwann bin ich todmüde ins Bett gegangen. Früh war meine Frau pünktlich auf Arbeit. Mir fehlt etwas die Erinnerung.“

Forst 1989


Wir war das im Herbst 1989 in Forst? Dieser Frage will die Stadt am Freitag, den 15. November, mit einer besonderen Erinnerungsveranstaltung folgen. Maria Nooke, damals Akteurin im „Ökumenischen Friedenskreis der Region Forst“ und heute Beauftragte des Landes Brand, wird dazu einen Impulsvortrag geben. Anschließend diskutieren im Sitzungssaal des Rathauses Ingrid Ebert, Pfarrer Ingolf Kschenka, Maria Nooke, Gerhard Reinfeld und Anke Schwarzenberg über das, was 1989 in Forst geschah. Moderiert wird die Veranstaltung von RUNDSCHAU-Reporter Bodo Baumert.

Los geht es um 15 Uhr. Die Abschlussworte wird Bürgermeisterin Simone Taubenek nach rund zwei Stunden an die Besucher richten.