Ende März brachte er sein neues Album „Irgendwie anders“ heraus, am 19. Juli tritt er in Finsterwalde beim Sommer-Open-Air der Sparkasse Elbe-Elster auf: Wincent Weiss (26). Der deutsche Popsänger und Songwriter im RUNDSCHAU-Gespräch.

Herr Weiss, die Remix-Version Ihres Songs „Unter meiner Haut“ war sehr erfolgreich, Sie sind Mitautor eines Songs von Helene Fischer und sie haben bei der TV-Sendung „Sing meinen Song“ Lieder anderer Künstler interpretiert. Welche Bedeutung hat für Sie beim Musikschreiben noch die Einteilung in Genres?

Weiss Ich denke gar nicht mehr in Genres. Gleichzeitig merke ich, dass viele Leute immer noch in Schubladen denken. Es gibt das Bild vom Deutschpop-Musiker, der Schwiegermutters Liebling ist, das Bild vom Gangsterrapper und das Bild von der Schlagerfrau – ich finde, da kann man sich gerne ein bisschen von abgrenzen und sich vom Genre-Denken loslösen.

Sie sind von Ihrer ländlichen Heimat nach Berlin gezogen, haben der Metropole aber schon wieder den Rücken gekehrt. Viele junge Menschen hingegen suchen den Trubel der Großstadt. Was hat Ihnen denn an der Hauptstadt nicht gefallen?

Weiss Bis zu meinem Abitur hatte ich immer auf dem Dorf gelebt. Damals habe ich gedacht ‚Ich will unbedingt in die Großstadt’ – auch, weil man in der Großstadt viel mehr Möglichkeiten hat. Das Gefühl hat glaube ich jeder einmal, der in einem Dorf aufgewachsen ist.

 Ich habe erst drei Jahre in München gelebt, dort meine ersten Songs geschrieben und mein Album gemacht. Danach bin ich nach Berlin gezogen, weil meine Plattenfirma dort ihren Sitz hat und die Musikbranche dort sehr, sehr groß ist. Aber ich habe dann gemerkt, dass ich irgendwie doch ein Dorfkind bin und mich da wohler fühle. In Berlin ist alles für mich ein bisschen zu groß und zu stressig geworden. Ich bin so viel unterwegs und wechsle die Städte fast jeden Tag, da ist mein Heimatdorf ein Ankerpunkt für mich. Ich kann auf dem Dorf viel, viel mehr entspannen.

Finsterwalde ist eine Kleinstadt, der Elbe-Elster-Kreis ländlich geprägt. Beim Blick auf Ihre Tour-Daten ist zu sehen, dass Sie neben den Metropolen auch in kleineren Orten spielen. Wie war das Kulturangebot in Ihrer Heimat, als Sie Jugendlicher waren?

Weiss Ja, das war glaube ich auch ein Grund, warum ich mir die Großstadt damals ausgesucht habe. Bei mir auf dem Dorf war nicht so viel los. Wir haben einmal im Jahr ein Blues-Fest, das mich zu der Zeit musikalisch nicht so interessiert hat wie heute. Für Konzerte musste man schon immer in die nächste größere Stadt fahren – zum Beispiel Hamburg oder Lübeck. Bei mir in der Umgebung war es echt mau. Daher finde ich es immer sehr schön, wenn ich in die ländlichen Gegenden komme und sehe, da werden Festivals organisiert und Konzerte veranstaltet. So etwas hätte ich mir in meiner Kindheit auch gewünscht.

Steckt da auch eine Absicht dahinter, im ländlichen Raum zu spielen?

Weiss Ich fühle mich im ländlichen Raum immer ein bisschen wohler. Jedes Mal, wenn wir zu einem Konzert mit dem Bus über Landstraßen fahren und dann ankommen, ist das für mich ein bisschen so wie Heimat. Die Atmosphäre ist irgendwie angenehmer. In der Großstadt sind die meisten Leute auch etwas übersättigt von Konzerten. In Berlin gibt es jeden Abend Konzerte und Veranstaltungen. Das ist da ganz normal. Auf dem Dorf kommen auch Leute vorbei, die keine Fans von mir sind. Sie kommen einfach aus dem Grund, weil es dort eine Veranstaltung gibt. Da herrscht ein Zusammenhalt, die ganze Region kommt, alle schauen sich das Konzert an. Die Atmosphäre ist dort oft stärker, weil die Leute viel euphorischer an so ein einmaliges Erlebnis herangehen.

