Da ist selbst Bürgermeister Fred Kaiser überrascht. Als Storchendorf ist Dissen in der Region ja bereits bekannt. Wird es nun auch zur Mopsfledermaus-Hochburg?

Bürgermeister freut sich über die Fledermäuse

Kaiser schmunzelt. Persönlich hätte er nichts dagegen. Er ist nicht nur Bürgermeister der Gemeinde Dissen-Striesow mit rund 1000 Einwohnern, sondern auch Vorsitzender des Vereins Naturkundezentrum Spreeaue. Dessen Ziel ist die Förderung des Natur-, Umwelt- und Tierschutzes. „Dass es Fledermäuse bei uns gibt, wissen wir“, sagt Kaiser. Doch dass eine so seltene Art darunter ist, die ein so ungewöhnliches Nistverhalten an den Tag legt, habe er nicht geahnt.

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Dissen

„Mopsfledermäuse leben eigentlich im Wald“, erklärt Volker Kelm. Der Umweltgutachter hat im Auftrag des Bergbauunternehmens Vattenfall untersucht, wie sich das Fledermaus-Vorkommen seit der Spreeauen-Naturierung im Jahr 2011 zwischen Döbbrick und Schmogrow entwickelt hat. Die Renaturierung gilt als Ausgleichsmaßnahme für die Abbaggerung der Lakomaer Teiche durch den Braunkohletagebau Cottbus-Nord. „Fledermäuse gelten neben anderen Tierarten wie Schmetterlingen oder Schnecken als ein wichtiger Indikator“, so Kelm.

Fledermaus-Nase erinnert an den Mops

Im Rahmen der jährlichen Fangaktionen an den Brücken bei Dissen, Fehrow und Döbbrick sind den Forschern mehrfach Mopsfledermäuse ins Netz gegangen. Ihren deutschen Namen verdankt die Art ihrer Ähnlichkeit mit der Hunderasse Mops. Beide besitzen gedrungene Nasen. „Wir finden sie ganz süß, sie sind uns ans Herz gewachsen“, sagt Kelm.

Die Fledermausart gilt deutschlandweit als bedroht. In Mecklenburg-Vorpommern hat die Deutsche Wildtier-Stiftung gemeinsam mit dem Bundesumweltamt ein Förderprogramme initiiert, um die Quartiere der Mopsfledermäuse im Wald zu sichern. Im Totholz alter Wälder fühlen sie sich wohl. Hier können sie sich verstecken und Nahrung finden.

Scheunen in Dissen bieten perfekten Unterschlupf

Warum sind sie nun so oft in Dissener Scheunen zu finden? Mit dieser Frage hat sich Sabine Hintz­mann von der TU Berlin beschäftigt. Das erstaunliche Ergebnis: Der hauptsächlich in Dissen verwendete Scheunentyp mit Deckelschalung ist der Grund dafür. Durch die knapp 2,5 Zentimeter langen Spalten kommen die Weibchen herein, richten im Sommer ihre Wochenstuben ein und ziehen ihre Jungen groß.

„Deutschlandweit gibt es nur zwei Regionen, in denen Mopsfledermäuse in Scheunen leben“, sagt Kelm. Das sei neben Dissen nur noch ein Dorf in Franken. Auch hier gelangen die nachtaktiven Tiere über die Verschalung in die Scheunen des gleichen Bautyps. Als Indiz für die Untermieter gelten „Urinfahnen“ unterhalb der Nester, die das Holz mit der Zeit immer weiter ausbleichen lassen.

In Dissen werden insgesamt 14 Scheunen und andere Gebäude von Mopsfledermäusen als Sommerquartier genutzt. Eine so hohe Rate gibt es sonst in keinem der zehn umliegenden Dörfer.

Ost- und West-Kolonie in den Scheunen entdeckt

Mittlerweile haben die Forscher auch herausgefunden, dass es zwei unterschiedliche Mopsfledermaus-Kolonien in Dissen gibt. Im Vorfeld wurden zwei Scheunen „abgefangen“, wie Janet Huber von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNE) in Eberswalde erklärt. Die Mopsfledermäuse wurden vermessen, ausgezählt und ausgewählte Tiere mit einem Ultraleichtsensor ausgestattet.

Nach Auswertung der Daten ist klar, dass es eine Ost- und Westkolonie gibt, deren Mitglieder sich nicht miteinander vermischen. „Im Juni wandern die Tiere in den Wald ab“, sagt Huber.

Überwintert wird in Bunkern oder Höhlen

„Zum Überwintern suchen die Mopsfledermäuse meist Bunker und Höhlen auf“, erzählt Detlef Schöley. Der Gubener ist von Fledermäusen fasziniert, wie er einräumt, ehrenamtlich engagiert sich der Rentner für den Naturschutzbund (Nabu). Ihren Winterschlaf halten die Mopsfledermäuse von November bis März bei Temperatur zwischen zwei und sechs Grad Celsius, erklärt er.

Fledermäuse fliegen nicht auf Menschen

„Fledermäuse haben ihre Lebensberechtigung genau wie wir und sind ein wichtiger Bestandteil des Öko-Systems“, sagt Schöley. Ihre Nahrung sind kleine Insekten wie Käfer, Nachtfalter und Mücken. Über Vorurteile, dass sie in die Haare fliegen, kann er nur lachen. „Die Fledermäuse haben ein so hervorragendes Ortungssystem, dass sie Hindernisse wie uns Menschen abscannen“, sagt er.

Als ein Problem sieht Umweltgutachter Volker Kelm, dass viele der alten Scheunen bereits baufällig sind, möglicherweise abgerissen oder saniert werden. So könnte sich der Lebensraum für die Mopsfledermäuse in Zukunft weiter einschränken. Diese Gefahr sieht Bürgermeister Fred Kaiser allerdings nicht. Er verweist darauf, dass jeder, der einen Storch auf dem Haus hat, stolz darauf sei. Das könnte künftig auch für die Mopsfledermäuse gelten.