In weiten Teilen Deutschlands gilt der „Sachse an sich“ inzwischen vereinfacht als pöbelnder, demokratiekritischer „Rechtsausleger“. Dass dieses schlichte Klischee falsch ist, haben zwei junge Männer aus Dresden in dieser Woche in Cottbus eindrucksvoll gezeigt. Die „Fridays for future“-Aktivisten aus Sachsen stellten sich vor den am Wochenende geplanten kohlekritischen Protesten in der Lausitz einem offenen Dialog mit Bergleuten an der BTU Cottbus-Senftenberg.

Cottbus

Damit beschreitet die Lausitz neue Wege. Und dabei geht es inzwischen längst nicht nur mehr um die Suche nach wirtschaftlichen Alternativen für die Braunkohleförderung und Verstromung. Auch die Kultur des Diskutierens und der gegenseitigen Akzeptanz könnte zu einem Beispiel für andere Gegenden in Deutschland werden. Das lässt die Podiumsdiskussion am Dienstag an der BTU ahnen.

Das war ein mutiges Experiment

Die Uni hatte ihren Hörsaal Nummer 1 für einen – schon ein bisschen mutigen – Versuch zur Verfügung gestellt. Vor den in der Lausitz am kommenden Wochenende angekündigten Protesten von Kohlekritikern des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“ und der Protestbewegung „Fridays for future“, sollten Kohlekritiker und Bergleute dort gemeinsam öffentlich debattieren. Die Initiative dazu kam gemeinsam vom Verein Pro Lausitzer Braunkohle und der Bewegung „Fridays for future“. Hunderte Zuhörer wollten sich diese Debatte nicht entgehen lassen und waren auf den BTU-Zentralcampus gekommen.

Der Kontakt zwischen den Kohlekritiker und dem Verein Pro Lausitzer Braunkohle war beim Ostdeutschen Energieforum in Leipzig vor einigen Wochen angebahnt worden. Und so waren es schließlich Kevin Bauch (23) und Florian Keller (18) von der „Fridays for future“-Bewegung aus Dresden, die die Diskussion auf offener Bühne mit den Leag-Bergleuten Sebastian Lachmann (34) und Lars Katzmarek (27) führten.

Moderatorin Simone Wendler, Kevin Bauch, Florian Keller (beide „Friday for future“ aus Dresden) diskutierten mit den Bergleuten Sebastian Lachmann und Lars Katzmarek (v.l.).
© Foto: Jan Siegel

Um es vorweg zu nehmen: Die vier Podiumsgäste haben auf eindrucksvolle Weise gezeigt, wie ein Meinungsaustausch in der Sache klar, mit gegenseitiger Akzeptanz und Respekt funktionieren kann. Sie alle hatten Lust, zu reden und auch Argumente der Gegenseite aufzunehmen.

Beigetragen dazu hat sicher auch die Gesprächsführung der Moderatorin Simone Wendler, die vor ihrem Ruhestand viele Jahre auch für die RUNDSCHAU als Chefreporterin über Energiethemen recherchiert und geschrieben hatte.

Bemerkenswerte Lausitzer Debattenkultur

Wer in den zurückliegenden Monaten die ein oder andere Pro- und Contra-Debatte zum Thema Kohleausstieg und Energiewende verfolgt hat, der hat am Dienstagabend im Hörsaal 1 kein einziges ganz neues Argument gehört.

Was er aber erlebt hat, war vielleicht der Anfang einer „Lausitzer Debattenkultur“, die angesichts der zunehmenden Polarisierung auch in der deutschen Gesellschaft durchaus Schule machen könnte. Das übrigens war von Anfang an eines der erklärten Ziele auch der Initiatoren vom „Verein Pro Lausitzer Braunkohle“.

Das Ende der Geduld

Symptomatisch und auffällig sowohl bei den Klimaaktivisten wie auch bei den beiden Bergleuten ist ihre Ungeduld gegenüber den politischen Akteuren. „Fridays for future“ sind die Klimaschutzaktivitäten der Bundesregierung schlicht zu zögerlich. Die Aktivisten sprachen den verantwortlichen Politikern den Willen zum Handeln ab.

Die Lausitzer Bergleute vermissen auch zehn Monaten nach dem Kohlekompromiss noch immer die gesetzlichen und finanziellen Leitplanken für den mit einem Kohleausstieg notwendigen Strukturwandel in den Revieren.

Fast zwei Stunden wurde im Hörsaal 1 am Dienstagabend auf dem Podium und auch mit dem Publikum diskutiert. Dabei ging es um das übliche und immens breite Spektrum von den Fragen zu Energiespeichersystem die fehlen oder eben auch nicht, den Anstieg der Energiepreise durch den Kohleausstieg oder auch um das Für und Wider einer Wiederbelebung für die CCS-Technologie, bei der CO2 tief unter die Erde verpresst werden sollte.

Auf dem Podium war man sich zum Schluss irgendwie einig, dass diese Debatte erst ein Anfang gewesen sein soll, für weitere Gespräche und Meinungsaustausche. Nach dem Ende der Diskussion nutzten außerdem viele Zuhörer noch die Gelegenheit, um untereinander und mit den Diskutanten ins Gespräch zu kommen.

Woidke fordert „neues Miteinander“


Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hatte die Initiative zur öffentlichen Diskussion von Bergleuten mit Initiatoren der „Fridays for future“-Bewegung im Vorfeld explizit begrüßt. Im gehe es darum, den Konsens zu suchen, statt den anderen mit Vorwürfen zu traktieren, sagte Woidke.

„Ich setze im Prozess des Strukturentwicklung auf den heutigen Kohlekumpel ebenso wie auf die engagierte Schülerin von ,Friday for future’“, sagte Dietmar Woidke der RUNDSCHAU. Wichtig sei, das sich möglichst viele Menschen, Unternehmen, Institutionen und Verbände mit ihren Ideen und ihren Stärken einbrächten. Woidke: „Am Ende geht es, wie überall, um ein neues Miteinander.“