Von Ida Kretzschmar

Ein Schlagzeuger bringt mit bloßen Händen einen Raum zum Klingen und wird zum Spiegelbild eines Sprechers. Ein Orchester schwelgt in ungeahnten Freiräumen – ohne Dirigent und Notenblätter. Zwei Chöre werden zu Solisten. „Das alles wird erlebbar in den nächsten Philharmonischen Konzerten“, macht Bernhard Lenort, seit 22 Jahren Leitender Musikdramaturg am Staatstheater, neugierig.

„Es ist etwas sehr Schönes, lebendige Musik auf die Bühne zu bringen und Komponisten hautnah begegnen zu können“, sagt er. Bei den Brandenburgischen Doppelkonzerten sei das gleich drei Mal möglich – und nicht nur für fünf Minuten, wie gewohnt bei Uraufführungen im Großen Haus, sondern jeweils etwa 20 Minuten. So werden sie zu einem spannungsgeladenen Teil der 6., 7. und 8. Philharmonischen Konzerte.

Der Name indes spielt an auf den Urvater der Klassik. Bach hatte seine Brandenburgischen Konzerte einem Fürsten gewidmet. Die Brandenburgischen Doppelkonzerte des Staatstheaters Cottbus indes sind eine Hommage an alle Musikliebhaber, die wissen wollen, was sich seither in der Musikgeschichte getan hat. Schon frühzeitig wurden gleich drei Kompositionsaufträge vergeben.

„Allen gemeinsam ist: Solisten werden doppelt vertreten sein. Und es begegnen sich zwei Kulturen“, erläutert Lenort die Idee, die bereits in der Spielzeit 2016/2017 zum ersten Mal umgesetzt wurde mit Bernd Frankes „Daheim in der Fremde“. Viele erinnern sich noch an die berührende Uraufführung, eine Szene für Bariton, Sprecher, Oud, Solo-Perkussion und Orchester nach Texten von Adel Karasholi. Das zweite Brandenburgische Doppelkonzert, das Brandenburg Double Concertino for Oud, Soprano and Orchestra, komponierte Evan Alexis Christ.

Seither sind mehr als zwei Jahre vergangen. Nun startet die Reihe am 5. und 7. April mit einem musikalischen Hörtheater. „En Face“ heißt das Werk von Sarah Nemtsov, die bereits 2017 eine Uraufführung in Cottbus vorstellte. Hier nun begegnen sich Deutschland und Polen mit ihrer Geschichte. Während der polnische Perkussionist und Performer Alexander Wnuk ein umfangreiches und außergewöhnliches Schlagwerk zum Klingen bringt, setzt Jakob Diehl, Schauspieler wie sein Bruder August, die vielfältigen Möglichkeiten seiner Sprechstimme virtuos ein. Es geht um Einsamkeit und Enge. „Ich sehe mich niemals en face, von Angesicht zu Angesicht“, bekennt der Ich-Erzähler, der über den jahrelangen Aufenthalt in einem Zimmer spricht, das er nicht verlassen kann. Eine erzwungene immer wiederkehrende Begegnung mit sich selbst. „Sehr eindrucksvoll auch für die Zuschauer. Das Schlagwerk bildet einen eigenen Raum mit Tür und Spiegel. Der Schlagzeuger wird zum Spiegelbild des Sprechers, der wiederum den Schlagzeuger spiegelt. Dieser spielt nur mit seinen Händen. Er schlägt, streichelt, tastet, berührt die harte Oberfläche ganz ohne Schlägel, Eine klingende Choreografie“, folgt Lenort der Idee des Komponisten. Umrahmt wird das Ganze von italienischer Klassik und Beethovens 3. Klavierkonzert. „So prallen beim 6. Philharmonischen Konzert Welten aufeinander“, sagt Lenort.

Im Brandenburgischen Doppelkonzert am zweiten Mai-Wochenende erschafft Dmitri Kourliandski „Golem“. Die amerikanische Sopranistin Nicole Chevalier, die 2016 den wichtigsten deutschen Theaterpreis „Faust“ gewonnen hat und Mikhail Mordvinov, einer der bedeutendsten russischen Pianisten seiner Generation, sind die Solisten in einem Werk, das Russland und Amerika musikalisch verbindet: „Das Besondere ist: Es wird ausdrücklich ohne Dirigent aufgeführt“, sagt Lenort. Und statt der herkömmlichen Notenpartitur haben die Musiker eine ungewöhnliche grafische Notation erhalten. „Jede einzelne Stimmgruppe übernimmt einmal die Führung, das gibt den Musikern Freiräume für Improvisationen, sprengt den Rahmen eines normalen Konzertes. Natürlich gibt es auch Spielregeln, aber wie sie genutzt werden, ist Sache des Orchesters. Ein Abenteuer und eine riesige Herausforderung für die Musiker“, sagt Lenort.

Timo Andres schließlich weitet am 31. Mai. und 2. Juni 2019 in „Land Mass“, einem Werk für zwei Chöre und Orchester, den Blick über einzelne Länder hinaus. Der Titel ist mehrdeutig, erklärt Lenort. Zum einen beziehe er sich auf die musikalische Gattung Messe. Nicht im liturgischen Sinne, sondern im Ton und der ihr eigenen Musiksprache. Zum anderen könne man es auch als Landmasse übersetzen. „Das schließt für den Komponisten Begriffe wie geografische Erkundung, Naturkatastrophen, Fluch und Segen der Wissenschaft, die allgemeine Verwirrtheit der Menschheit ein“, deutet der Dramaturg an, wie hier Musikkultur und Umgebung aufeinander treffen.

„Timo Andres komponiert Musik, die an Hörgewohnheiten anknüpft, ohne sich anzubiedern“, meint Lenort. Sie sei verständlich, wie schon sein Klavierkonzert „The Blind Banister“, das vor anderthalb Jahren in Cottbus aufgeführt wurde, die Zuhörer spüren ließ. Für „Land Mass“ wählte er lateinische Texte aus der Feder des Theologen Johann Amos Comenius, des Geografen Gerhard Mercator sowie von Plinius dem Älteren und dem Jüngeren. „Ein amerikanischer Komponist erzeugt mit lateinischen Texten und zwei deutschen stimmgewaltigen Chören, dem Opernchor des Staatstheaters und dem Sinfonischen Chor der Singakademie Cottbus, eine ganz besondere Klangmasse. Wobei er nicht zwei einzelne Kulturen, sondern die ganze Menschheit im Blick hat“, so Bernhard Lenort.

Der Musikdramaturg sieht den drei Auftragswerken voller Spannung entgegen. Er ist überzeugt: „So unterschiedlich sie sind. Sie werden die Philharmonischen Konzerte krönen und nicht nur sehr viel für die Ohren, sondern auch für die Augen bieten.“


Für die nächsten beiden Konzerte am 5. und 7. April gibt es derzeit noch Karten im Besucherservice online: www.staatstheater-cottbus.de, Ticket-Telefon: 0355/ 7824242.