Von Nils Ohl

„Die Frage ist: Wo wohnt die Bevölkerung in Cottbus künftig und wie können wir einen Öffentlichen Personennahverkehr schaffen, der dem gerecht wird?“, stellte der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch vor wenigen Tagen beim 2. Brandenburger Verkehrsforum an der BTU fest.

Das Forum initiiert hatte Ralf Thalmann, Geschäftsführer von Cottbusverkehr, um grundsätzlich über die Zukunft der Mobilität abseits der großen Ballungsräume in Regionen wie der Lausitz nachzudenken. Thalmann weist darauf hin, dass sich das Mobilitätsverhalten der Menschen derzeit grundsätzlich ändert. Der Individualverkehr mit dem Auto stößt an seine Wachstumsgrenzen. Dazu kommen Probleme wie Lärm- und Schadstoffemissionen und der Klimawandel. Das alles stellt den gesamten Verkehr vor völlig neue Herausforderungen. „Dem ÖPNV kommt bei der Lösung eine Schlüsselfunktion zu“, ist Thalmann überzeugt.

In der Diskussion kristallisierten sich die drei Punkte Netzanpassung, klimaneutraler Fuhrpark und Digitalisierung als zentrale Handlungsfelder heraus.

Mit der 1903 in Betrieb genommen Straßenbahn kann Cottbus eine lange Tradition der Elektromobilität vorweisen. Auf dieser Basis lässt sich aufbauen. Allerdings ist die Straßenbahn für die Stadt ein teures Verkehrsmittel, das zudem seit einigen Jahren unter die freiwilligen Aufgaben der Kommune fällt. Deshalb fordert Oberbürgermeister Kelch auch, dass der ÖPNV vom Land wieder zur Pflichtleistung erklärt und entsprechend gefördert wird.

Zudem sind Investitionen in den ÖPNV sehr langfristig. Deshalb sind Bevölkerungsprognosen wichtig. Noch vor zehn Jahren galt, dass die Cottbuser Einwohnerzahl bis zum Jahr 2025 auf unter 85 000 fallen wird. Das ist nicht eingetreten. Aktuelle Prognosen sehen die Stadt weiter bei über 100 000 Einwohnern. Dieser positiven Entwicklung muss der ÖPNV langfristig angepasst werden. Das derzeit wichtigste Projekt für den fahrgastfreundlichen Nahverkehr ist der Umbau des Bahnhofsvorplatzes zu einem zentralen Verkehrsknoten, von wo aus man in alle Richtungen in den ÖPNV umsteigen kann. Ein weiteres ist die neue Umstiegsanlage in Madlow, wo Bus und Tram verknüpft werden, auch um Autoverkehr aus der Innenstadt herauszuhalten – die RUNDSCHAU berichtete.

Derzeit hat der ÖPNV in Cottbus einen Anteil von rund zehn Prozent am Gesamtverkehr. Damit dieser Anteil erhöht werden kann, muss das Stadtgebiet als Ganzes neu erschlossen werden, denn das Netz ist im Kern auf dem Stand der 80er Jahre. „Wenn im Zuge des Strukturwandels neue Institute kommen, muss beispielsweise der BTU-Campus besser angebunden werden“, erläutert der Oberbürgermeister das Problem. Kelch regt an, neue Straßenbahn-Anbindungen zur BTU, zum Lausitz-Park in Groß Gaglow, zum Carl-Thiem-Klinikum und zu den künftigen Wohngebieten am Cottbuser Ostsee zu planen. Diese Aufgaben sind jedoch nur mit entsprechender Unterstützung von Bund und Land zu bewältigen.

Für Cottbus als Oberzentrum der Lausitz sind auch gute Bahnanbindungen zu benachbarten Ballungszentren wichtig, die intelligent mit den ÖPNV-Angebot im ländlichen Raum verknüpft werden.

„Eine Fahrt mit der 2. Klasse zwischen Cottbus und Berlin in den ständig überfüllten Zügen ist zur Zeit eine Katastrophe“, beklagt Kelch. Er kritisiert auch die mangelhafte Verbindung nach Dresden und Görlitz. „Das muss besser werden, aus ökonomischen und ökologischen Gründen“, fordert er. Die Verbindung nach Leipzig wird hingegen als gut eingeschätzt. Wer allerdings spät aus Leipzig in Cottbus eintrifft, kommt hier mit dem ÖPNV kaum weiter, da Busse und Straßenbahn in den Nachtstunden nur sehr eingeschränkt fahren.

Neben dem Netz muss auch in den Fuhrpark investiert werden. Zum einen, um modernen Anforderungen bei der Barrierefreiheit gerecht zu werden. Zum anderen lassen sich ohne einen starken Beitrag des ÖPNV die Ziele einer CO2-armen Stadt nicht realisieren. Nicht zuletzt müssen sich auch die rasanten Entwicklungen bei der Digitalisierung des Verkehrs und beim autonomen Fahren im Fuhrpark widerspiegeln.

Wie Ralf Thalmann erklärt, strebt Cottbusverkehr als Vision an, seine aktuell 53 Dieselomnibusse auf klimaneutrale Antriebe umzustellen. Wobei der Wasserstoffantrieb präferiert werde. Ein erster Bus wird Dank Fördermitteln und in Kooperation mit dem Wasserstoff-Kompetenzzentrum der BTU in einigen Monaten in Betrieb genommen. Langfristig soll es auch 20 bis 30 neue Niederflurstraßenbahnen geben. Aktuell sind 21 Straßenbahnen mit einem nachträglich eingebautem Niederflurmittelteil im Einsatz. Die Straßenbahnen sollen gemeinsam mit den Verkehrsbetrieben von Brandenburg an der Havel und Frankfurt (Oder) angeschafft werden. Cottbusverkehr hat sieben Bahnen bestellt, die Ende 2020, Anfang 2021 ausgeliefert werden. Für 13 weitere besteht eine Option.

Außerdem interessiert sich Cottbusverkehr für zwei Digitalisierungsprojekte. Bei dem einen geht es um kleine, fahrerlose E-Straßenfahrzeuge, die genau nach Bedarf Kunden auf weniger frequentierten Strecken betreuen. Bei dem anderen um eine Plattform, in der Teile des ÖPNV-Angebotes dynamisch nach Nutzeranfragen in Echtzeit geplant werden. Um diese Projekte zu realisieren, fehlen allerdings noch entsprechende Fördermittel und Breitband-Kapazitäten in der Fläche. Eine weitere Vision ist, die Stadt flächendeckend über die ÖPNV-Haltestellen mit freiem WLAN zu versorgen.

Fest steht, dass es für die künftige Stadtentwicklung einen grundsätzlich neu ausgerichteten Öffentlichen Nahverkehr braucht. „Im Moment können wir aus finanziellen Gründen jedoch nur Teillösungen anbieten“, resümiert Ralf Thalmann.