Kein Sehender möchte sich dies vorstellen: von jetzt auf gleich blind. Jamal Melhem, seit 2015 in Deutschland, hat es nach eigener Aussage erfahren müssen. In verständlichem Deutsch berichtet er darüber. Es war 2012 in der Stadt Daraa, im Südwesten von Syrien. Er stand in der Küche. Ein Panzer habe plötzlich sein Haus beschossen. Die Decke stürzte ein und fiel auf ihn. „Ich bin nach einem Monat und ein paar Tagen im Krankenhaus aufgewacht“, berichtet er. Die Augen waren unversehrt, aber der Kopf schwer verletzt und die Sehnerven  durchtrennt. Blind. Eine große Narbe über fast den gesamten Kopf zeugt noch heute von der Verletzung. „Dann ging ohne Hilfe nichts mehr“, sagt der   31-Jährige.

Tausende sind jedes Jahr betroffen

In Deutschland verlieren etwa 27 000 Menschen jedes Jahr ihr Augenlicht oder ihnen droht Blindheit. Jeweils am 15. Oktober (Tag des weißen Stockes) machen die Betroffenen auf ihre Situation aufmerksam. Willfried Krüger aus Elsterwerda, Vorsitzender der Bezirksgruppe Bad Liebenwerda des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Brandenburg, weiß, wie es ist, von ewiger Nacht umgeben zu sein. Er hat für sich und andere Verbesserungen erkämpft. Doch wer neu im Land sei, wie Jamal Melhem, der müsse auf Förderung warten.

Dies könne sich über Jahre hinziehen, weiß Günter Zimmermann. Der 76-jährige Elsterwerdaer, selbst von einem Makuladefekt (kein punktscharfes Sehen) betroffen, kümmert sich seit 2015 um Jamal Melhem. Die erste Begegnung endete fast in einem Missverständnis. „Mir kamen zwei Personen entgegen. An den Bewegungen habe ich erkannt, dass es ein Blinder dabei war. Ich habe sie angesprochen“, erinnert sich Günter Zimmermann. Jamal wurde von seiner Mutter begleitet. Beide waren damals des Deutschen nicht mächtig und fragten sich: „Was will der von uns?“. Dies klärte sich rasch. Der junge Mann, der eigentlich palästinensische Wurzeln im heutigen Israel habe und auch in Syrien Flüchtling gewesen sei, wie er sagt, bekam Kontakt zur Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbandes und damit Hilfe.

Widerspruch gegen Abschiebung nach Bulgarien

Jamal Melhem war Ende 2013 mit Frau und Kind aus Syrien geflüchtet und zunächst in Bulgarien gelandet. Im März 2015 ging es weiter nach Deutschland und von der Erstaufnahmeeinrichtung Eisenhüttenstadt nach Elsterwerda als zugewiesenem Ort. Seine Familie mit inzwischen vier Kindern soll zurück nach Bulgarien, wo der erste Asylantrag gestellt worden war, ausgewiesen werden. Dagegen, so Günter Zimmermann, wurde Widerspruch eingelegt. Seit vier Jahren bewege sich in dem Fall nichts.

„Genau das ist die Misere. Bei einem laufenden Verfahren gibt es erhebliche Einschränkungen. Er hat zwar den Blindenausweis, erhält aber kein Blindengeld sowie sehr wenig oder keine Anpassungsmaßnahmen für ein normales Leben“, kritisiert der Elsterwerdaer. Dazu würden zum Beispiel Schulungen zur besseren Orientierung im öffentlichen Raum gehören. Allein ist Jamal Melhem deshalb nur in seiner Wohnumgebung unterwegs. „Wenn ich mich beim Spaziergang verlaufe, muss mich meine Frau suchen“, sagt er.

Verfahren dauert schon sehr lange

Dieser „für mich unverständliche lange Zustand der Schwebe beim Aufenthaltsstatus“, so Günter Zimmermann, führe zur Unzufriedenheit auf allen Seiten, verursache Kosten und verschenke Potenzial. „Jamal kennt sich an Computern bestens aus. Er könnte Sehbehinderte und Blinde unterrichten.“ Der Elsterwerdaer ist überzeugt, dass auch Ältere so den Zugang zu moderner Kommunikationstechnik finden könnten und sollten.

Er selbst nutzt mit seinen 76 Jahren ein Gerät mit Sprachassistenz, dass ihm zum Beispiel das lästige Suchen eines Radiosenders erspart, ebenso die Lupe zum Lesen, wenn er die Uhrzeit oder eine Zugverbindung braucht. Damit das Gerät nicht ständig mithört, wird das Mikrofon nur bei Bedarf eingeschaltet.

Ziel: Anerkennung und Arbeit finden

Jamal Melhem hofft, in Deutschland bleiben und arbeiten zu dürfen. Seine Frau besucht wegen der vier Kinder erst demnächst einen Deutschkurs und wolle auch Geld verdienen. „Ohne Sprache keine Arbeit, keine Freunde, keine Kommunikation. Unsere Religion verbietet nicht, dass Frauen arbeiten“, sagt der 31-Jährige. Mit Kritik am Zustand so mancher Wege, nicht abgesenkter Straßenborde und anderer Probleme, die Menschen mit Einschränkung zu schaffen machen, hält er sich zurück: „Ich habe nicht das Recht zu kritisieren, weil ich hier noch nichts leisten konnte.“