(pm/blu) Verkehrserziehung in allen über 80 Kindertagesstätten des Elbe-Elster-Kreises: Mehr als 900 Schulanfänger sollen so auf ihren ersten Schulweg vorbereitet werden. Diesem Ziel bei einem im Land Brandenburg bisher einzigartigen Projekt ist die Kreisverkehrswacht Elbe-Elster ein ganzes Stück näher gekommen. Die Kinder, aber auch die Erzieherinnen, sind sehr erwartungsvoll, wenn Thomas Nissen und Holmar Zeisbrich in die Einrichtung kommen und mit ihnen auf spielerische Weise das richtige Verhalten auf der Straße üben.

Wir sind im großen Sportraum der „Sängerstadt“-Kita in Finsterwalde. Die beiden Verkehrswächter sind bereits das zweite Mal hier, weil es immerhin mehr als 40 Kinder betrifft, die im Sommer eingeschult werden. Thomas Nissen und Holmar Zeisbrich haben auf dem Fußboden mit Seilen eine Straßensituation aufgebaut. Und dann erzählen zuerst die Kinder – dass die meisten von ihnen von den Eltern mit dem Auto zur Kita gebracht werden. „Den Schulweg sollten eure Eltern noch vor der Einschulung zusammen mit euch gehen. Dabei nicht die kürzeste, sondern die sicherste Strecke wählen – damit ihr den Weg schon bald alleine gehen oder mit dem Fahrrad bewältigen könnt“, bittet Thomas die Kinder, das ihren Eltern zu sagen. „Doch dazu müsst ihr aber auch alleine wissen, wie man richtig eine Straße überquert“, ergänzt Holmar. Und er erklärt, wie man es macht: „Immer zuerst nach links, dann nach rechts und dann noch einmal nach links gucken, weil ja schon wieder ein Auto herangefahren sein kann.“

Am aufgebauten Zebrastreifen und auch an der Ampel, alles Elemente, die Thomas Nissen und Holmar Zeisbrich selbst gebaut haben, erfahren die Kinder, wie sie sicher über die Straße kommen. Anschließend lernen sie, wie man in den Schulbus einsteigt und sich hier richtig verhält. „Darf man hier essen und trinken?“, fragt Thomas Nissen – und viele Kinder wissen schon, dass das nicht und warum das nicht erlaubt ist.

Dann kommt ein Hörtest dran. Die Kinder bilden einen großen Kreis, nacheinander steht jedes Kind einmal in der Mitte, bekommt die Augen verbunden und muss mit der Hand in die Richtung zeigen, woher die Geräusche einer Hupe, einer Klingel und eine Sirene kommen, die abwechselnd die anderen Kinder betätigen. Jedes Kind kommt mal dran, alle sind so bei der Sache, das macht ihnen Riesenspaß. Als nächstes wird das Gleichgewicht geübt – wichtig, wenn die Kinder mit dem Fahrrad fahren. Jedes Kind bekommt ein kleines Säckchen auf den Kopf und muss an einem Seil entlang balancieren – ohne, dass das Säckchen herunterfällt. So mancher Steppke muss erleben, dass das gar nicht so einfach ist.

Nach noch anderen Übungen verteilen Thomas Nissen und Holmar Zeisbrich zum Schluss bunte Riesenkonfetti auf dem Fußboden. Alle Kinder gehen im Kreis und wenn die Musik aufhört, sollen sie zuerst mit dem linken Fuß auf die roten Blättchen treten. Richtig lustig wird es, wenn sie das rechte Ohr an die gelben Blättchen drücken und sich danach mit der linken Po-Backe auf die schwarzen Blättchen setzen sollen. „Wir üben damit die Farbenlehre, schnell auf rechts und links zu reagieren und auch die Motorik der Kinder. Was sich so einfach anhört, gelingt manchem Steppke nicht auf Anhieb“, hat Holmar Zeisbrich festgestellt.

Als er nach eineinhalb Stunden Verkehrstraining – ohne eine Pause – fragt „Hat es euch Spaß gemacht?“, kommt aus 18 Kehlen ein lautes und langes „Jaaaaaa“. Auch die beiden Erzieherinnen, die einige Übungen mitgemacht haben, sind begeistert. „Mir hat sehr gut gefallen, wie die Kinder spielerisch mit den Regeln im Straßenverkehr vertraut gemacht werden“, sagt Nancy Breitzke. Und Candy Krause ergänzt: „Die beiden Verkehrswächter verstehen es mit ihrem Programm und pädagogischem Geschick sehr gut, die Kinder bei ihrem Wissenstand abzuholen. Es war für alle ein Gewinn.“ Zum Schluss bekommen Jodi, Max, Lilly, Paul, Florian und all die anderen zur Erinnerung eine Urkunde und ein Malheft mit Motiven aus dem Straßenverkehr.

