Herr Witt, wie viele Mütter oder Väter wenden sich jedes Jahr an Sie?

Wir haben etwa 300 Mütter und Väter, die sich pro Jahr an uns wenden, entweder einmalig oder auch regelmäßig, teils über Jahre.

Was sind die häufigsten Probleme nach einer Trennung?

Die Probleme liegen hauptsächlich in den Emotionen zwischen den Eltern. Wut, Hass, Angst, Trauer, Enttäuschung, Rache. All dies spielt im Hintergrund mit. Vordergründig geht es dann um die Kinder, welche häufig zum Spielball zwischen den Eltern werden. Dabei hat ein Elternteil die Verfügungsmacht über das Kind, welche gegen den anderen Elternteil ausgespielt wird. Darunter leiden Kinder erheblich.  Daher setzen wir uns auch dafür ein, dass Streit zwischen den Eltern möglichst vermieden wird und Kinder nicht instrumentalisiert werden. Natürlich müssen auch ganz objektiv Themen geklärt werden. Wie kümmern sich die Eltern gemeinsam um die Kinder? Wie werden finanzielle Themen geregelt?

Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt ein Erziehungsmodell, das allen gerecht wird?

Nein, und das wird es so auch nie geben – dazu sind Familien und deren Lebensmodelle zu vielfältig. Trotzdem ist es so, dass Kinder davon profitieren, möglichst viel Zeit mit beiden Eltern verbringen zu können, wobei das sogenannte Residenzmodell für Kinder häufiger Belastungen hervorruft, gerade, wenn die Eltern streiten. Besser wäre daher das sogenannte Wechselmodell als Ausgangsbasis. Beim Residenzmodell lebt das Kind bei einem Elternteil mit dauerhaftem Wohnsitz und der zweite Elternteil erhält ein Umgangsrecht mit seinem Kind. Beim Wechselmodell hingegen pendelt das Kind in regelmäßigen Abständen zwischen dem Haushalt der Mutter und des Vaters.

Was wünschen Sie sich von Jugendämtern, Familienrichtern und Beratungsstellen in Streitfällen?

Genauer hinzuschauen. Hinzuschauen, welcher Elternteil sich um eine Einigung bemüht. Hinzuschauen, wer den Streit eskaliert. Hinzuschauen, wer sich an den Bedürfnissen der Kinder oder nur an seinen eigenen orientiert. Es ist fast immer sehr einfach zu erkennen, häufig wird aber weggeschaut und das Kind dann bei dem Elternteil belassen, der am rücksichtslosesten um das Kind kämpft. Dass das Kind dabei erheblichen Schaden nimmt, wird viel zu oft billigend in kauf genommen. Das zeigt auch der Film „Weil Du mir gehörst“ leider absolut realistisch. Und wir erleben häufig Fälle, die noch erheblich schlimmer sind, auch wenn man sich dies kaum vorstellen mag.

Haben Sie nach dem Film „Weil Du mir gehörst“ mehr Zulauf von Betroffenen bekommen?

Seit der Ausstrahlung des Films und des anschließenden Web-Talks verzeichnen wir auf allen Kanälen ein deutlich höheres Interesse. Der Schmerz, die Trauer und die Hilflosigkeit, die diese Menschen oft erlebt haben und immer noch erleben, ist enorm. Man kann nur hoffen, dass der Film aufrüttelt und ein Umdenken einläutet. Wenn ein Kind entfremdet wird, ist es kein Kollateralschaden – es ist Missbrauch am Kind. Davor müssen Kinder geschützt werden.

Was kann man tun, wenn ein Elternteil versucht, das Kind dem anderen zu entfremden?

Als betroffener Elternteil kann man nur Jugendamt und Familiengericht darauf aufmerksam machen und versuchen, seinem Kind in der Zwischenzeit möglichst viel Liebe und Stabilität zu geben. Wirklich etwas machen können dann nur Jugendamt und Familiengericht. Neben Beratungen für die Eltern kann dies in schwierigen Fällen auch eine gerichtliche Umgangsregelung und wenn sich auch daran nicht gehalten wird, Ordnungsgelder bis hin zur Ordnungshaft sein. Wichtig ist aber, schnell zu reagieren, denn Zeit schafft ansonsten Fakten. Im Film war das Kind in nur einem Jahr entfremdet. Daher sollte sehr schnell eingegriffen werden und notfalls auch ein früher Wechsel hin zum anderen Elternteil erfolgen, um das Kind vor einer weiteren Entfremdung zu schützen. Hier ist ein dringendes Umdenken bei Jugendämtern und Familiengerichten erforderlich.