Diamantene Hochzeit
: Sängerfest-Flirt wird zur großen Liebe in Lindena

Klaus und Helga Richter haben das Geheimnis der Liebe entschlüsselt. Nicht mit Absicht, aber mit Erfolg. Seit 60 Jahren gehen sie durch dick und dünn. Der Rundschau verraten die Lindenaer ihr Liebesrezept. Es hat mehrere Kapitel.
Von
Henry Blumroth
Lindena
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An dieser Stelle sei ein Auszug aus Klaus Richters Rede zur Diamantenen Hochzeit mit seiner Helga am 5. März 2020 erlaubt: „Amors Pfeil hatte uns richtig getroffen, mitten ins Herz, das machte uns stark gegen Sorge und Schmerz. So wird ein großes Ziel wahr: Wir sind ein Diamantenes Hochzeitspaar.“

Henry Blumroth

Die Eheleute erinnern sich, als ob es gestern gewesen wäre: Bei einem der ersten Finsterwalder Sängerfeste im Jahr 1957 treffen sich auf dem Finsterwalder Marktplatz die Blicke von Helga Paar und Klaus Richter. Der 20-jährige Lindenaer weiß, wie er die Mädchen begeistern kann. Mit seiner Haarpracht hat er bei ihnen einen großen Schlag. Und er weiß, sich zur Musik zu bewegen. Das hat sich herumgesprochen.

„Ich habe an dem Abend mit einigen jungen Frauen getanzt, aber bei Helga hat es mich erwischt“, blickt Klaus Richter 63 Jahre später zurück. Auch die damals 19-jährige Bettenerin sei schnell hin und weg gewesen.

„Klaus hat mich nach dem Tanz mit seiner 350er Java nach Hause gebracht. Ich war sofort von ihm begeistert“, sagt Helga Richter. Weitere Verabredungen folgen. Ganz ohne SMS und WhatsApp. Aus der Schwärmerei wird Liebe.

Mit dem Traktor Hab und Gut sowie Ehefrau abgeholt

Am 5. März 1960 wird die Liebe amtlich. In der Bettener Kirche geben sich die beiden das Ja-Wort. „Ein paar Tage später kam mein Mann in Betten mit einem Traktor vorgefahren“, erinnert sich Helga Richter wenige Tage vor der Diamantenen Hochzeit.

Ehefrau sowie ihr Hab und Gut wurden gut verstaut. Das Ziel: die damals zweitgrößte Landwirtschaft in Lindena der Familie Richter. Drei Monate später erblickt Sohn Dino das Licht der Welt, gut neun Monate nach dem dritten Hochzeitstag der Richters macht die Geburt des zweiten Sohnes René das Familienglück perfekt.

„Die Kinder haben uns immer jung gehalten“, ist sich das Ehepaar einig. Und nennt damit Teil eins seines Erfolgsrezeptes für eine glückliche Beziehung über eine Dauer von mehr als sieben Jahre hinaus.

Auf der Kippe gestanden habe die Ehe nie. Ein weiteres Erfolgsrezept: „Jeder macht seins“, antworten die Eheleute wie aus der Pistole geschossen. Helga Richter kümmert sich in den ersten Ehejahren um die Erziehung der Kinder sowie um Haus und Hof und die heimische Landwirtschaft.

Ehemann Klaus ist viel unterwegs. Was früher die Frauen waren, ist jetzt die berufliche Karriere. Traktorist, Schlosser für Landtechnik, Schlossermeister für Landtechnik und Ingenieur für Landtechnik darf sich der Mann nach und nach nennen. Für letztere Station ist Klaus Richter in den 1970ern fünf Jahre lang mehr in Nordhausen als zu Hause.

Auch längere Trennungsphasen werden nicht zur Hürde

Das Ehepaar Richter übersteht eine Zeit, die heute für viele Paare trotz Video-Telefonie zum Trennungsgrund wird. Und es übersteht vor zehn Jahren auch eine schwere Krankheit, die Klaus Richter ein halbes Jahr durch so ziemlich jedes größere Krankenhaus in Brandenburg treibt.