Ihre letzten Jahre waren turbulent. Trotz Ihrer Erfolge hatten Sie auch Zweifel. Sie hatten sogar darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen und Ihre Karriere an den Nagel zu hängen. Warum haben Sie sich letztendlich, trotz aller Entbehrungen, für die Weiterführung ihrer Musikerkarriere entschieden?

Weiss Weil es mir einfach so viel gibt. Jedes Mal, wenn ich auf der Bühne stehe, merke ich, das ist genau das, was ich machen möchte – vor Tausenden von Leuten Musik machen, die dich alle glücklich anschauen. Wenn mich Leute auf der Straße treffen, kann ich denen mit zehn Sekunden meiner Zeit den Tag unvergesslich machen. Die Leute freuen sich und zittern. Ich habe einfach die Gabe, die Leute glücklich zu machen. Und das ist glaube ich das schönste Gefühl, das man so haben kann. Da kann man auch über all die Schattenseiten, die so ein Erfolg mit sich bringt, hinwegsehen. Das ist ja auch meistens Klagen auf hohem Niveau. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Von daher wäre es einfach total blöd, aufzuhören und seinen Traum hinzuschmeißen, nur weil man mal viel Stress hat. Ich versuche momentan, mein Privatleben und meinen Beruf ein bisschen mehr zu kombinieren und nicht nur zu 100 Prozent Berufsmusiker zu sein. Deswegen wird das alles gerade etwas entspannter und angenehmer.

Ihr aktuelles Album ist intimer und persönlicher als das vorige. Haben Sie nicht Angst, dass Sie irgendwann zu viel von sich preisgeben? Wo ziehen Sie die Grenze? Holen Sie sich vor den Veröffentlichungen eines Songs Rückmeldungen aus dem Familien- und Freundeskreis ab?

Weiss Ich hole mir schon ab und zu Feedback, bin aber sehr resistent gegen Hilfsanregungen. Ich war von Anfang an der Meinung, dass ich einfach alles von mir erzählen möchte und ein offenes Buch bin. Ich möchte nicht ein Künstler sein, der sich eine Fassade aufbaut und Theater spielt. Das hat natürlich seine Vor- und Nachteile.

 Es kam auch schon vor, dass meine Familie dadurch mehr im Vordergrund stand, erkannt wurde und Stress im Privatleben hatte. Ich denke über die Außenwirkung, die ein Lied haben kann, beim Schreiben leider oft nicht so richtig nach. Aber mittlerweile habe ich gelernt, dass es da Grenzen gibt, auch weil Beziehungen darunter sehr leiden können. Als ich noch mit meiner Ex-Freundin zusammen war, war sie auch in der Öffentlichkeit bekannt. Sie hat sehr viele unschöne Nachrichten bekommen und wurde auch auf der Straße unfreundlich angesprochen. So etwas will ich natürlich verhindern. Ich möchte die Leute in meinem Umfeld schützen, aber von mir viel preisgeben.

Das Klischee vom erfolgreichen Newcomer, der sein Geld mit beiden Händen ausgibt, trifft auf Sie nicht zu, zudem macht Ihre Mutter Ihre Buchhaltung. Wann gönnen Sie sich mal etwas, wo werden Sie schwach?

Weiss Ich glaub am schwächsten werde ich bei Essen. Ich finde es sehr, sehr gut, dass meine Mutter meine Buchhaltung macht und da den Riegel so ein bisschen drüber schiebt und ich nicht anfange, das Geld aus dem Fenster zu schmeißen und sinnlose Sachen zu kaufen. Aber bei Essen ist es schon krass. Zum Beispiel bin ich gerade im Tonstudio in München und da bestellen wir uns abends schon sehr oft Essen. Dafür gebe ich glaube ich am meisten Geld aus – für Reisen und für Essen. Da habe ich einfach meine Ruhe. Das ist der Luxus, den ich mir gönne, in dem ich mir ein bisschen Freizeit erkaufe, indem ich alleine reisen kann, selber Auto fahre, überall essen kann und mir mal ein Steak gönne.

Mit Wincent Weiss
Sprach Stephan Meyer

Sommer-Open-Air 2019 der Sparkasse Elbe-Elster am 19. Juli, 19 Uhr, auf dem Marktplatz in Finsterwalde. Karten gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen oder unter 0355 481555.