Weinende Kinder auf der Straße, um Hilfe rufende Menschen, dankbare Frauen, die sich über frische Wäsche freuen, Gebäude ohne Außenmauer, Brücken, die nur noch auf einem Pfeiler stehen, kaputte Tankstellen und Kerzen in den Fenstern, die an Tote erinnern.
Die Eindrücke, die Willi Kutscher und Robert Schröder von einer ersten Tour ins Flutkatastrophengebiet Rheinland-Pfalz mitgebracht haben, sind erschütternd. Die Männer aus der Lausitz, der eine aus Crinitz (Elbe-Elster) – der andere aus Calau (Oberspreewald-Lausitz) – kennen sich beruflich. Sie sprudeln über, müssen und wollen ihre Eindrücke mitteilen. Das hilft ihnen, das Gesehene und Erlebte zu verarbeiten.

Calauer Unternehmerpaar startet Spendenaktion für Hochwasseropfer

Die Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist am Freitag (16. Juli 2021) auf allen Fernsehkanälen und um Rundfunk Thema. Susann Schröder lassen die Bilder, die sie sieht, nicht mehr los.
Am Abend sagt sie zu ihrem Mann: „Wir müssen helfen!“ Sie startet über Facebook einen Spendenaufruf und ist am nächsten Morgen von der Resonanz überwältigt. Die 35-Jährige spricht von einem „Übermaß an Spenden“. Schröders, die in Calau das Transportunternehmen SR Transporte führen, kontaktieren Willi Kutscher in Crinitz und bitten ihn um Hilfe beim Einsammeln der Spenden.
Kutscher hat eigentlich keine Zeit, weil er mit seinem Crinitzer Eventverleih eine Hochzeit an diesem Tag ausstattet. Doch der 22-Jährige kommt trotzdem nach Calau, hilft, solange es sein Job erlaubt, und auch danach wieder. „Wir haben den ganzen Sonnabend Spenden eingesammelt“, sagt Susann Schröder.
Nach der Flutkatastrophe in Dernau (Landkreis Ahrweiler), Rheinland-Pfalz. Das Wasser stand bis zum 2. OG.
Nach der Flutkatastrophe in Dernau (Landkreis Ahrweiler), Rheinland-Pfalz. Das Wasser stand bis zum 2. OG.
© Foto: Willi Kutscher
Unternehmer und Privatleute öffnen ihre Herzen und spenden, was aus ihrer Sicht im Katastrophengebiet notwendig ist: Hygieneartikel, Kleidung, Lebensmittel, Gaskocher, Zahnbürsten, Spielzeug, Rollatoren, Kinderwagen, Getränke.
Zu den Spendern gehören unter anderem die Sozialstation „Helfende Hände“ in Calau, Indeed Mode Monika Lux in Vetschau, das Hotel und Restaurant Waldhufe in Doberlug-Kirchhain, Dienstleistungen Klares Glas in Calau, die Anwandter-Apotheke Calau, die LVM Versicherungsagentur Enrico Hausmann in Ortrand, die Freiwillige Feuerwehr Werchow und Kutschers Dienstleistungen in Crinitz sowie viele Privatleute.

Die Spendenbereitschaft der Lausitzer ist überwältigend

„Eine ältere Frau hat am Telefon geweint. Sie wollte Geld spenden, wir haben aber nur Sachspenden genommen. Da habe ich ihr geraten, sie soll für ihre 200 Euro einkaufen gehen – Zahnbürsten, Handtücher und so. Das hat sie gemacht und war glücklich“, erzählt Susann Schröder. Eigentlich wollten sie erst am 23. Juli ihre Spenden vor Ort bringen. „Doch wir hatten so viel, dass wir entschieden haben, gleich am Sonntag nach der Katastrophe loszufahren“, sagen die Initiatoren.

