(pm/blu) In den vergangenen Jahren haben mehrere Nachkommen der Galliners die ehemalige Heimatstadt der jüdischen Familie besucht. Auch Emil und Martha Galliners Ur-Enkel Merrick Friedman und Jeanine Hack interessieren sich sehr für das Leben ihrer Vorfahren in Finsterwalde. So besuchte Merrick Friedman vor wenigen Tagen gemeinsam mit seiner Frau Lauren die Sängerstadt. Darüber informiert Finsterwaldes Stadtsprecherin Paula Hromada.

Großcousine Nicola Galliner, Gründerin und Leiterin des Jüdischen Filmfestivals Berlin-Brandenburg, begleitete die beiden, die extra aus Südafrika gekommen sind und die lange Anreise nicht bereuten: „Das Haus und auch das Geschäft sind sehr schön. Es ist beeindruckend zu sehen, wie Martha und Emil gelebt haben. Die weite Reise hierher hat sich auf jeden Fall gelohnt“, sagte Merrick Friedmann bei der Verabschiedung.

Babette Weber, Leiterin des Museumsverbundes Elbe-Elster, die gemeinsam mit ihrem Vorgänger Dr. Rainer Ernst den Kontakt zu den Nachkommen der Familie hält, betonte: „Für mich sind diese Begegnungen immer sehr berührend. Ich finde es sehr wichtig, dass die Nachfahren von Emil und Martha Galliner nach deren schrecklicher Vertreibung 1938 im heutigen Finsterwalde freundlich empfangen und aufgenommen werden.“

Gemeinsam mit Sängerstadt-Bürgermeister Jörg Gampe besuchte die Delegation auch die Stolpersteine, die sich am ehemaligen Wohnhaus in der Johannes-Knoche-Straße und am Geschäft an der heutigen Berliner Straße befinden. Nicola Galliner, Merrick und Lauren Friedman interessierten sich sehr für die aktuelle Entwicklung der Stadt und hatten vor allem dazu viele Fragen, die Bürgermeister Jörg Gampe gern beantwortete.

Auch Merricks Schwester Jeanine Hack war bereits 2009 in Finsterwalde zu Gast. Ihre Mutter Joan Friedman kam im September 2009 zur Verlegung der Stolpersteine, schon vorher stand die Familie in engem Kontakt zu Rainer Ernst. Nach seiner Verabschiedung in den Ruhestand kümmert sich nun Nachfolgerin Babette Weber um den Austausch mit der Familie. Auf der Basis des umfangreichen persönlichen Nachlasses ihrer Ur-Großeltern Galliner hat Jeanine Hack das Buch „Epitaph Of No Words“ (zu Deutsch etwa: „Grabstein ohne Worte“) geschrieben. Der Titel bezieht sich auf die Enkelin von Emil und Martha Galliner, Jutta Friedman. Sie starb im Alter von vier Jahren unmittelbar nach der Flucht der Familie nach Namibia an Keuchhusten. Ihr Grabstein hatte keine Inschrift.

In dem Buch zeichnet Jeanine Hack die Stationen der Flucht ihrer Ur-Großeltern anhand von Postkarten und Unterlagen nach, die Emil und Martha Galliner hinterlassen haben und die über Dorothea Jacobsen (Emil und Martha Galliners Tochter, Merricks und Jeanines Großmutter) an Jeanine gekommen sind. Im Buch nachzulesen ist die lange und schwierige Reise der Familie Galliner.

1941 verließen sie Deutschland, um der Judenverfolgung des Dritten Reichs zu entgehen. Sie fuhren mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok, gingen von dort nach Shanghai, wo sie mehrere Jahre unter elenden Umständen lebten. Von Shanghai aus gelangten sie 1949 in die USA und von dort schließlich 1951 über England und Namibia nach Südafrika. Dort leben noch heute ihre meisten Nachfahren.

Jeanine Hacks Buch „Epitaph of No Words“ wird am 3. Oktober offiziell im „Cape Town Holocaust and Genozide Centre“ in Südafrika vorgestellt. „Für unsere Forschungstätigkeit, insbesondere die von Dr. Ernst, ist das eine unschätzbar wertvolle Quellenarbeit, die sicher auch etliche Wissenslücken über den Lebensweg von Emil und Martha Galliner nach 1941 schließen wird. Das Buch ist in Englisch erschienen, und es wäre sehr wünschenswert, wenn es ins Deutsche übersetzt und damit auch hierzulande breiter zugänglich gemacht würde“, erklärte Babette Weber beim gemeinsamen Gespräch im Finsterwalder Schloss.

Alle Beteiligten waren sich einig, dass sie auch in Zukunft weiter Kontakt und die Erinnerung an Martha und Emil Galliner wach halten möchten.