30 Jahre reichen aus, um sich im Tag zu irren. „In Erinnerung an den 4. November 1989 Bad Liebenwerda“ stand in weißer Schrift auf schwarzem Grund gleich neben der Bühne. Ein Fehler im Eindruck der Großkundgebung genau an jenem Tag vor 30 Jahren auf dem Berliner Alexanderplatz?

In Bad Liebenwerda drohte am 3. November jenen Jahres die St. Nikolaikirche aus den Fugen zu geraten. Etwa 2000 Menschen, so steht es später in den Berichten, drängelten sich in die Kirche, fast noch mal dopelt so viele hörten im Freien zu. Orgelbaumeister Dieter Voigt erinnert sich: „Superintendent Armin Haase hat die Besucher auf der überfüllten Empore aufgefordert, auf das Trampeln mit den Füßen zu verzichten. Wir alle fürchteten, dass sie einstürzen könnte.“

SED bekam Unmut der Bevölkerung zu spüren

Denn die Stimmung war angespannt. Kirchenvertreter hatten schon in den letzten Oktobertagen politisch Verantwortliche vom damaligen Rat des Kreises, der SED-Kreisleitung und aus Blockparteien aufgefordert, sich bei einer Podiumsdiskussion den Fragen der Bürger zu stellen. Zunächst gab es Zustimmung. Als die Kirchenvertreter auf einem selbstgebastelten Plakat den Termin des Dialogs und die Gesprächsteilnehmer bekanntmachten, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Dem damaligen 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Wolfgang Mummert war das nicht geheuer. Er sagte mit der Begründung, die gemachte Reklame sei unangemessen und überhaupt sei die Kirche nicht der richtige Ort zunächst ab und später wieder zu.

Die SED initiierte nun zwei Tage vorher am 1. November im damaligen „Haus der Werktätigen“ eine „öffentliche Aussprache über bewegende Fragen dieser Zeit“, wie in der Chronik der Stadt Bad Liebenwerda nachzulesen ist. Und bekam den gesamten Unmut der Bevölkerung von Versorgungsengpässen, fehlender Mitsprache, ungerechtfertigten Privilegien, desolater Wirtschaft, arrogantem Verhalten von Verwaltungsmitarbeitern zu spüren.

100 Menschen zogen vor Stasi-Gebäude

Noch in der gleichen Nacht trat der SED-Kreischef zurück. Die Hoffnung, damit die Veranstaltung in der Kirche unter dem Motto „Reden statt Randale“ bedeutungslos gemacht zu haben, verkehrte sich ins Gegenteil. Das Interesse war nun noch einmal beträchtlich angestiegen. Dieter Voigt sprach als Vertreter der Kirchengemeinde die Einführungsworte und sagt heute, 30 Jahre später: „So weich waren mir die Knie noch nie. Ich glaubte, mir zieht es die Beine weg.“ Denn keiner wusste, wie der Druck von der Straße aufgenommen werden würde.

Die Lehrerin Christiane Jende trat ebenso wie Antje und Andreas Claus für das Neue Forum ans Mikrofon. „Es ist an der Zeit, den aufrechten Gang zu lernen“, sagte Antje Claus. Etwa 100 Menschen sind danach vor das Stasi-Gebäude in der Leninstraße gezogen.

Freiheit bedeute auch Verzicht

Ohne auf diese brisanten ersten Novembertage noch einmal einzugehen, fand das Friedensgebet am Montagabend auf dem Marktplatz neben der Nikolaikirche statt. Etwa 100 Einwohner waren gekommen. Die Kantorei und der Gospelchor stimmten unter der Leitung von Dorothea Voigt und mit Pianobegleitung von Sebastian Pöschl mit der Umdichtung des Volksliedes „Die Gedanken sind frei“ von Ingo Barz ein. Im Lied nimmt der Liedermacher Bezug auf die Zustände in der DDR. Pfarrer Torben Linke und Miriam Fricke, Gemeindereferentin der Katholischen Kirche, fragten angesichts aktueller Entwicklungen im Land, „ob wir uns schon zu sehr an die Freiheit als etwas Selbstverständliches gewöhnt“ hätten. Sie sprachen von der Demokratie, die einzig richtig, aber mitunter eben auch fürchterlich anstrengend sei. Freiheit bedeute nicht alles zu haben, sondern auch Verzicht. Wie die eigene Freiheit müsse die des Anderen akzeptiert werden. „Menschenwürde hört nicht bei mir auf, jeder hat sie“, sagte Torben Linke und Miriam Fricke meinte, dass zu akzeptieren sei, dass Menschen auch anders sind: Vegetarier und Veganer würden als Spinner hingestellt, Muslime als Terroristen, Flüchtlinge als feige Männer, die uns ausnutzen, Behinderte als Menschen, die uns belasten, meinte die Gemeindereferentin und schlussfolgerte für sich: „Flüchtlinge haben meiner Freiheit nicht geschadet.“

Torben Linke erinnerte an die Opfer der SED-Politik, an Menschen, denen die Freiheit beschnitten wird und die sich nicht äußern dürfen und wandte sich gegen die Spaltung der Gesellschaft: „Lass uns das Gemeinsame finden, nicht das Trennende.“ Gemeinsam zogen die Teilnehmer mit einer Kerze in der Hand vor das ehemalige Stasi-Gebäude, um ans einstige Unrecht zu erinnern, ans Arbeitslosenzentrum, um aufzuzeigen, dass Landschaften längst noch nicht für alle blühen und an die Elster zum Beweis, dass Natur und Umwelt seit DDR-Tagen ein erhebliches Stück gesunden konnten.