Handball in Bad Liebenwerda
: Derby gegen Finsterwalde elektrisiert Generationen

Es ist das Spiel des Jahres: Das Handball-Derby Bad Liebenwerda - Finsterwalde. Generationen haben es gespielt. Nun sind diejenigen, die einst auf dem Spielfeld standen, die Fans im Publikum.
Von
Frank Claus
Bad Liebenwerda
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Jubel in der Kabine in Bad Liebenwerda nach dem 39:30-Derbysieg gegen Finsterwalde.

Frank Claus

Das passiert nur einmal im Jahr im Wohngebiet Dichterviertel in Bad Liebenwerda. Genau neben Sporthalle und Oberschule. Kein freier Pkw-Parkplatz mehr, Unmengen von Fahrrädern vor der Halle. Ohrenbetäubender Lärm klingt schon vorm Anwurf aus dem Sporttempel. Es ist Derbyzeit in der Handball-Brandenburgliga der Männer. Der HC Bad Liebenwerda empfängt den BSV Grün-Weiß aus Finsterwalde.

Trotz der Rivalität: Da grüßen sich Fans aus der Kurstadt und der Sängerstadt, dort gibt es sogar Umarmungen. Wie alte Bekannte halt. In der Halle gibt es keine getrennten Fanblocks. Der mit dem grün-weißen Schal steht neben dem im HC-Fantrikot. Nur die lautstarken Trommel- sowie Fanfaren- und Trötenformationen haben sich in je einer Ecke postiert.

Wenn ein Derby in Bad Liebenwerda zum Straßenfeger wird

„Was haben wir schon für rassige Derbys erlebt!“, erinnert sich Steffen Melzer, einst selbst Spieler und Trainer beim HCL in Bad Liebenwerda und inzwischen Kassierer am Einlass. Freilich, auf dem Parkett wurde und wird immer hart gekämpft, auch ums Spielfeld herum wird und war es schon manchmal hektisch – aber wirkliche Handgreiflichkeiten? Die absolute Ausnahme.

Was alle eint, ist die Liebe zum Handballsport. Seit Generationen. Am längsten ist der Funke wohl in der Handballfamilie Noch übergesprungen. Schon Heinz Noch, inzwischen verstorben, hat das runde Leder geworfen und später mit HC-Urgestein Paul Röhnert, ebenfalls verstorben, den Handballsport in Bad Liebenwerda zur Blüte geführt. Peter Noch ist in ihre Fußstapfen getreten, hat selbst gespielt, dann den Nachwuchs trainiert und von Beginn an Leitungsverantwortung mit übernommen. Noch heute peitscht der inzwischen 66-Jährige seine Jungs an. Wenn er zwei Minuten vor der Schlusssirene aufsteht, steht die ganze Halle.

Derbyzeit in Bad Liebenwerda. Wenn Finsterwalde kommt, ist die Halle rappelvoll. 628 Zuschauer waren es diesmal.

Frank Claus

Buchstäblich handballverrückt: Peter Noch (r.) mit seinem Sohn Stephan (l.) und Enkel Max Rukszio.

Frank Claus

Das Handball-Gen hat er an hunderte Jungs vererbt. Ganz besonders an seinen Sohn Stephan und seinen ganzen Stolz – Enkel Max Rukszio. Der ist heute einer der Torgaranten in der Mannschaft, war an der Sportschule in Cottbus und hat in der Jugend-Bundesliga beim SC Magdeburg gespielt. Knieverletzungen haben ihn gezwungen, den Hochleistungssport aufzugeben.

Sorgt ununterbrochen für Stimmung: die Trommlergruppe des HC Bad Liebenwerda.

Frank Claus

Michael Nürbchen (63) mit Sohn Marvin (35).

Frank Claus

„Wir sind doch schon als Kinder mit in die Halle“

Michael Nürbchen, heute 63 Jahre alt, davon fast 40 Jahre lang aktiver Handballer, und einst schwer zu kontrollierender Spieler, ist einer der Haudegen, der noch immer in die Sporthalle kommt. Jetzt steht sein Sohn Marvin (35) auf der Platte. Wie er die Liebe zum temporeichen und intensiven Sport vererbt bekam? „Wir sind doch schon als Kinder immer mit in die Halle.“ Später hat der Vater noch lange Zeit als Schiedsrichter, unter anderem im Gespann mit einer weiteren Handballlegende, Roland Pietzsch (71), fungiert. Letzterer ist heute noch Staffelleiter der A- und B-Jugend. Seine Augen leuchten, als er erzählt: „Jetzt spielt mein Enkel in der F-Jugend.“

Auch Finsterwaldes Fans sind mit Fanfaren, Tröten, Glöckchen und Sirenen nicht zu überhören.

Frank Claus

Vater Kurt (56) mit Sohn Albert Langer. Beide kommen aus einer handballbegeisterten Finsterwalder Familie.

Frank Claus

Kritischer Begleiter seines Jungen Albert bei Grün-Weiß Finsterwalde ist Kurt Langer aus Finsterwalde. Von 1978 bis 2005 war der 56-Jährige aktiv. „Ich habe zuerst mit Doberlug und dann mit Finsterwalde viele Derbys gegen Bad Liebenwerda bestritten“, berichtet er. In der Familie lebt der Handballsport schon lange. Sein Großvater und Alberts Urgroßvater hat schon 1929 in der ersten Männermannschaft des TV 1862 Finsterwalde gespielt. Das Derby heute? „Es ist so wie hier auch bei uns in Finsterwalde ein Straßenfeger.“ Die Sängerstädter kämpfen in diesem Jahr gegen den Abstieg, hören in Bad Liebenwerda aber immer wieder: „Ihr dürft nicht absteigen, schon allein wegen des Derbys nicht.“

Vater Mathias Wanitschka mit seinen Söhnen Jonas (l.) und Paul.

Frank Claus

Auszeit der Finsterwalder Mannschaft.

Frank Claus

Handball – wenn die Familie gar nicht anders kann

Im knallgelben Fan-Trikot steht Mathias Wanitschka (53) unter den Zuschauern. Einst seit 1983 selbst aktiv, sprinten beim aktuellen Derby zwei seiner drei Söhne auf dem Spielfeld: Jonas (23) und Paul (29). Der Dritte, Mathias jun. (32), hat auch gespielt, ist inzwischen aber Trainer der C-Jugend und oft Ordner in der Halle. Selbst Mutter und Großmutter Brigitte (84) ist noch mit in der Halle. Ihr verstorbener Mann hatte sie mit dem Handballfieber angesteckt. Die Handballer – in Finsterwalde und in Bad Liebenwerda – sind eine große Familie. Die Reihe derjenigen, die längst Familiengeschichte über den Handball schreiben könnten, ließe sich ohne große Probleme fortsetzen. Genannt seien aus der Kurstadt nur die Namen Schindler – Vater Ingo ist noch immer einer der am häufigsten genannten Namen, sein Sohn Christopher einst Spieler beim Bundesligisten VfL Gummersbach und heute dort Geschäftsführer – Jürgen Schubert, Dietmar Micksch, Wolfgang Vetter.

Bleibt das Derby-Ergebnis: Der HC Bad Liebenwerda hat diesmal vor nach Veranstalterangaben 628 Zuschauern klar dominiert, zeitweise mit elf Toren Vorsprung geführt. Endstand: 39:30.