Punk in der DDR
: Punkband Sandow kehrt nach Cottbus zurück

In Cottbus entwickelt sich in den 80ern eine lebendige Subkultur. Doch was bleibt vom rebellischen Geist? Die Band Sandow zeigt jetzt mit einem Konzert: Punk lebt noch.
Von
Mariya Druzyaka
Cottbus
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Sandow

Die Punkband Sandow aus Cottbus erreicht mit ihrem Song „Born in G.D.R.“ viele Menschen und trifft den Nerv ihrer damaligen Lebensrealität. Die Zeilen „Wir können bis an unsere Grenzen geh’n, hast du schon mal drüber hinweg geseh’n, ich habe 160.000 Menschen geseh’n“ brennen sich für immer ins Gedächtnis.

Charlie Köckritz
  • Die Punkband Sandow aus Cottbus feiert mit „Born in G.D.R.“ Erfolge und prägt die DDR-Subkultur.
  • Gegründet 1982, entwickelte sich die Band aus einer Faschingsidee und blieb der Musik treu.
  • Punk in der DDR war rebellisch, stieß aber ab 1985 auf zunehmend mehr Duldung.
  • Nach der Wende zerfiel die Szene im Osten – Sandow plant dennoch ein neues Album für 2025.
  • Konzert und Gespräch: Sandow spielt am 14.10.2025 im Menschenrechtszentrum Cottbus.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ja, vielleicht gab es in der DDR keine Coca-Cola. Aber es gab Punk. Echten Punk. Punk aus der DDR. Punk aus Cottbus. Mit dem Lied „Born in G.D.R.“ zeigt die gleichnamige Band Sandow, benannt nach einem Cottbuser Wohngebiet, dass der unangepasste Spirit der eigentlich englischen Jugendbewegung der 1970er auch den Osten Deutschlands erreicht – und eine eigene Subkultur wird.

1982 sind die Jungs von Sandow noch Schüler der achten Klasse – und haben gerade einmal zwei eigene Lieder. Ihre Idee: sich zum Fasching als Band zu verkleiden. Doch aus dem Kostüm steigen sie nie wieder aus. Fast vierzig Jahre später, am 14. Oktober 2025, kehren die Gründungsmitglieder Kai-Uwe Kohlschmidt und Chris Hinze nach Cottbus und spielen Punk im Menschenrechtszentrum. Dazwischen liegen Mauerfall, Vereinigung, der Zahn der Zeit. Was hat sich verändert? Sind Punks schon „dead“?

Punk in der DDR – Exoten erobern Cottbuser Stadtbild

„Also 1982 gab es in Cottbus vielleicht zehn Punks. Das waren absolute Exoten. Man sah sie manchmal im Stadtbild, meistens als kleines Rudel – richtig klassisch mit Irokesen“, erinnert sich Kai-Uwe Kohlschmidt. „Richtig zu tun hatte man mit denen eigentlich nicht.“

Damals ist der jungen Band noch nicht wirklich bewusst, dass sie selbst inzwischen Teil dieser Szene sind. „Dass wir als Punkband wahrgenommen wurden, lag vor allem daran, dass wir erst mal richtig schlechte Musiker waren. Wir haben so schlecht gespielt und hatten so mieses Equipment, dass wir zwangsläufig nach Punk klangen“, erzählt er lachend.

Zusammen mit Chris Hinze fährt Kohlschmidt im Sommer zum Zelten. Auf dem Campingplatz treffen sie Leute aus allen möglichen Subkulturen. „Da traf man Gammler, Rocker, Metaller. Mit der Zeit wurden es aber immer mehr Punks. Und nicht die Sorte Punks, die nach einer Mark fragte – das waren richtig helle Köpfe“, erzählt Kohlschmidt. Eine frische Szene sei das gewesen, die damals richtig Fahrt aufnimmt.