Und da wird der Ehemann, der sonst keinen Scherz auslässt, dann doch einmal ganz ernst. Als seine Frau das Hochzeitsfoto sucht, sagt er: „Ohne Helga hätte ich diese sechs Monate nicht überstanden. Wir sind durch sehr schöne Zeiten gegangen, aber haben auch die schwierigen Zeiten gemeinsam gemeistert.“

Noch heute verbringen die Senioren den größten Teil des Tages draußen. Auf dem großen Grundstück gibt es immer etwas zu tun und auch im benachbarten Autohaus mit Werkstatt von Sohn Dino packen die Eheleute kräftig mit an – Teil drei des Erfolgsrezeptes für eine lange Ehe. Dazu kommt die gemeinsame Leidenschaft fürs Reisen. Bis nach Las Vegas führte sie ihr Weg, nachdem sie Europa und Russland erkundet hatten.

Eheleute bleiben aktiv mit dem Fahrrad

Inzwischen sind es eher Tagesausflüge, die die Rentner aus Lindena weglocken. Und wenn das Wetter mitspielt, geht es an jedem Sonntagnachmittag mit dem Fahrrad auf Tour. Aus dem nicht eingetragenen Verein „Die Speichen“ sind über die Jahre „Die rostigen Speichen“ geworden. Einige Männer haben die Formation verlassen – gesundheitsbedingt oder weil sie gestorben sind. Helga Richter und acht Frauen sind übrig geblieben.

Der Hahn im Korb: Klaus Richter. „Ich werde vor jeder Tour von den Damen gedrückt. Das ist für mich ein Hochgenuss, schon bevor wir in die Pedale treten“, sagt er. Das darf er auch, weil seine Frau – damals wie heute – weiß, wie ihr Mann das meint.

Die Touren werden kürzer, die Ziele werden nicht zum ersten Mal entdeckt. „Wenn wir einmal durch sind, fangen wir wieder von vorne an“, sagt Helga Richter. Die Eheleute Richter zählen zu den älteren Radlern der Truppe, an ein Aufhören ist für das Paar aber längst nicht zu denken.

Genauso wenig wie an ein Leben ohne die jeweils bessere Hälfte. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Das möchte ich mir auch nicht vorstellen“, sagen Helga und Klaus Richter. „Wir haben immer über alles geredet. Es gab keine Alleingänge in all den 60 Ehejahren“, blicken sie gemeinsam auf mehrere Jahrzehnte zurück. Dazu gibt es ein Küsschen – und damit ist das Rezept für den perfekten „Liebeskuchen“ fast komplett.

Aus der Sängerfest-Flirterei erwächst eine große Familie

Inzwischen sind es zwei Söhne, fünf Enkel und drei Urenkel, die das Ehepaar neben der Werkstatt und dem großen Grundstück auf Trab halten. Alle sind in der Nähe geblieben. Gemeinsam mit 45 Familienmitgliedern und Freunden wird das mehr als 60 Jahre haltende Eheglück am 5. März 2020 in Lindena mit der Diamantenen Hochzeit groß gefeiert.

Dann sind auch viele Weggefährten aus dem Schönborner Ortsteil dabei. Bei Helga Richter sind es unter anderem die Frauen aus dem regen Bauernmuseumverein, in dem die heute 81-Jährige nach wie vor aktiv ist. Bei dem heute 82-jährigen Klaus Richter sind es auch die Kameraden aus der Feuerwehr des Dorfes, in der der Hauptlöschmeister seit 1954 jahrzehntelang seinen Dienst tat.

Klar: Auch die Zärtlichkeiten dürfen nach 60 Ehejahren nicht fehlen. Händchen halten gehört für die Lindenaer ebenso dazu wie ein allabendliches Ritual: „Zum Schlafengehen gibt es ein dickes Küsschen und dann wird feste gekuschelt“, sagt Helga Richter. Und wie schon Ende der 1950er-Jahre drücke sich ihr Mann danach an sie, als sei sie das Wichtigste für ihn auf der Welt. Das ist wohl auch so.