Nach Angaben des Zentraldienstes der Polizei, zu dem auch der Kampfmittelbeseitigungsdienst gehört, ist in dieser Woche Munition aus dem Zweiten Weltkrieg in einem Wald nahe dem Naturschutzgebiet Loben gesprengt worden. Dabei handelt es sich nach Auskunft der Behörde um „diverse Granaten und Geschosswerferraketen“.
Gesprengt worden sei an drei Sprengorten in Gruben, die mit Erde sowie Bäumen und Ästen abgedeckt gewesen seien, um die Sprengwirkung zu minimieren.

Noch immer eine Unmenge von Munition

Nun gibt es eine Bilanz der Sprengaktion nahe Hohenleipisch: Nach Angaben des Zentraldienstes der Polizei wurden vor Ort durch den Kampfmittelbeseitigungsdienst mehr als 100 Panzerspreng- und Sprenggranaten, mehr als 500 Handgranaten und ein Raketengefechtskopf vernichtet. Doch das Ausmaß des Kampfmittelfundes ist erheblich größer. „Soweit die Kampfmittel transportfähig sind, was beim überwiegenden Anteil der Fall ist, werden diese in den Munitionszerlegebetrieb transportiert und der Vernichtung zugeführt“, teilt Lea Schmidt aus dem Direktionsbüro des Zentraldienstes mit.

Wie die Kampfmittel in den Wald kamen

Das Kampfmittelaufkommen in diesem Bereich begründet sich, so die Sprecherin der Behörde, aus Demilitarisierungsmaßnahmen nach 1945. Die Kampfmittelbestände der naheliegenden Munitionsanstalt (Muna) wurden aller Wahrscheinlichkeit nach in diesem Waldbestand durch Sprengen unbrauchbar gemacht. Bei den damaligen Sprengungen ist nur ein Teil der Munition unbrauchbar gemacht worden.
Das Gebiet bleibt weiter abgesperrt, da noch nicht alle Kampfmittel beziehungsweise Überreste davon beseitigt seien. Der Zentraldienst rechnet damit, dass die Arbeiten bis voraussichtlich Ende des ersten Quartals des nächsten Jahres andauern werden. Durch die derzeit feuchte Witterung können durch die Sprengungen ausgelöste Waldbrände verhindert werden. Die erfolgten Detonationen seien unübersehbar und auch spürbar. Wenn der Wind die Wipfel der Bäume bewege, würden Sand und feine Stahlsplitter raschelnd zu Boden oder auf die Köpfe der dort beschäftigten Arbeiter fallen.
Professionell gesprengt. Die Krater sind unübersehbar.
Professionell gesprengt. Die Krater sind unübersehbar.
© Foto: VRS

Ein Betreten der Flächen ist hochgefährlich

Ein Betreten der Flächen ist äußerst gefährlich. Bis zu 1000 Meter weit können Stahlteile bei so einer Sprengung durch die Luft rasen. Die Druckwelle könne mehrere Kilometer weit reichen und auch der Knall der Explosion sei ein Thema, vor dem die Bevölkerung geschützt werden müsse, meint Sprengmeister und Räumstellenleiter Andreas Schmell (60) aus Cottbus.
Die Bergungs- und Sprengstelle ist noch immer weiträumig abgesperrt. Zugang zum Gelände gibt es nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung und nach dem Abholen an der Sperrstelle. Trotz Sprengung könne nicht ausgeschlossen werden, dass Granaten den Sprengvorgang erneut überstanden haben und unkontrolliert im Gelände liegen. Offensichtlich sei zu DDR-Zeiten schon einmal versucht worden, nachzusprengen. Dabei seien Granaten bis zwölf Meter tief in den Boden getrieben und andererseits weit über das Gelände verstreut worden. In einer Sprenggranate können bis zu sieben Kilo Sprengstoff stecken.

