Von Marion Hirche

Die Sonderschicht der Peitzer Fischer am Hälterteich und auf dem benachbarten Hüttenwerksgelände lohnt. 35 Tonnen Karpfen werden am Sonnabend aus der Fischgrube geborgen und zum Fischereihof transportiert. Für Gerd Michaelis, den Geschäftsführer des Teichgutes Peitz, und seine Männer ist das große Abfischen in jedem Herbst „ein ganz besonderer Höhepunkt“. Denn auch die Schaulustigen kommen traditionell in Scharen.

Gerd Michaelis führt die Strichliste der Fuhren von Fisch, die per Kran auf die Hälterfahrzeuge gehoben werden. Statistik ist für den Mann zwar nicht der schönste Job. „Ich würde lieber mit am Tisch stehen und die Fische sortieren“, sagt er. „Da bleibt man in Bewegung, und es wird nicht kalt“, erzählt der Teichgut-Chef weiter. Und mit zupacken sei ihm schon immer lieber gewesen als die Arbeit am Schreibtisch. Das Frischluft-Protokoll aber wird ihm abverlangt.

Keiner wollte nach Peitz

Der aus Beeskow stammende Teichwirt hatte schon seit seiner Kindheit Berührung mit Fischen: „Mein Vater hat in der Wasserwirtschaft gearbeitet, mit ihm sind wir angeln gegangen. Beeskow liegt ja an der Spree. Bei uns daheim gab es auch oft Fisch zu essen.“ Als sich Gerd Michaelis dann nach dem erfolgreichen Abitur am Physikalisch-technischen Gymnasium in Frankfurt (Oder) für ein Studium der Fischwirtschaft entschied, wurde er verwundert gemustert. Aber er blieb dabei. Nach viereinhalb Jahren Studium wurden die jungen Absolventen in die Betriebe, in denen sie gebraucht wurden, vermittelt. „Ich wollte gern in die Seefischerei nach Schwerin, aber das war mir nicht vergönnt. Keiner wollte nach Peitz, weil alle den Stress fürchteten. Auch ich wollte nicht, musste aber“, erzählt er schmunzelnd. „Hier habe ich Hans-Wilhelm Blume, den Chef der Binnenfischerei, kennengelernt. „Und Wilfried Donath, der bei uns an der Uni Betriebswirtschaft gelehrt hatte, ist fast zeitgleich als sein planmäßiger Nachfolger gekommen. Ich sollte schon in die Betriebsleitung“, berichtet er weiter.

Die Angst davor, dass ihm als „Jungspund“ die gestandenen Fischer sowieso nicht folgen würden, sei bei ihm groß gewesen. „Ich habe zunächst in der Teichwirtschaft Peitz unter Alfred Wandelt angefangen zu arbeiten. Und der hat mich ganz schön gefordert“, sagt Gerd Michaelis mit dem Blick zurück. Sein erster Auftrag: der Bau einer Klärgrube in Bärenbrück einschließlich der Planung. „Da wusste ich kaum, wie das geht. Aber Alfred war der beste Lehrmeister, den ich haben konnte“, erzählt er weiter.

Wende bringt Peitzer-Fischereibetrieb in Turbulenzen

Die Wende vor nunmehr 30 Jahren habe auch den Fischereibetrieb in Turbulenzen gebracht. „Plötzlich gab es die Möglichkeit, das heutige Teichgut zu pachten, später sogar die Edelfischerei zu kaufen“, sagt Gerd Michaelis. Gemeinsam mit den heutigen Chefs sei der Schritt gewagt worden. „Eigentlich aber wollte ich nach Kanada auswandern und Lachse züchten. Nach einem Knöchelbruch im November 1989 habe ich sogar mein Englisch aufgefrischt. Zum Glück habe ich diesen Plan aber nicht umgesetzt und bin in Peitz geblieben“, stellt der Peitzer heute fest.

Die riesige Karpfenproduktion musste neuen Bedingungen und Absatzmärkten angepasst werden: „Viele Karpfen haben wir damals nach Polen und Russland verkauft, weil wir einfach zu viele hatten. Das Geld dafür aus Russland haben wir nie gesehen“, erzählt er. Kaum einer habe die Peitzer Karpfen noch gewollt, außer den Kormoranen, die sich immer stärker vermehrt haben. Standen sie doch unter Vollschutz. 

Kohleausstieg bedroht Karpfen-Aufzucht in Peitz

Gerd Michaelis und seine Mitstreiter haben es dennoch geschafft, das Unternehmen am Markt zu etablieren. Die Fischproduktion am Kraftwerk Jänschwalde sei ein entscheidenener Standortvorteil im harten Wettbewerb. Das gerät nun mit dem politisch verordneten Kohleausstieg für den Beitrag Deutschlands zum Klimaschutz ins Wanken.

„Durch das Abschalten der Kraftwerksblöcke steht das Wasser nicht mehr in den Hälterbecken unterhalb der Kühltürme. Deshalb müssen wieder mehr Karpfen in freier Natur aufziehen“, erklärt Gerd Michaelis. Die Verluste werden größer, da die Fischfresser gut an die Flossentiere herankommen. Und die Zahl der Prädatoren sei größer geworden um Peitz. Auch Silber- und Graureiher sowie Biber bedienen sich. Deshalb tüfteln Gerd Michaelis und die Peitzer Fischer an neuen Strategien, um konkurrenzfähig bleiben zu können. Auch in diesem Jahr wollen sie mehr als 500 Tonnen Speisekarpfen ernten. Ein Viertel davon wird gewöhnlich beim ersten großen Herbstfischzug aus dem Hälterteich geholt.

Bildergalerie Abfischen in Peitz 2019