„Wir waren aber nicht alle gleich“, sagt Kohlschmidt. Es war eher ein dynamischer Prozess. „Es mischte sich mit New Wave, Gothic – ein bunter Salat halt.“ Das habe vor allem daran gelegen, dass es in Cottbus nur wenige Konzertmöglichkeiten gab. Die einzelnen Szenen separierten sich nicht. „Es kamen einfach wirklich verschiedene Leute zusammen: Schauspieler vom Theater, Künstler, Ingenieure, medizinisches Personal.“ Orte dafür waren das Forum K, das Gladhouse und der Club Südstadt.

Die erste Generation, von der Kohlschmidt spricht, habe das Zuchthaus – das heutige Menschenrechtszentrum – wahrscheinlich noch von innen gesehen.

Punkkonzerte werden mit der Zeit immer mehr geduldet

Punk zu sein in der DDR war also weder selbstverständlich noch einfach. Viele Texte und die Lebensweise stoßen auf Widerstand. Sich gegen den Staat aufzulehnen, konnte ernsthafte Konsequenzen haben. Entmutigt hat das offenbar nur wenige.

„Ab 1985 öffnet sich das Land. Es gab jetzt zwar keinen offiziellen Parteibeschluss oder Genehmigungen, aber vieles wurde immer mehr geduldet“, sagt Kai-Uwe Kohlschmidt. Zudem fließe über die FDJ Geld in die Jugendkultur, sodass immer mehr möglich wird. „1987 waren wir schon auf dem ersten Sampler mit der Punkband WK13. Fünf Jahre zuvor wäre das undenkbar gewesen“, macht Kohlschmidt deutlich.

Kai-Uwe Kohlschmidt

Kai-Uwe Kohlschmidt, geboren in Leipzig und in Cottbus aufgewachsen, ist Sänger und Gitarrist der Cottbuser Punkband Sandow.

Kai-Uwe Kohlschmidt

Das erste Album macht die Band Sandow 1989 fertig. Das Lied „Born in G.D.R.“ hat bereits vorab eine große Reichweite und wird über DT64, das Jugendprogramm des DDR-Rundfunks, bekannt. Die Platte selbst erscheint nicht.

„Das Album war fertig und sollte raus – unter der Bedingung, dass wir das Lied herunternehmen. Das haben wir natürlich nicht gemacht“, erzählt Kohlschmidt. Diese Versöhnung oder „tödliche Umarmung“, wie er es nennt, wollte die Punkband nicht eingehen. Sandow sitzt die Situation aus. Und dann? Mauerfall.

Punk nach der Wende: „Osten hat kein Netzwerk gebildet“

Auf die Frage, ob es Punk heute noch gibt, hat Kohlschmidt keine eindeutige Antwort. Aber er ist überzeugt: Szenen überleben nur, wenn man sie pflegt, vernetzt und zusammenhält. Nach der Wende habe man das im Osten schlicht verpasst.

„In den ersten 14 Jahren hatten die Leute andere Sorgen“, erzählt er. „Sie wurden zu Einzelkämpfern, die Stadt Cottbus wurde leerer. Viele mussten sich in ihren Jobs durchkämpfen, alles wurde teurer. Alles wurde anders.“

„Sicher gibt es noch ein paar Alt-Punks“, sagt Kohlschmidt. Aber die reine Punk-Szene, wie sie damals existierte, glaubt er nicht mehr zu finden. „Wer spielt denn heute noch für einen Kasten Bier in einem AJZ (Autonomes Jugendzentrum)?“, fragt er.

Vielleicht sind Jugendkulturen einfach nur älter geworden – so alt, dass sie keine mehr sein können. Die Band Sandow ist jedenfalls jung und punk genug für ein neues Album. „Mal sehen, wir arbeiten diesmal echt auf einem hohen Niveau. Es könnte sein, dass wir tatsächlich nächstes Jahr ein Album rausbringen“, sagt Kohlschmidt zum Abschluss lachend.

35 Jahren Einheit

SANDOW – Konzert und Gespräch über Aufbruch, Widerstand und das Lebensgefühl zwischen Punk, Protest und Neubeginn.

Wo? Menschenrechtszentrum / Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus

Wann? Dienstag, 14.10. 2025, 19:00 Uhr