Von Stephan Meyer

„Are you staying here tonight?“, fragt eine kanadische Touristin, als ich gerade die Tür zu meinem ungewöhnlichen Nachtquartier öffne. Ob ich hier heute schlafe? Vor wenigen Minuten beendeten wir gemeinsam eine Führung auf der F 60. Das Nachtquartier in unmittelbarer Nähe ist ein sogenannter Slube – eine Art Mini-Hotel auf knapp sechs Quadratmeter Stellfläche. Sie ist ganz entgeistert und neugierig. Fragt mir Löcher in den Bauch. Es sieht schon futuristisch aus, was André Speri, Geschäftsführer der F 60 Concept GmbH, auf den Platz des Besucherbergwerkes hat hinstellen lassen. Ein zweistöckiger, schlichter, crèmefarbener Zylinder mit einer Glastür und zwei Fenstern – eines oben, eines unten.

Die Kanadierin und ihre Familie sind überrascht über die ungewöhnliche deutsche Erfindung. Aber nicht nur sie werden neugierig beim Anblick des Slubes. Fast täglich schließen die Mitarbeiter des Besucherbergwerks den Slube den F60-Gästen zur Besichtigung auf. „Die Flyerbox am Slube ist immer ganz schnell leer“, sagt Speri. „Wir kommen gar nicht hinter her mit dem Nachbestellen.“ Eine kommerzielle Nutzung des Mini-Hotels an der F60 ist jedoch noch nicht vorgesehen. Es dient lediglich als Musterexemplar.

Slubes für Kurzurlauber

Bevor ich mein Quartier beziehen darf, erläutert Speri bei einer Tasse Kaffee auf der Außenterrasse der Kantine des F 60-Infozentrums die Hintergründe zum Mini-Hotel. Es ist sonnig, Speri schiebt sich beim Gespräch regelmäßig seine Sonnenbrille in Richtung Stirn, nur um sie wenige Minuten später wieder auf seine Nase zu setzen. Es war 2018, als er die produzierende Firma Veloform kennengelernt hat. Von Anfang an war der Lichterfelder von den Slubes angetan. Der 54-Jährige war lange Jahre in der Immobilienbranche tätig, bevor er 2003 Geschäftsführer der F60-Concept GmbH wurde. Das Thema Immobilienwirtschaft hat ihn aber nie losgelassen. „Das ist eine sehr geeignete Übernachtungsmöglichkeit für Kurzurlauber, Radtouristen, die ein, zwei Nächte hier in der Region verbringen wollen“, sagt Speri begeistert.

Sparkasse Elbe-Elster mit eigenem Slube

Im Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Elbe-Elster hat er einen Befürworter gefunden, der den touristischen Wert der Slubes erkannt hat. Das Musterhaus an der F 60 ist Eigentum der Sparkasse. Die Bank hat selbst ein Exemplar vor ihrer Hauptgeschäftsstelle in Finsterwalde platziert. „Wir selbst können das nicht als Übernachtungsmöglichkeit vermieten“, so Speri. Das gehe aus gewerberechtlichen Gründen nicht.

Doch um eine Vermietung des Slubes geht es ihm nicht. Bis jetzt haben nur wenige dort kostenfrei schlafen dürfen – unter anderem Personal des Feel Festivals. Dass das Mini-Hotel dort stehe, habe einen enormen Marketingnutzen. „Den Slube in einem touristischen Kontext zu zeigen, ist doch etwas anderes, als ihn auf einer Messe zu präsentieren“, ist Speri überzeugt.

Nach der Tasse Kaffee verabschiedet er sich. Gegen 18 Uhr beziehe ich endlich mein Nachtlager – noch ganz altmodisch mit einem Schlüssel. Mini-Hotels die bereits im Betrieb sind, unter anderem in Berlin und Meißen, sind komplett durchdigitalisiert. Ein Check-in erfolgt in der Regel online via Smartphone.

Der Raum ist knapp bemessen, jedoch freundlich und modern eingerichtet. Eine Wand teilt den ohnehin schon kleinen Raum. Linker Hand befinden sich eine kleine Sitzecke mit Kissen und ein Hocker. Ein Holztisch, der an der Wand befestigt ist, lässt sich einklappen, um mehr Platz zu schaffen. Am Ende der Wand gibt es ein kleines Regal, das Stauraum bietet. Ein Bild an der Wand lockert den Raum auf.