Untersuchungen bis weit in das nächste Jahr hinein

Noch sei immer noch nicht ganz sicher, wie viele einstige Sprengplätze es im Gebiet gibt. Räumstellenleiter Andreas Schmell arbeitet seit 1992 beim Munitionsbergungsdienst. Zuvor war er seit 1983 in der Kohle tätig, wo mit Sprengungen Fundamente entfernt, das Erdreich aufgelockert und Baumwurzeln aus dem Boden geholt wurden.
Trotz oder gerade wegen der langen Tätigkeit werde Andreas Schmell nie begreifen, wie er selber meint, mit welcher Brutalität sich Menschen gegenseitig verletzen und umbringen können. So wie jetzt im Russland-Ukraine-Krieg zu erleben. Ein nur wenige Zentimeter großer Granatsplitter könne zu schwersten Verletzungen oder zum Tod führen. „Die Menschheit lernt eben nicht“, meint Andreas Schmell im Hinblick auf die gegenwärtige Situation.
Was nach den Sprengungen übrigbleibt, wird sorgfältig entsorgt.
Was nach den Sprengungen übrigbleibt, wird sorgfältig entsorgt.
© Foto: VRS
Aus Überlieferungen und Erzählungen im Raum Hohenleipisch ist bekannt, dass nach Ende des Zweiten Weltkrieges Restbestände in Größenordnungen mit Pferdewagen aus den Hohenleipischer Bunkeranlagen der Muna in die Wälder zu mehreren Sprengplätzen im Wald gebracht worden seien, wo damals die Munition über mehrere Wochen gesprengt worden sei.

Sowjetarmee als Nachnutzer der Anlagen

Im Norden von Hohenleipisch befinden sich auch heute noch die alte Bunkeranlage mit zunächst 100 Munitionsbunkern der Luftwaffe sowie mehrere verbunkerte Werkhallen. Von diesem zentralen Ort sollen im Zweiten Weltkrieg die Flugplätze Finsterwalde, Lönnewitz und Großenhain mit Munition beliefert worden sein. Vor Kriegsende im April 1945 sollen mehrere mit Munition gefüllte Bunker gesprengt worden sein. Danach wurde das Gelände mit eigenem Bahnanschluss von der Sowjetarmee bis 1992 als Munitionsdepot genutzt und mit weiteren 60 Hochbunkern ausgestattet.
Wie Sprengmeister Andreas Schmell meint, war das Gelände des Sprengplatzes auch damals schon handverlesen, denn ein leichter in Richtung Hohenleipisch steigender Berghang leitet die Druckwellen über den Ort.

Über die Luftmunitionsanstalt Hohenleipisch

Umgangssprachlich sind die Anlagen bei Hohenleipisch als Muna bekannt. Errichtet worden ist der Gebäude- und Bunkerkomplex im Jahr 1936 von der deutschen Luftwaffe. Bis 1992 war die Sowjetarmee dort stationiert, die dort vornehmlich Munition für verschiedene Waffengattungen eingelagert habe.
Dass dort auch SS20-Atomwaffen stationiert gewesen seien, wird immer wieder genannt. Beweise sind bislang nicht erbracht. Zwischenzeitlich hieß es, dass die SS20 ohne Sprengköpfe gelagert worden seien.
In einem Beitrag für den Heimatkalender für den Altkreis Bad Liebenwerda im Jahr 2000 berichtet Oberförster Uwe Lewandowski, dass von den einst 104 Bunkern noch 98 vorhanden seien.
Bei ersten Altlastenuntersuchungen im Jahr 1993, so schreibt er, wurden in einem Teil der zahlreichen Löschwasserzisternen unter anderem 50 Kubikmeter Altöl-Wasser-Gemisch, 45 436 Stück Handwaffenmunition, fünf Granaten bis fünf Zentimeter, sechs Zünder und 52 sonstige Spreng- und zündkräftige Körper gefunden sowie 72 Altlastenverdachtsflächen ausgewiesen.