Von Stephan Meyer

 „Schwein gehabt“ habe sie in ihrem Leben, sagt Lore Robinson und fragt im nächsten Satz, ob man das denn noch so in Deutschland sage. Seit Juni 1939 wohnt die heute 95-Jährige in England. Sie hatte Glück, konnte im Alter von 15 Jahren als eines von 10 000 jüdischen Kindern nach Großbritannien ausreisen – der so genannte Kindertransport. Ihre Mutter Aennie Michel-Simmons hingegen fiel dem Holocaust zum Opfer und verstarb infolge einer Typhuserkrankung, nachdem sie zusammen mit ihrem Ehemann Fritz Michael mit dem „Verlorenen Transport“ am 23. April 1945 in Tröbitz landete. Um ihrer Mutter und anderen Opfern jenes Transportes zu gedenken, zieht es die rüstige Großmutter fast jährlich zu den Kranzniederlegungen in die Gemeinde des Elbe-Elster-Kreises – so auch am gestrigen Tag.

Mit dem „Verlorenen Transport“ wird die Irrfahrt eines Zuges mit 25 000 jüdischen Häftlingen aus zwölf Nationen bezeichnet. Es war einer von drei Räumungstransporten aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen, die kurz vor Ende des Krieges nach Theresienstadt geschickt wurden. Der Zug war 13 Tage lang unterwegs, bevor er am 23. April 1945 in Tröbitz zum Stehen kam und die Insassen befreit wurden. Trotz der Hilfe der Tröbitzer starben jedoch 558 Frauen, Männer und Kinder.

Lore Robinson ist es wichtig, nach Tröbitz zu kommen und das Gedenken weiter zu tragen. Alleine ist sie nicht angereist. Tochter Jo Buchan und Enkelin Catherine Robinson samt Catherins zukünftigem Ehemann Per Nilsson Eklöf hat sie mitgebracht. Einen Groll gegen Deutschland habe sie, trotz Holocaust, nie gehegt. Inzwischen hat sie sogar einen deutschen Reisepass. Die Londonerin ist froh darüber, wie ihr Leben nach dem Kindertransport verlaufen ist – mit Ehemann, Kind und Enkelkind.

Dem „Verlorenen Zug“ komme eine besondere Bedeutung zu, sagt Dr. Peter Fischer vom Zentralrat der Juden, der dem Gedenken in Tröbitz regelmäßig beiwohnt.

„Nirgendwo nach 1945 gab es in Deutschland eine solche Situation“. Vermeintliche „Herrenmenschen, während des Nationalsozialismus aufgehetzt gegen vermeintliche „Untermenschen“, trafen nun aufeinander. Die Tröbitzer mussten die ehemaligen KZ-Häftlinge, auf Befehl der Roten Armee, in ihr Wohnmilieu aufnehmen. Aus der Unterstützung der Tröbitzer Gemeinde habe sich ein Impuls deutsch-jüdischer Begegnung entwickelt, sich ein humanitärer Geist geregt, erklärt Fischer.

400 bis 500 Kinder des Zuges haben damals überlebt. Inzwischen gibt es weit mehr als 10 000 Nachfahren der ehemaligen geretteten Zug-Insassen. Viele wissen um Tröbitz. Doch die Zahl der Zeitzeugen solcher Ereignisse nimmt zunehmend ab. Um deren Geschichten dauerhaft festzuhalten, werde momentan ein Projekt geplant, dass sich dem Schicksal geretteter jüdischer Kinder widmet. „Die erforderlichen Mittel sind bereits genehmigt“, sagt Peter Fischer. 2020 werde mit den Recherchen für eine Ausstellung begonnen.

Im nächsten Jahr jährt sich das Ereignis bereits zum 75. Mal. Auch Lore Robinson hat vor, dann wieder nach Tröbitz zu kommen. Andreas Claus, Bürgermeister von Uebigau-Wahrenbrück (parteilos), ist sich im Klaren, dass dies für das Gedenken und die Erinnerung in der Region ein besonderes Ereignis werden wird. Er weiß, es haben sich bereits einige Gäste angekündigt. Konkrete Pläne für den Rahmen und die Umsetzung der Gedenkveranstaltung gibt es momentan noch nicht.