Von Heike Lehmann

Emad Abbas ist 42 Jahre alt. Der Syrer ist vor dem Assad-Regime nach Deutschland geflüchtet und lebt vorübergehend in der Erstaufnahmeeinrichtung der Zentralen Ausländerbehörde Brandenburgs in Doberlug-Kirchhain – der kleinen südbrandenburgischen Stadt, die 2015 plötzlich ganz direkt mit der großen Flüchtlingswelle zu tun bekam. Emad Abbas sagt: „Die Menschen sollten weniger Vorurteile haben und auf ihre Werte achten.“ Er gehört zu den Protagonisten eines außergewöhnlichen Kunstprojekts zu Solidarität und Menschlichkeit, das am Donnerstag erstmals präsentiert wurde.

Gemeinsam mit 32 Bewohnerinnen und Bewohnern der Erstaufnahmeeinrichtung für geflüchtete Menschen in Doberlug-Kirchhain hat der in Berlin lebende Künstler Stefan Büchner im November 2018 das Projekt „…making them disappear“ (... lasst sie verschwinden“) durchgeführt. Der Künstler, viele Jahre Werbefotograf, hat die Flüchtlinge porträtiert und die großformatigen Fotos durch Übergießen mit Wachs zu schemenhaften Bildern verfremdet. Diese Bilder wurden ergänzt mit eigenen Arbeiten der Porträtierten. Das soll neue Sichtweisen auf die Vielfältigkeit der in Deutschland ankommenden Menschen eröffnen.

Zu den Teilnehmern gehört auch Alice Wanjiku Wairimu aus Kenia. die 38-jährige Verkäuferin wuchs als Waise auf. Sie möchte jetzt die deutsche Wirtschaft unterstützen und somit ein besseres Leben für sich und ihre Tochter ermöglichen. Auch Reza Azimi aus Afghanistan hat sich porträtieren lassen. Der 18-Jährige ist seit seinem 7. Lebensjahr ohne Eltern in der Welt unterwegs, spricht sehr gut Deutsch und möchte in Deutschland eine Ausbildung zum Erzieher machen.

Die Projektidee hat Stefan Büchner selbst entwickelt. „Ich habe vorher noch nie Kontakt zu Flüchtlingen gehabt“, sagt er. Den Titel der Ausstellung erklärt er deshalb so: „Hier gestrandete Flüchtlinge werden von uns häufig ignoriert oder  man wünscht sich, dass sie gleich wieder verschwinden. Sie sind nicht wirklich willkommen. Ich will, dass sie mit ihren Gedanken für uns Gestalt annehmen.“ Durch das Wachs verlöre das Foto an Kontrast – „damit wollte ich das Verschwinden der Menschen sichtbar machen“, so der Künstler. „Aber die Porträtierten wurden so auch irgendwie konserviert.“

Von den fotografierten 32 Projektteilnehmern wurde am Donnerstag eine Auswahl im Saal der Erstaufnahmeeinrichtung gezeigt. „Einige von ihnen waren gleich wieder weg aus Doberlug-Kirchhain, andere später. Knapp zwanzig von ihnen leben aber immer noch hier“, weiß Stefan Büchner. Jene, die bei der Ausstellungseröffnung dabei waren, wurden vielfach von anderen Bewohnern erkannt. Stolz haben sie sich immer wieder neben ihr Porträt gestellt. Wie zum Beispiel  Shakhruzat Bolatova, eine 27-jährige Frau aus der Russischen Föderation. Oder Rafi Shahrokhi (22) aus Afghanistan, den die Liebe gepackt hat und der einfach hofft, dass er das Herz seiner heimlich Angebeteten erobern kann.

So sehr der Blick in die Gesichter auch fesselt – der Blick auf die Darstellungen daneben lohnt nicht minder. In einem gleichgroßen Rahmen mit schwarz gefärbtem Bienenwachs hat Stefan Büchner den jeweiligen Personen Platz gegeben für eigene Botschaften. Sie konnten sich dabei verschiedener Techniken bedienen – kratzen oder malen. Auf jeden Fall geben die Ergebnisse Einblicke in die Gedankenwelt des Geflüchteten. Die Spanne reicht vom farbigen Regenbogen von Tala Aiman Abdelrahman Mohamed, eines siebenjährigen Mädchens aus dem Sudan, das am liebsten „Schule“ spielt und Deutschlehrerin werden möchte, bis zur „Welt“ von Emad Abbas mit dem Satz „Es ist nie zu spät, die Menschenrechte zu retten“.

Entscheidenden Anstoß für das Projekt hat Theo Ripplinger, drei Jahre lang Objektleiter der Erstaufnahmeeinrichtung Doberlug-Kirchhain, gegeben. Er hat die schwierige Phase von der provisorischen Zeltstadt zum organisierten Flüchtlingswohnheim mit gelebter Demokratie erfolgreich gemanagt. Inzwischen ist er bei der DRK-Flüchtlingshilfe mit anderen Aufgaben betraut. Er sei stolz darauf, „dass es in Doberlug-Kirchhain gelungen ist, eine aktive Beteiligung der Flüchtlinge zu ermöglichen“. Er weiß: „Wenn unsere Bewohner nur rumsitzen, ist das für sie verlorene Zeit. Erstorientierungskurse sind wichtig.“

Der neue Objektleiter Dietmar Loose bringt Erfahrung aus der Erstaufnahmeeinrichtung Wünsdorf mit, „wo etwa 160 000 Flüchtlinge an mir vorbeigezogen sind“, wie er sagt. „Diese Erfahrung hält mich bis heute gefangen.“ Er hat das Projekt Ende 2018 beobachtet und war sofort fasziniert.

Der Künstler Stefan Büchner will, dass seine Ausstellung bald öffentlich zugänglich wird und in Schulen, Bildungseinrichtungen und Galerien für Gesprächsstoff rund um Flucht und Vertreibung sorgt. „Wenn es denn so ist, wie mir eine Projektbeteiligte geschildert hat, dass sie in Deutschland auf so viele freundliche Menschen trifft, dann wird doch die öffentliche Diskussion in Presse und Politik nur von wenigen Menschen bestimmt. Und dann müssen wir schnell was daran ändern. Dann hätten rechte und national Gesinnte keinen Zündstoff mehr. Daran möchte ich glauben“, so Büchner.