Die Stadt Elsterwerda hätte irgendwann ein gewaltiges Problem an der sprichwörtlichen Backe gehabt. Nämlich dann, wenn die Stadtverordneten am 20. Juni 2016 in einer außerordentlichen Sitzung nicht für den großen Neubau der B 101-Bahnüberführung gestimmt hätten. Daran hat Manfred Ragotzky, Sachgebietsleiter im Dezernat Konstruktiver Ingenieurbau beim Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg, nach der Bauabnahme und offiziellen Freigabe am Donnerstag erinnert.

Denn parallel zum Brückenbauvorhaben wurde vorbereitend an der nördlichen Umfahrung für Elsterwerda gearbeitet. Wenn die Brücke eines Tages bautechnisch gesperrt und die Umfahrung nicht rechtzeitig fertig geworden wäre (momentan ist nichts definitiv), dann wäre das Verkehrschaos auf der überlebensnotwendigen Ost-West-Verbindung perfekt gewesen.

Bahnüberführung Mammutaufgabe für Elsterwerda

Würde die Umfahrung vor der etwaigen Brückensperrung stehen, würden Bundesstraße und Bauwerke in die Trägerschaft der Kommune übergehen, die damit überfordert wäre. Denn der Bau der Eisenbahnüberführung mit integrierter Binnengrabenbrücke und plus dem Neubau der zweiten Binnengrabenbrücke am Westbogen haben nicht weniger als etwa acht Millionen Euro gekostet.

Durch den Beschluss ist ein Eigenanteil (unter anderem für den Brückengeh- und-radweg) von 763 000 Euro geblieben, der auch noch vom Land mit 75 Prozent gefördert wird. Neben der finanziellen wäre so ein Großprojekt auch eine personelle Mammutaufgabe für die Kleinstadt.

Manfred Ragotzky spricht von „immensen Herausforderungen“, die Planer und Bauleute rückblickend gemeistert hätten. Sowohl die Bahn, die minutiös Sperrfenster vorgegeben hatte, als auch der Fahrzeugverkehr auf der Bundesstraße musste rollen. „Es war ein sehr enges Bauen“, bemerkt der Sachgebietsleiter. „Dank der Planer passt das neue Bauwerk wunderschön in das Stadtbild“, findet er. Die große Brücke hat nach der fachlichen Abnahme die Zustandsnote 1,6 erhalten, die kleinere Binnengrabenbrücke am Westbogen gar eine 1,0.

Drei lange Jahre Bauzeit für Bahnüberführung in Elsterwerda

Ohne all die kompetenten Mitstreiter wäre dies nicht gelungen heißt es. Gelobt werden auch die Deutsche Bahn, das Straßenverkehrsamt Elbe-Elster für die Verkehrsregelung, die immer wieder zügig angepasst werden musste, die Nahverkehrsgesellschaft, die Stadtverwaltung Elsterwerda für den feinfühligen Umgang mit zeitweise von Lärm, Staub und Erschütterungen geplagten Anliegern, und nicht zuletzt das Bauunternehmen Matthäe aus Freienhufen.

„Dieses hat auch eine große logistische Herausforderung gemeistert. Dort arbeiten Fachleute, die dem Handwerk alle Ehre machen“, so Manfred Ragotzky. Weil sie auch plötzlich auftretende Probleme gelöst hätten, für die sie nicht verantwortlich gewesen seien, habe er nicht in dem Maße auf die Vertragsfristen gepocht. Am Ende waren es drei lange Jahre Bauzeit.

„Die Bürokratie ist insgesamt ein Wahnsinn“

Michael Gollee, Geschäftsführer des 160 Mitarbeiter zählenden Bauunternehmens Matthäe in Freienhufen, bestätigt, dass es auf der Baustelle „viele unverhoffte Sachen“ gegeben hat, wie mehrere umzuverlegende Leitungen. Dies sei alles kein Problem, wenn man es mit entscheidungsfreudigen Fachleuten wie Manfred Ragotzky vom Landesbetrieb Straßenwesen zu tun habe.

„Davon gibt es nicht mehr viele“, bedauert der Geschäftsführer. So manch eine Behörde traue sich nicht, schnelle Entscheidungen zu treffen, weil es immer um Geld gehe.

Auch angesichts der wachsenden Standards werde das Bauen immer komplizierter, kritisiert er und meint: „Die Bürokratie ist insgesamt ein Wahnsinn.“

„Meisterstück“ Bahnüberführung in Elsterwerda

All die Schwierigkeiten sind auch für die Elsterwerdaer Bürgermeisterin Anja Heinrich (CDU) mit der offiziellen Freigabe am Donnerstag Geschichte. „Bei aller Kritik, die es gab, die Brücke ist ein Meisterstück geworden. Sie ist ein großer Baustein für unsere Stadt“, stellt sie fest.

Wichtig sei gewesen, dass der Verkehr, teilweise auch umgeleitet, fast immer fließen konnte. Dies vor allem im Hinblick auf die Firmen in den Gewerbegebieten beiderseits der Brücke.

Elsterwerdas Alt-Bürgermeister Dieter Herrchen hatte mit den Stadtverordneten den Weg für das Millionenprojekt geebnet. „Unsere Prämisse war es, kein Risiko für die Stadt einzugehen“, erinnert er an das Jahr 2016. Das Risiko wäre gewesen, die Brücke nicht zu bauen.

Er verteidigt die dreijährige Bauzeit mit all ihren Unwägbarkeiten: „Es sind auch zwei Brücken über den Binnengraben gebaut worden. Dieses Volumen ist von den Bürgern unterschätzt worden.“ Damit meint er auch jene zeitraubenden Arbeiten, die vom fahrenden Auto aus nicht unbedingt zu sehen gewesen sind.

Dieter Herrchen zieht den Hut vor den Bauleuten, weil sie das eine oder andere Mal unter sehr schwierigen Bedingungen gearbeitet hätten, was kein Außenstehender wahrgenommen habe: „Manchmal war es eine Abenteuerbaustelle.“