Von Manfred Feller

Mit ihrer Grenzöffnung haben die Ungarn bereits im Sommer 1989, viele Wochen vor dem Fall der Mauer auf deutschem Boden, wesentlich zum friedlichen Ende der DDR beigetragen. Andreas Kung aus Elsterwerda-Biehla, als einziger aus Elbe-Elster, hat diesen wichtigen Teil der Geschichte drei Jahrzehnte später hautnah nacherlebt. Er war Teilnehmer einer privat organisierten Sternfahrt mit einst in der DDR zugelassenen Autos. Es ging nach Budapest und dann weiter bis zur ungarisch-österreichischen Grenze. Dort waren zunächst im Juni 1989 einige wenige DDR-Bürger in den Westen geflüchtet. Ihnen folgten im August und September Hunderte weitere in die Freiheit.

Andreas Kung ist auch Tage später gerührt von den Begegnungen zwischen Deutschen und Ungarn 30 Jahre danach. „Es war unglaublich und emotional, was wir dort erlebt haben“, erzählt der 52-jährige Gastwirt aus Biehla. Dann stellte sich heraus, dass in dem Fahrzeugtross drei ehemalige Ungarn-Flüchtlinge dabei waren. Sie waren aus Berlin. „Die haben geweint“, erinnert sich Andreas Kung an herzergreifende, bewegende Szenen. „Wir haben Geschichte nachempfunden, die folgenden Generationen unbedingt weitergegeben werden muss.“

Doch von der offiziellen deutschen Seite sei kein Mensch zu sehen gewesen. „Es ist schade, dass niemand vom Bund zum Jahrestag der Grenzöffnung in Ungarn wenigstens ,Guten Tag’ gesagt hat. Für jene Ungarn, die wir getroffen haben, war es sehr wichtig, dass Deutsche zum Jahrestag dort waren“, berichtet der Elsterwerdaer.

Organisiert hatte die Sternfahrt der ehemalige Falkenberger Gerrit Crummenerl. Östlich von Leipzig handele er mit DDR-Oldtimern. Er habe viele seiner Kunden in mehreren Bundesländern über die Idee informiert. Angeschlossen hätten sich schließlich etwa 40 Fahrzeugbesitzer vor allem aus dem Osten, aber auch bis aus Baden-Württemberg. „Der Chefdesigner von Mercedes Benz war mit einem Wartburg 353 dabei“, staunte Andreas Kung. Jeder Teilnehmer sei auf eigene Faust nach Budapest gefahren. Bis auf einen Trabi, dem das Benzin ausgegangen war, hätten alle DDR-Oldies die Strecke hin und zurück pannenfrei durchgehalten.

Auch der Volvo 244 DLS, Baujahr 1977, von Andreas Kung trägt wie so manch ein mitgerollter VW Golf DDR-Geschichte in sich. Die Schweden-Karossen mit Ostausstattung waren einst an Persönlichkeiten mit Rang und Namen verkauft worden – wie an Künstler und Ärzte. 42 000 DDR-Mark habe ein Volvo gekostet, auf dem Schwarzmarkt 60 000 bis 100 000 Mark.

Der beigefarbene Volvo, der seit vier Jahren in Biehla steht, gehörte einst einem Arzt aus Ost-Berlin. Dieses mehr als 40 Jahre alte Gefährt aus „Schweden-Stahl“ zeigt nur einen Hauch von Roststellen und hat erst 63 000 Kilometer auf dem Tacho. Die Preise für so gut erhaltene Stücke seien längst wieder fünfstellig. Warum ausgerechnet ein DDR-Volvo? Andreas Kung führt ein Kindheitserlebnis an: „Ein Künstler aus Elsterwerda hatte einen solchen. Als Schüler habe ich den gesehen und gesagt: ,Den will ich einmal haben’.“ Sein Traum wurde wahr.

Erste Station nach der elfstündigen Alleinfahrt (mit Zwischenübernachtung) war in Budapest einer der drei Stützpunkte der ungarischen Malteser. Die Hilfswerker hatten dort 1989 drei Lager für DDR-Flüchtlinge eingerichtet. Begrüßt wurden die deutschen Besucher vom Vizevorsitzenden der ungarischen Malteser und von einem der drei damaligen Pfarrer. Es wurde über die Ereignisse vor 30 Jahren gesprochen. Als die Erinnerungen wieder hoch kamen, zeigte sich der Pfarrer gerührt. „Das sind keine Tränen, das ist der Schmerz der Freiheit“, ließ er die Gäste wissen.

Von dem Empfang der Ungarn habe der deutsche Botschafter Wind bekommen. „Er hat uns zu einer Grillparty in seine Residenz eingeladen. Dorthin kam dann auch ein zweiter Lager-Pfarrer von damals“, so Andreas Kung. In den Gesprächen sei deutlich geworden, dass die Ungarn stolz auf ihr Land sind. Sogar eine Verbindung in den Süden Brandenburgs wurde bekannt. Demnach stamme die Familie des deutschen Botschafters mütterlicherseits aus dem Raum Luckau.

Am nächsten Tag ging es weiter auf der Flüchtlingsroute zur österreichischen Grenze. Erneut war eine ungarische Persönlichkeit dabei: der zur Wende in Deutschland tätige Botschafter. „Und von unserer Seite waren nur Privatleute dort“, zeigt sich der Elsterwerdaer beschämt.

Das Treffen an der Grenze hatte sich in Ungarn über soziale Medien herumgesprochen. Einheimische schlossen sich dort mit ihren Fahrzeugen dem Tross an. „Es folgten große Verbrüderungsszenen“, kann Andreas Kung das Erlebte immer noch nicht fassen. „Wir haben den Ungarn ,Danke!’ gesagt.“

Die Zeit nach 1989 hat auch das Leben von Andreas Kung verändert: „Ich wollte diese Wende so nicht, weil ich von Anfang an wusste, dass Jobs wegfallen werden. Als Unverheirateter war ich auch einer der Ersten, die bei Impulsa gehen mussten.“ Der gelernte Rundfunk- und Fernsehmechaniker war damals CNC-Elektroniker. „Ich hatte  ein Arbeitsangebot von einem VW-Zulieferer aus Hamburg für ein fettes Gehalt“, erinnert er sich. Doch für seine Freundin Manuela (damals 17) und heutige Frau blieb er.

Weil seine Mutter in ihm immer eher den Handelsmann als den Elektroniker gesehen hatte, riet sie ihm: „Verkaufe doch Getränke!“ Mit einer Framo-Pritsche fuhr er zum Großhändler nach Berlin und verkaufte hier. Der nächste Schritt als 22-Jähriger (!) war dann mit einem satten Kredit der Kauf der Gaststätte Engelmann in Biehla. Die Geburtsstunde von „Herr K“. Das Ehepaar hat seitdem sehr viel Arbeit, aber auch Erfolg. „Alles richtig gemacht“, sagt Andreas Kung heute.