Von Heike Lehmann

Es ist Donnerstag kurz vor 12 Uhr. Im Einkaufsmarkt in der Tröbitzer Ortsmitte herrscht ein Kommen und Gehen. Ein älterer Herr ruft beim Eintreten: „Habt Ihr heute Eisbonbons gekriegt?“ Eine Dame bedient sich bei Fleisch und Wurst, eine andere bei den Getränken. Eine dritte blättert in den Kalendern für 2020. Und dennoch: Gedränge herrscht nicht zwischen den Regalen. Ein typisches Bild für den ländlichen Handel.

Für Manuela Ullrich, seit 1995 betreibt sie den Einkaufsmarkt, ist die Schmerzgrenze erreicht. Sie hört hier zum Jahresende auf. „Aus betriebswirtschaftlichen Gründen“, wie sie sagt. „Die Leute fahren in die Großmärkte und von dem, was sie dort vergessen haben, kann man nicht leben.“ Der Umsatz stünde in keinem Verhältnis mehr zu den steigenden Kosten. „Man kann nichts dagegen machen“, sagt sie. Von 8 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr hält sie den Laden offen. Zwei Verkäuferinnen, eine vormittags, eine nachmittags, füllen die Regale, beraten und kassieren. Im Markt ist das Angebot überraschend vielfältig. Es reicht von Obst und Gemüse, über Getränke, Konserven, Putz- und Reinigungsmittel, Schreibwaren, abgepackter Wurst bis hin zu Blumenzwiebeln. Sogar einzelne Kleidungsstücke gibt es. Die Frischetheke ist stillgelegt. Aber da ist noch die Postagentur – ganz wichtig für die Tröbitzer.

Manuela Ullrich ist jetzt 53. Sie hat in Elsterwerda gelernt, einige Zeit den Laden in Hohenleipisch geführt, war in Döllingen, bis dort zugemacht wurde. Heute betreibt sie den Edeka-Markt in Plessa, wo sie selbst auch Schichten übernimmt.  Tröbitz leitet sie seit 25 Jahren als „Außenstelle“. Dreimal in der Woche ist sie vor Ort, nimmt die 40 Minuten Fahrzeit in Kauf. Doch nun wolle und könne sie nicht mehr. Diese Entscheidung werden vermutlich auch Bürgermeister Holger Gantke und seine Gemeindevertreter nicht mehr umstoßen können. „Nein“, schüttelt Manuela Ullrich vehement den Kopf. „Ich nicht mehr.“ Sie bedauert den Schritt und dankt den Kunden und ihren Mitarbeiterinnen für die jahrelange Treue.

Die bevorstehende Schließung hat im Dorf natürlich schon die Runde gemacht. Die Verkäuferinnen sind zum 31. Dezember 2019 gekündigt. Cornelia Langer, sie ist 60 und hat an diesem Donnerstag die Vormittagsschicht, zuckt mit den Schultern bei der Frage, was danach wird. „Es sieht schlecht für mich aus. Ich habe keine Fahrerlaubnis“, sagt sie. 43 Jahre arbeitet sie im Tröbitzer Markt, hat dort ihre Lehre gemacht. Da war es noch ein DDR-Konsum.

Die Kunden wollen ihren Markt nicht missen. Regina Socher (83) sagt: „Ich hole meistens alles hier, was so notwendig ist. Die Verkäuferinnen sind sehr hilfsbereit, besorgen, was man braucht und tragen die Einkäufe auch mal raus. Dann schiebe ich mit meinem Rollator nach Hause. Wenn es den Markt nicht mehr gibt, ist das vor allem für die alten Leute traurig.“ Eine 68-jährige Kundin meint: „Ich bin zum Glück noch mobil. Aber ich kaufe gerne hier ein und spare dann außerdem noch Benzin.“ Gundela Czerwenka (71) versichert: „Ich brauche den Laden. Mir graut davor, wenn er nicht mehr ist. Ich weiß, wo ich was finde. Auch meine Schwiegertochter aus Schönborn kauft hier, die Domsdorfer kommen her. Hier erfährt man, was es Neues gibt im Dorf. Jetzt meckern die am meisten, die am wenigsten herkommen.“

Die Gemeinde hat versucht, Manuela Ullrich zu unterstützen, um den Markt zu halten. Am Ortseingang gibt es jetzt Hinweisschilder,  eine niedrigere Miete konnte ausgehandelt werden. Im Amt Elsterland würde eine der letzten Einkaufsmöglichkeiten für Waren des täglichen Bedarfs überhaupt schwinden.

Eigentümer Carsten Schulz, er hat die Immobilie vor zwei Jahren von seinem Vater geerbt, hat jetzt ein Schild angebracht: „Gewerbeimmobilie zu verkaufen.“ Lieber wäre ihm aber, wenn sich ein Nachmieter für den Laden fände. „Es geht doch um die älteren Leute im Dorf.“ Schulz weiß, dass am Objekt einiges zu tun ist. Dass es unter Denkmalschutz steht, macht die Sache für ihn nicht leichter. Der Kaufhalle „kommt baugeschichtliche Bedeutung zu, da es sich um ein frühes Dokument für die Anwendung flexibler Systeme in Stahlbetonskelettbauweise im Gesellschaftsbau handelt“ und sie nahezu unverändert sei, begründet das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege.

Einen Nachmieter wünschen sich auch Manuela Ullrich und Bürgermeister Gantke. Ein Wohnblock nebenan soll altersgerecht umgebaut werden. Da wäre der Einkaufsmarkt vor der Haustür ideal.

Cornelia Langer hat ihre Schicht beendet. Sie schwingt sich auf ihr Fahrrad und radelt ins benachbarte  Domsdorf nach Hause. Ende des Jahres wird sie ein letztes Mal nach der Arbeit diesen Heimweg nehmen.