Moderne Badeinrichtung auf engsten Raum

Der Landkreis Elbe-Elster versucht, schon seit langer Zeit Touristen für sich zu gewinnen, erläuterte Speri in seinem Gespräch. Das Hauptaugenmerk liegt vor allem bei Radtouristen. Das Besucherbergwerk mit samt seinen Veranstaltungen zieht darüber hinaus Gäste an. Der Slube an der F 60, so betont Speri, soll jedoch keine Konkurrenz zu Übernachtungsmöglichkeiten sein, die in den nächsten zwei bis drei Jahren am Bergheider See in unmittelbarer Umgebung entstehen – unter anderem ein Hostel und ein Campingplatz. Die Slubes könnten aber durchaus eine Ergänzung auf den Flächen der jeweiligen Anbieter sein.

Mein Blick schweift in das Bad, das überraschenderweise sehr modern daherkommt und dem futuristischen Äußeren des Slubes in nichts nachsteht. Alles ist mit schwarzen Kacheln ausgekleidet. WC, Handtuchhalter, ein doch recht kleines Waschbecken samt Spiegel und sogar eine Dusche sind vorhanden. Bevor ich ins Bett verschwinde, spaziere ich an den Bergheider See. Die Kulisse mit der F 60 ist atemberaubend.

Auch groß Gewachsene können sich ausstrecken

Bis jetzt seien es vor allem Ausflugstouristen, die in den Landkreis kommen, so Speri. Was in den nächsten Jahren am Bergheider See entsteht, könnte jedoch auch für Urlaubstouristen attraktiv sein. „Es geht darum, die Verweildauer der Gäste zu erhöhen“, erklärte er mir wenige Stunden zuvor. Dazu könnten die Slubes ebenfalls einen Beitrag leisten. Es gebe schon weitere Interessenten im Landkreis. Und wenn die Verweildauer höher ist, dann profitieren auch die ansässigen Unternehmen. „Da hängt eine ganze Wertschöpfungskette dran“, so die Überzeugung des Besucherbergwerk-Geschäftsführers.

Slubes unterscheiden sich kaum zu einem Hotel

Die Sonne schwindet inzwischen am Horizont, der Himmel ist mit Wolken behangen. Ich verschwinde in den Slube. Der Platz zum Umziehen ist begrenzt, reicht aber aus. Mit allzu viel Gepäck dürfen Slube-Touristen nicht reisen. Das steht nur unnötig im Weg herum. Ich erklimme die Treppe, die eher einer Leiter gleicht und bin überrascht. Die Liegewiese ist großzügig, zumindest für Gäste, die alleine schlafen. Mit meinen 1,86 Meter Körpergröße kann ich mich bequem ausstrecken.

Zur Abendunterhaltung nutze ich das integrierte WLAN. Die Verbindung ist einwandfrei. Über einen Laptop streame ich einen Film, den ich aber nicht bis zum Ende verfolgen kann. Immer wieder fallen mir die Augen zu. Der Laptop wird ausgeschaltet, die Nachtruhe eingeläutet. Schnell schlafe ich ein. Die Nacht ist ruhig, nahezu geräuschlos. Gelegentlich sind zirpende Laute von Insekten durch das offene Fenster zu hören. Gegen fünf Uhr morgens werde ich jedoch wach.

Die Sonne ist bereits aufgegangen und ich habe vergessen, den Vorhang zuziehen. Nachdem das nachgeholt ist, landet mein Kopf wieder für ein paar Stunden auf dem Kissen. Nach dem Weckerklingeln und einer Snooze-Phase wird das Bad getestet. Ein Unterschied zu einem üblichen Hotelzimmerbad ist kaum auszumachen, bis auf eben den Platz.

Slube eine Wohnalternative in Ballungsräumen

Wer in einem Mini-Hotel ein, zwei Nächte übernachten will, darf keine zu hohen Ansprüche haben. Es ist lediglich etwas für einen Kurzaufenthalt. Wem es nur um die Funktionalität und einen ruhigen Schlafplatz geht, ist hier sehr gut aufgehoben. Zu zweit könnte es schwierig sein. Die Enge im Erdgeschoss hat das Potenzial Streit auszulösen. Da ist gute Absprache vonnöten. Also am besten mit dem Freund oder der Freundin im Slube verweilen.

Im Hinblick auf die Erweiterung des touristischen Angebots können Slubes einen echten Mehrwert bieten. Auch in Anbetracht der Wohnungsnot in Ballungsräumen wie Berlin. Zudem ist der Slube an der F 60 die schlichteste Variante. Es gibt weitere Modelle, die luxuriöser ausgestattet sind, beispielsweise mit Außentreppe und Dachbalkon. Auch über Brücken verbundene Slubes sind schon möglich.

Über die möglichen Kosten einer solchen Übernachtung kann Speri bisher keine Auskunft geben. „Das hängt vom Standort ab“, sagt er. Doch er prognostiziert, der Preis wird sich an den gängigen Doppelzimmerpreisen eines Drei-Sterne-Hotels in der Umgebung orientieren.