Von Ida Kretzschmar

Was für eine anspruchsvolle Rolle! So dachte Mirjam Miesterfeldt, als sie zum ersten Mal Gaetano Donizettis „Liebestrank“ am Magdeburger Theater auskostete. Es war während ihres Gesangsstudiums vor zwölf Jahren. Ihr Lehrer Roland Fenes sang die Partie des besitzergreifenden Belcore. Adina aber verkörperte seine Frau Ute Bachmaier. Die damalige Studentin Mirjam war voller Bewunderung und Respekt für die schwierigen Koloraturen.

Am 22. Juni steht sie nun selbst als Adina auf der Bühne. „Meine bisher größte Herausforderung am Staatstheater“, bekennt die 36-Jährige, die seit dieser Spielzeit fest zum Cottbuser Opernensemble gehört. Als Prinzessin Schlafittchen hat sie im „Traumfresserchen“ schon die Herzen der Kinder erobert. Nun soll sie das Herz von Adina erwärmen, „eine stolze Schönheit, die abweisend, ja biestig sein kann, aber sich im Grunde nach Liebe sehnt, die über den Tod hinausgeht“, freut sich die Sängerin über die Vielschichtigkeit dieser Rolle. „Inspiriert von einem Zeitungsartikel, der von einem Paar hoch in den 90ern berichtet, das Hand in Hand starb, wird in Cottbus eine wunderbare Liebesgeschichte erzählt“, verspricht Mirjam Miesterfeldt. Auch wenn Adina den Annäherungsversuchen des ehrlich Liebenden Nemorinos scheinbar trotzt und mit dem Wichtigtuer Sergeant Belcore den Bogen überspannt – am Ende wird der Liebestrank ihr Herz erweichen. Oder gelingt das einfach durch die Intensität der Gefühle? Das ist es auch, was Donizettis Oper noch heute so anziehend macht, glaubt die Sopranistin.

Die Oper werfe zwischenmenschliche Fragen auf, mit denen wohl schon jeder konfrontiert war: Wie weit darf man gehen, um seinen Partner zu erziehen? Sollte man das überhaupt oder verändert man ihn dann so, dass man gar nicht mehr weiß, warum man sich in ihn verliebt hat?

„Das Spiel mit der Liebe – natürlich schöpfe ich für jede Rolle auch aus eigenen Erfahrungen. Aber eigentlich reizen mich eher jene, die nicht so nah an mir dran sind, wo ich den Zugang zu den Gefühlen suchen muss“, gesteht die Sängerin. Derzeit pendelt sie zwischen Cottbus und Berlin, wo sie gemeinsam mit einem Musiker und ihrem zweijährigen Sohn lebt.

Schon als Kind hatte die gebürtige Stendalerin im Theaterjugendklub auf der Bühne gestanden. Seit sie 13 ist, macht sie gemeinsam Musik mit ihrem Bruder Sebastian. Als sie 15 ist, gründen sie eine Heavy-Metal-Band, sieben Jahre später, gleichsam aus dem „Sommernachtstraum“ geschöpft, die Rock-Pop-Band „Lysander“, in der ihr Partner Gitarre spielt.

Mirjam Miesterfeldts musikalische Wurzeln sind also durchaus vielgestaltig. Studieren aber wollte sie eigentlich Psychologie. Erst als sie bei „Jugend musiziert“ einen ersten Platz belegt, findet sie den Mut, sich für ein Gesangsstudium zu entscheiden. Sie erkundet Pop und Musical, bis ein Lehrerwechsel ihre Gesangswelt auf den Kopf stellt und sie auch das klassische Fach für sich entdeckt. „Mich hat schon immer Stimme fasziniert, in jeglicher Facette. Ich singe einfach gern, liebe es, mit Gesang Gefühle auszudrücken“, lässt sie sich nicht festlegen.

Dafür wurde sie schon 2002 mit dem Lotte-Lehmann-Förderpreis für Stimme und szenische Gestaltung ausgezeichnet, dem noch manch Preis folgte, ihre erste Hauptrolle „Rusalka“, beschwingte Auftritte mit dem Brandenburgischen Konzertorchester Eberswalde und während ihres ersten festen Engaments am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz...

Nun also bietet ihr der „Liebestrank“ Gelegenheit, überbordende Gefühle auszuleben. Und das in der Sprache der Liebe, auf Italienisch! Sie genießt, wie Regisseur Anthony Pilavachi dieses Melodramma giocoso inszeniert und so romantische Melodramatik mit heiterem Blick, Spritzigkeit und Tiefgang hervorlockt. „Und das alles findet sich auch in der Musik, da ist für alle Sinne etwas dabei. Lachen und Weinen. Wut, Traurigkeit und Spaߓ, macht Mirjam Miesterfeldt neugierig.

Vor allem aber ist es gesanglich eine spannende Herausforderung: „Es ist eine Oper mit vielen Belcanto-Arien. Das verlangt einen sehr virtuosen Gesang mit Koloraturen, Melodie umspielenden Verzierungen in schnellen Tonfolgen, die ihm eine besondere Färbung geben“, weiß die Sopranistin, die während der Einstudierung zum ersten Mal das Gefühl hat, „dass sich etwas in die Stimme hineinsingt“, was ihr auch schon andere Sänger berichtet haben.

Nach dieser ersten großen Rolle am Staatstheater, wovon träumt die junge Sopranistin noch? „Die Mimi in La Bohème möchte ich unbedingt spielen“, gesteht sie. Schon als kleines Mädchen habe sie Mimi gern gehört. Das ist nicht nur der Grund für ihr Gesangsstudium. Mimi ist auch ihr Spitzname.


Karten für die Premiere und die Vorstellungen am 2. und 6. Juli, 19.30 Uhr im Großen Haus gibt es Karten bei der RUNDSCHAU, im Besucherservice, Ticket-Telefon 0355/7824242, sowie online über www.staatstheater-cottbus.de.