Von Annett Igel-Allzeit

Die Rutschung am Moritzteich in Döbern-Land (Spree-Neiße), bei der am 29. Januar ein Harvester-Fahrer im eiskalten Wasser ertrank, hat erste Konsequenzen. Alle 80 Restlöcher des Altbergbaus im Muskauer Faltenbogen sollen überprüft werden. „Und zwar nach den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen“, das bestätigt Uwe Sell, verantwortlich für den Braunkohlen- und Sanierungsbergbau im Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) in Cottbus. Weil die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft angelaufen sind, könne das Landesamt derzeit noch keine Ergebnisse der Ursachenforschung zum Unfall veröffentlichen, aber die Prüfung der 80 Restlöcher soll noch in diesem Jahr ausgeschrieben werden. Der Harvester-Fahrer, ein 53-Jähriger aus Sachsen, konnte inzwischen bestattet werden. Die schwere Maschine liegt noch immer im Wasser.

Der Moritzteich ist ein Restloch des ehemaligen Tagebaus Mulde III Süd II der Grube „Julius“ zwischen Wolfshain und Friedrichshain. 1906, so Uwe Sell, sei der Tagebau am „RL 1223“ aufgeschlossen worden, 1920 endete er bereits wieder. „Um die Kohle zu gewinnen, ist der Abraum damals im Regelbetrieb unter anderem auch gleich in den ausgekohlten Bereichen des Tagebaus verkippt worden. Wie das genau wo passierte – das wurde im bergmännischen Risswerk nicht dokumentiert. Eine ordnungsgemäße Sanierung  – wie wir das heute im Sanierungsbergbau nach den Vorschriften des Bundesberggesetzes kennen – wurde nach der Stilllegung 1920 nicht vorgenommen“, weiß Sell.

Der Felixsee im nahen Bohsdorf, viel bekannter als Badesee als der Geheimtipp Moritzteich, aber im Herbst 2018 von einer unterirdischen Rutschung betroffen, gehörte wiederum zur Grube „Felix“, und die wurde länger bergbaulich genutzt: nämlich von 1851 bis 1930. „Beide Gruben“, so Uwe Sell, „sind einst im Tagebau wie auch im Tiefbau betrieben worden. Sie gelten als Altbergbau ohne Rechtsnachfolger. Deshalb sind wir, das LBGR, nach dem Brandenburgischen Ordnungsbehördengesetz zuständig für die Abwehr von konkreten Gefahren.“

Plötzliche Rutschungen sind solche konkreten Gefahren. Seit dem Jahr 2001 habe es im Altbergbaugebiet in und um Döbern insgesamt 16 Schadensereignisse gegeben, sagt Uwe Sell. „Dazu gehörten Tagesbrüche aus dem Tiefbau ebenso wie kleinere Rutschungen an Restlöchern.“ Diese Ereignisse seien vom Landesamt als die zuständige Sonderordnungsbehörde sofort nach Meldung bearbeitet und gesichert worden. „Zudem beauftragen wir in diesem Altbergbaugebiet seit knapp 30 Jahren vornehmlich für den Untertagebergbau präventive Erkundungs- und Verwahrungsmaßnahmen“, so Sell.

Zum Unfall am 29. Januar wird ermittelt, das bestätigt die Staatsanwaltschaft Cottbus. Doch wann warum Anklage erhoben wird, kann Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon noch nicht sagen. „Und wir sind da auf die Ergebnisse des Landesamtes angewiesen“, so Bantleon. „Bei einer normalen Nutzung wie zum Beispiel beim Baden und Angeln bestand und besteht“, so betont Uwe Sell, „für den gesamten Uferbereich des Restloches Moritzteich keine akute Gefahr durch Rutschungen für die Öffentlichkeit.“ Dazu liege eine Standsicherheitseinschätzung vor. Zudem befinde sich der gesamte Moritzteich im Privatbesitz. Ob ein Harvester mit 20 Tonnen und mehr Eigengewicht zur normalen Nutzung gehört, ist eine der Fragen, zu der die Staatsanwaltschaft ermitteln muss.

Das Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe prüft aber keineswegs erst seit dem Unfall. „Sondern wir kontrollieren ständig“, so Sell. Gerade werde eine Risikoanalyse und -bewertung für den gesamten Tiefbau im Muskauer Faltenbogen erarbeitet. „Ziel ist“, so erklärt Sell, „die Feststellung von tagesbruchgefährdeten Bereichen aus dem untertägigen Braunkohlenbergbau in Abhängigkeit von der Nutzung der Oberfläche.“ Ein Ergebnisbericht dazu könnte voraussichtlich bereits im zweiten Quartal dieses Jahres vorliegen. „Bestehen tatsächlich akute Gefahren, kann das Landesamt Flächen absperren oder die jeweilige Nutzung einschränken“, erklärt Sell. Außerdem werden sämtliche  Tagesöffnungen im Altbergbaugebiet – ob es Schachtzugänge waren oder Öffnungen für Pumpen und Lüftung – unabhängig von ihrer Oberflächennutzung kontrolliert. „Das sind mehr als 700 Tagesöffnungen. Stellen wir hier offene Schächte fest, werden auch sie unverzüglich gesichert“, sagt Uwe Sell.

Während Teile des Westufers  am Felixsee als auch am Moritzteich mindestens bis zum Abschluss der Untersuchungen gesperrt bleiben, gibt es an den Ostufern aus heutiger Sicht des LBGR keinen Grund, das Baden zu verbieten. Für den Badesee Eichwege bestehe für den gekennzeichneten Badebereich keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Er ging aus der Grube „Gotthelf“ hervor, erfreut sich seit 1960 zunehmender Beliebtheit und wurde 2003 im Strandbereich aufgewertet. Auch am Lohnteich, der aus der Grube „Lerche“ bei Tschernitz hervorging, sei das Baden und Angeln weiterhin möglich. Bereits 1926 soll der Lohnteich vom damaligen Bergrevierbeamten fürs Baden freigegeben worden sein.