Inzwischen haben Thomas Nissen und Holmar Zeisbrich bereits fast alle Finsterwalder Kitas aufgesucht und sind jetzt in den Einrichtungen in Doberlug-Kirchhain unterwegs. Das Ziel der Kreisverkehrswacht ist es, bis zum Sommer alle Kindereinrichtungen im Elbe-Elster-Kreis mindestens einmal aufzusuchen, um so alle Schulanfänger in den Verkehrsunterricht einbeziehen zu können. „Wir sind in der glücklichen Lage, dazu ein neues, mehrjähriges Förderprogramm des Bundes für Langzeitarbeitslose nutzen zu können“, freut sich Dieter Babbe, Vorsitzender der Kreisverkehrswacht Elbe-Elster – auch über die Unterstützung des Jobcenters. „Allerdings schmilzt der Förderanteil von Jahr zu Jahr ab und wir müssen eine über die Jahre zunehmende finanzielle Lücke schließen. Das gelingt uns nur, wenn uns die Kommunen unter die Arme greifen.“ Deshalb haben Vorstandsmitglieder in den vergangenen Wochen alle kommunale Verwaltungschefs im Landkreis persönlich aufgesucht und um Unterstützung gebeten.

Die Reaktionen fallen noch unterschiedlich aus. Etliche Städte, wie Finsterwalde und Doberlug-Kirchhain, und Ämter, wie Kleine Elster, Elsterland und Schradenland haben bereits den Kostensatz von 20 Euro pro Kind für das erste Jahr zur Verfügung gestellt, das Amt Schlieben und zuletzt die Stadt Elsterwerda haben dieser Tage ihre eine Teilnahme bestätigt, andere Kommunen zögern noch, nur ganz wenige haben eine Teilnahme am Projekt abgelehnt.

Bei einer jüngsten Beratung der Kreisarbeitsgemeinschaft, der alle hauptamtlichen Bürgermeister und Amtsdirektoren angehören, hatte die Kreisverkehrswacht noch einmal die Gelegenheit, ihr Vorhaben vorzustellen und dafür zu werben. In dieser Runde ist das Projekt ausnahmslos begrüßt worden. „Wenn es um unsere Kinder in den Kitas und deren Sicherheit im Straßenverkehr geht, sollten wir nicht über Geld reden“, erklärte der Finsterwalder Bürgermeister Jörg Gampe, zugleich Schirmherr der Kreisverkehrswacht – der wegen der hohen Kinderzahl den größten Zuschuss von allen Kommunen im Kreis schultern muss. Andere sprachen ihren nicht ausgeglichenen Haushalt an, der keine (weiteren) freiwilligen Leistungen zulasse. Es sei für ihn „furchtbar“, dass aus eben diesen Gründen manche Kinder nicht in den Genuss einer solchen Verkehrserziehung kommen können, wie Werner Busse, Bürgermeister von Sonnewalde, bedauert.

Dabei unterstrich Rainer Genilke, der Präsident der Landesverkehrswacht, bei der Veranstaltung noch einmal, wie wichtig es ist, das Angebot der Kreisverkehrswacht anzunehmen: „2017 gab es 761 Verkehrsunfälle mit Kindern in Brandenburg, das ist Platz 3 im Bundesvergleich. 527 Kinder waren betroffen, alle 18 Minuten verletzten sich Kinder im Straßenverkehr.“ Ein besonders tragischer Fall ereignete sich im Januar 2018 in Brandenburg an der Havel. Ein zehnjähriges Mädchen ist von einem abbiegenden Lkw überrollt worden und verstarb an den Folgen.

Aktuell sind bis jetzt die Hälfte aller betroffenen Kinder in den Kitas des Kreises in das Projekt einbezogen. „Das reicht uns nicht. Wir werden weiter auf die anderen Kommunen zugehen, um sie für eine Unterstützung zu gewinnen. Unser Ziel ist es, dass alle Kinder wissen sollen, wie sie sich richtig auf der Straße verhalten müssen“, erklärt der Vereinsvorsitzende Dieter Babbe.

Inzwischen gibt es auch Hilfe von anderer Seite. Um zu allen Kitas des Kreises gelangen zu können, ist die Anschaffung eines weiteren Transporters notwendig. Während das Auto zum großen Teil von der Landesverkehrswacht beziehungsweise der Landesregierung finanziert wird, schließt die Stiftung der Sparkasse Elbe-Elster eine finanzielle Lücke von 5000 Euro. Roland Neumann, Beigeordneter beim Landkreis, der das Projekt bis dahin maßgeblich begleitet hat, hilft auch an anderer Stelle: Die Gehaltsabrechnung für die beiden Verkehrswächter wird vom Landkreis übernommen, um so den ehrenamtlich geführten Verein zu entlasten. Neumann hat außerdem eingefädelt, dass die Kreisverkehrswacht Elbe-Elster im März zu einer Veranstaltung des Rotary Clubs Herzberg eingeladen ist, um auch hier um Unterstützung für das wichtige Projekt zu werben.