Die 700 Kilometer ins Katastrophengebiet werden zum Ende eine Strapaze

Die 35-Jährige hat ein persönliches Interesse, den Flutopfern in Rheinland-Pfalz zu helfen. „Ich bin zwar in Spremberg geboren, aber in Rheinland-Pfalz aufgewachsen, habe dort zwölf Jahre im Hunsrück gelebt. Diese Spendenaktion ist eine Herzenssache für mich“, begründet sie ihr Engagement.
Ihren Mann Robert steckt sie an. Er sagt: „Meine Frau hat mich mitgerissen. Wir haben die Bilder vom Ort Schuld im Fernsehen gesehen und kennen die Hochwassersituation von Dresden her“, sagt er.
Unwetter in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen

Bildergalerie Unwetter in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen

Schröders transportieren mit ihrem Unternehmen „alles bis 3,5 Tonnen außer Lebensmittel und Gefahrgut“, wie der 40-Jährige kurz umschreibt. „Und das europaweit.“ Lange Strecken ist er gewohnt. Dennoch werden die 700 Kilometer bis Rheinland-Pfalz kein Pappenstiel, vor allem als Robert und Willi direkt im Katastrophengebiet ankommen. In Schuld hat man sie nicht in den Ort gelassen.
„Da war alles abgeriegelt wegen des Besuchs der Kanzlerin. Wir durften nicht mal den Kindern, die weinend an der Straße saßen, etwas geben“, erzählen Willi und Robert. Also fahren sie weiter über schlammgeflutete Straßen, schmale Wege und von der Kraft des Wassers angegriffene Brücken bis sie die Stadt Dernau an der Ahr erreichen.
„Eine Kleinstadt wie Calau, die man vom Wein her kennt“, sagt Robert. Und es erweist sich als richtig. „Die kleineren Orte, die die nicht ständig im Fernsehen zu sehen sind, die sind völlig auf sich allein gestellt“, berichten sie.
Nach der Flutkatastrophe in Dernau (Landkreis Ahrweiler), Rheinland-Pfalz. Viele Brücken haben dem Wasser nicht standgehalten.
Nach der Flutkatastrophe in Dernau (Landkreis Ahrweiler), Rheinland-Pfalz. Viele Brücken haben dem Wasser nicht standgehalten.
© Foto: Willi Kutscher

Die Lausitzer erleben, wie die Hilfe in Dernau anläuft

„Drei Viertel von Dernau war geflutet. Die Häuser standen bis zum 2. Obergeschoss unter Wasser“, sagt Willi. Die Ahr ist hier statt drei Meter plötzlich zwölf Meter breit. Sie ziehen sich Gummistiefel an und suchen den Kontakt zu Einheimischen.
Weil die Kirche schon mit Hilfsgütern vollgestellt ist, werden sie zur Schule weitergeleitet. „Fünf Minuten vorher war gerade der Schlamm vom Schulhof geschoben worden. Unter einem Vordach konnten wir dann unsere Spenden sortiert abstellen“, so Robert Schröder.
Später wird dort eine bewachte Sachspendenstelle und ein Duschplatz mit Container eingerichtet. „Wir haben erlebt, dass uns Leute um saubere Sachen gebeten haben, die sich tagelang nicht waschen konnten“, berichten die Männer.
Abends sitzen die Menschen, abgeschnitten von TV und Telefon, beisammen, machen Feuer mit dem vielen Holz und weinen. „Ich habe es mir vorher nicht so schlimm vorgestellt. Viele Leute dort haben nichts mehr“, sagt Robert.

Nächster Hilfstransport aus der Lausitz steht bereit

Die Fahrt nach Dernau soll keine Eintagsfliege bleiben. Bei Susann klingelt das Telefon am laufenden Band, bei Willi stehen die Spenden vor der Haustür. Es kommen Angebote aus Lauchhammer, Senftenberg, Stralsund, Thüringen und Dortmund.
Schon wieder ist ein Transporter voll bepackt mit Spenden. Freitag (23. Juli) wollen sie alles nach Dernau bringen. Willi darf im Crinitzer Jugendklub Spenden annehmen. Die Fleischerei Müller aus Crinitz schickt 200 Bockwürste mit und die Bäckerei Bubner Kuchen. Susann Schröder ist fest entschlossen: „Das lief so gut an. Wir wollen den Kontakt halten. Sobald die Zeit ran ist, denken wir auch daran Möbel, Waschmaschinen und Kühlschränke zu spenden.“

Hochwasserspenden aus Brandenburg

Für die Spenden aus Brandenburg wurde ein Konto eingerichtet: Landkreis Märkisch-Oderland, IBAN: DE39 1705 4040 0020 0662 95, Stichwort: Spenden Hochwasserhilfe 2021