Sie verbindet die dramatischste Liebesgeschichte der Welt. Venira Welijan tanzte die Julia. Kai Börner stand als Romeo auf der Schauspielbühne. Im wirklichen Leben aber nimmt ihre Liebesgeschichte einen ganz anderen Verlauf, auch wenn sie Welten voneinander entfernt aufgewachsen sind.

„Wow“, denkt Kai Börner, als er die Absolventin der Dresdner Palucca-Schule in Cottbus, 2006 gerade engagiert, bei einer Inszenierung sieht. Eine strahlende Erscheinung ist diese elegante Tänzerin. Venira bedeutet Venus. Kaum, dass sie sich im Staatstheater Cottbus begegnen, wo der Schauspieler seit dem Jahr 2000 sein Engagement hat, ist es um beide geschehen. Die Göttin der Liebe hat wohl ihre Hand im Spiel. Was allerdings alles andere als tragisch ist. Sie gründen eine Familie. Die Tänzerin bringt zwei Kinder zur Welt. Und sie trainiert sich – mit mannhafter Unterstützung – zurück auf die Bretter, die beiden die Welt bedeuten, jedenfalls ein sehr wichtiges Stück davon. Im Juni 2009 aber feiern die Tänzerin und der Schauspieler zunächst „gemeinsam mit vielen Leuten in verrückten Kostümen“ im Cottbuser Spreeauenpark Hochzeit, wie Kai Börner während des Theatertreffs in der Cottbuser Kammerbühne erzählt.

Theater-Hochzeit im Cottbuser Spreeauenpark

Nach der Heirat in Cottbus wird der Bräutigam in der Geburtsstadt der Braut, in Ürumchi, von den Schwiegereltern empfangen. Urumtschi, wie es im Deutschen heißt, ist die Hauptstadt des Uigurischen Autonomen Gebietes Xinjiang in der Volksrepublik China. Eine Millionenmetropole, in der Veniras Vater zu den bekanntesten Richtern gehörte, ist im Gespräch mit Moderator Hellmuth Henneberg Montagabend zu erfahren.

Damals wie heute ein krisengeschütteltes Gebiet. Das Auswärtige Amt warnte vor Reisen dorthin. „Es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Aber man erwartete uns zur Hochzeit. Ich war wohl der einzige Ausländer, der damals dorthin fuhr. Da haben die Schwiegereltern wohl gemerkt, dass ich es ernst meine“, erinnert sich Kai Börner, auch an seine Aufgeregtheit. Als dann sein Schwiegervater bemerkte: „Er ist wie ein Uigure“, fühlte er sich sofort als Sohn aufgenommen. Als einzige in der Stadt damals durfte die Familie in dieser Zeit feiern. Normalerweise wären wohl zur Hochzeit an die 1000 Gäste gekommen, so waren es „nur 200 Leute“, berichtet Börner. Und nach dem Fest ging es weiter: „Egal wo du hinkommst, herrscht eine unglaubliche Gastfreundschaft. Es sind so lebensfrohe Menschen, trotz der Schwierigkeiten, unter denen sie leben“, ist er beeindruckt. Venira erklärt: „Bei uns sagt man: Bevor Uiguren laufen können, können sie tanzen. Bevor sie sprechen können, können sie singen. Ein fröhliches Volk.“

Venira Welijan und Kai Börner kochen Kebab und Gulasch

Ein Lebensgefühl, das sich bestens paart, mit der Leichtigkeit, Frische und Direktheit, die Kai Börner nicht nur auf der Bühne bescheinigt wird. Diese wunderbare Verbindung sorgt auch an diesem Abend für Anziehungskraft. Viele Stühle mussten herangerückt werden, so viele Menschen sind gekommen. Unter ihnen auch die Kindergärtnerin des vierjährigen Töchterchens Nergiz: „Meine Tochter hält inzwischen in der Familie als Babysitterin die Stellung“, verrät Annette Bunar, während sie sich freut, die Eltern nun auch in ihrer künstlerischen Entwicklung näher kennenzulernen.

Denn auch wenn die meisten hier das Zusammenspiel dieser beiden auf der Bühne des Lebens genießen und sich über private Einblicke freuen (Die Kinder wachsen zweisprachig auf. Der neunjährige Sohn Nael hat offenbar die Fußball-Leidenschaft des Vaters geerbt. Die Küche gehört beiden: Teigtaschen und Kebab treffen auf Gulasch mit Rotkohl): Das Gespräch dreht sich in erster Linie immer wieder um die Liebe zum Theater. Sie verbindet die beliebten und anerkannten Künstler im besonderen Maße miteinander. „Ich liebe meine Familie und meinen Beruf“, sagt Venira und bedankt sich bei Kai, der es mit möglich macht, beides unter einen Hut zu bekommen. Ein Grund mehr, sich als Einheit zu fühlen, bei aller Eigenständigkeit in der Kunst.

Beide Künstler mit dem Max-Grünebaum-Preis ausgezeichnet, haben sie sich auf unterschiedliche Weise einen Namen gemacht. Venira Welijan verzauberte das Publikum ausdrucksstark als kleine Meerjungfrau, Julia oder in der Titelrolle von „Alice im Wunderland“.

Der gebürtige Sachse Kai Börner, der hier gesteht: „Ich habe alles von Christoph Schroth gelernt, was ich in diesem Beruf lernen kann“, ist vielen aus dem Publikum als junger Tempelherr in „Nathan der Weise“ in Erinnerung, als Macheath in „Die Dreigroschenoper“, Hitler in „Mein Kampf“. Vor allem aber als Richard III. und Faust in „Faust – Der Tragödie erster Teil“. Gesanglich versteht er, nicht nur die Sterne leuchten zu lassen.

Rettender Applaus auf der Bühne des Cottbuser Staatstheaters

Und wenn er mal einen Hänger hat? Der Börner weiß sich zu retten. Und wenn mal nicht? Dann rettet ihn der Applaus. Dieser gehört für die beiden ohnehin zu den größten Glücksmomenten. Und er ist an diesem Abend für das Künstlerpaar doppelt heftig.

Zum nächsten Theatertreff lädt der Förderverein des Staatstheaters Cottbus am 16. März ein. Rede und Antwort steht der designierte Intendant Stephan Märki.

Biografisches


Venira Welijan wurde in Urumchi geboren. Sie besuchte das Shen Yang Conservatory of Music in Shenyang (VR China) sowie die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden, wo sie ihre Ausbildung mit dem Diplom als Bühnentänzerin abschloss. Sie war Tänzerin und Assistentin an der Universität der Künste in Xinjiang, trat als Gasttänzerin an der Staatsoper Magdeburg auf und hat seit August 2006 ein festes Engagement am Staatstheater Cottbus.

Kai Börner wurde in Karl-Marx-Stadt geboren. 1995-1999 Studium an der Hochschule für Musik und Theater Rostock, erste Filmerfahrungen, kurzes Engagement am Theater Augsburg, bevor ihn 2000 Intendant Christoph Schroth nach Cottbus holt, wo er bereits in vielen großen Rollen zu sehen war. Ende 2007 dreht er mit Andreas Dresen den Kinofilm „Whysky mit Wodka“.