Sollen wir oder sollen wir nicht? Für Jörg Fabian, den Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung Mühlberg, gab es da gar keine Überlegungen. Ein wichtiges Mühlberger Stadtkapitel ist zu Ende gegangen. Die Elbestadt regiert nicht mehr komplett selbstständig, ist seit 1. Januar dieses Jahres Mitglied in der neuen Verbandsgemeinde Liebenwerda. Grund genug, zurückzuschauen und Danke zu sagen: Vor allem der langjährigen Bürgermeisterin Hannelore Brendel (parteilos). Die allerdings völlig ahnungslos war.

Die Frau aus dem Erzgebirge

Im Jahr 1980 hat der damalige Technische Leiter der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), Dieter Jähnichen, Hannelore Brendel aus dem Erzgebirge, wo sie geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, an die Elbe gelockt. Die Frau hatte damals den Hochschulabschluss in der Tasche. Obwohl Mühlbergs Landwirtschaftsbetriebe immer schon zu den Vorzeige-LPGen im Kreis zählten, aufgefallen ist die Frau da noch nicht.

Das änderte sich nach der politischen Wende, wie Jörg Fabian akribisch recherchiert hatte. Hannelore Brendel nahm mit am 1989 gegründeten Runden Tisch Platz. Im Mai 1990 schaffte sie bei den ersten freien Kommunalwahlen den Einzug ins Mühlberger Stadtparlament. Im Dezember 1993 gewinnt sie die Wahl zur ehrenamtlichen Bürgermeisterin der Stadt Mühlberg/Elbe als Nachfolgerin von Herrn Hans-Georg Schulz.

Erste Bürgermeisterin Mühlbergs

Sie trat damals ihr Amt übrigens als erste Bürgermeisterin in der Geschichte Mühlbergs an und führte es bis zum freiwilligen Zusammenschluss der Amtsgemeinden zur amtsfreien Stadt Mühlberg/Elbe im August 2001 aus. Von September 2001 bis November 2003 war Hannelore Brendel ehrenamtliche Ortsbürgermeisterin des Ortsteils Mühlberg, von September 2001 bis Juli 2008 Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung.

Die rührige Kommunalpolitikerin gewann im April 2008 die Direkt-wahl zur hauptamtlichen Bürgermeisterin und trat im Juli als Nachfolgerin des langjährigen Amtsdirektors und Bürgermeisters Dieter Jähnichen das Amt an. Sie führte es bis Ende Dezember 2019 aus.

Erfolge und Schicksalsschläge

Jörg Fabian berichtet von einer guten Entwicklung der Stadt wenngleich Mühlbergs Stadtkasse fast immer klamm war. Er nennt Investitionen in Straßen, Schulen, Kitas, spricht vom Aufschwung im Kloster und im Museum, vom Ringen um die ordentliche Ausstattung der Feuerwehren und von Schicksalsschlägen, die Mühlberg wie kaum eine zweite Stadt im Landkreis ereilen: die schlimmen Hochwasserereignisse in den Jahren 2002 und 2013 und der Tornado Pfingstmontag 2010. Die Schäden vor allem nach Letzterem waren enorm. Der Kampf um Hochwasserschutzmaßnahmen kostet bis heute Nerven. Das Aus für die Südzucker-Fabrik in Brottewitz nach Ende der jetzigen Kampagne hat die Region getroffen.

Hannelore Brendel ist Mitglied der Initiativgruppe Lager Mühlberg, hat geholfen, Licht ins Dunkel düsterer deutscher Geschichte zu bringen. Immer wieder brandet am Donnerstagabend Zwischenapplaus im Mühlberger Rathaussaal auf. Es schien, als war es Hannelore Brendel – die sich mancher Bürger mitunter noch energischer gewünscht hätte, wie Gegenkandidaten zur Bürgermeisterwahl vor wenigen Jahren erklärten – schon unangenehm, wie wohlgesonnen Jörg Fabian an diesem Abend auf ihr Wirken einging: „Frau Brendel war eine Bürgermeisterin für alle Bürger, ob bei Buchvorlesungen für die Kleinsten in der Kita oder bei Seniorenbesuchen am Krankenbett – sie fand immer den richtigen Ton.“

Auch Siegfried Eckert, Bürgermeister der Partnerstadt Gutach im Schwarzwald und mit einer kleinen Delegation angereist, lobte in einer launigen Rede die guten Kontakte der beiden Städte, die nun allerdings Auffrischung benötigen würden. „Wir müssen wieder mehr dafür tun.“

Der amtierende Verbandsgemeindebürgermeister Herold Quick dankte der langjährigen Bürgermeisterin, ging in knappen Worten auf die jetzt anstehenden Herausforderungen ein und meinte zu den Gästen im Saal: „Wir können uns auf unserem neuen Weg nichts abschauen, weil wir sind die Ersten, die ihn gehen. Aber wenn alle mit anpacken, schaffen wir es.“

Hannelore Brendel freilich wollte alles nicht unkommentiert stehenlassen: „Das war so nicht abgemacht, dass heute gelobhudelt wird. Ohne die vielen Heinzelmännchen hätte ich es nie geschafft. Es gab immer Menschen, die mir geholfen, mich auf Fehler hingewiesen haben. Und wenn ich mal am Boden lag, gab es auch solche, die mich so gereizt haben, dass man von alleine hochgesprungen ist.“