Was hat der Brexit mit Cottbus zu tun, und was Theresa May mit Max Grünebaum? Als die damalige britische Premierministserin 2016, wenige Monate nach dem Brexit Referendum, in einer Rede von manchen Brexit-Gegnern als „Citizens of Nowhere“, Bürgern von Nirgendwo, sprach, fühlte sich Peter Gumbel, der Urenkel des Cottbuser Textilkaufmanns und Mäzens Max Grünebaum, persönlich angegriffen.
In London geboren und aufgewachsen, hatte er sich immer britisch gefühlt und das gemacht, was Briten gern tun: den seltsamen Brotaufstrich Marmite auf Toast essen, Monty Python Filme lieben und jede Menge Tee trinken. Sicher, inzwischen war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Kopenhagen, Moskau, New York und Los Angeles unterwegs gewesen, lebt seit längerem in Paris und ist überzeugter Europäer. Warum also traf ihn die Rede so?

Wie es ist, ausgeschlossen zu werden

In einem hellsichtigen Essay „Citizens of Everywhere“ analysiert Gumbel, der regelmäßig zur Verleihung des Max-Grünebaum-Preises auch nach Cottbus kommt, warum ihn dieses Gefühl, nicht mehr dazugehören zu sollen, damals so traf. Und er spannt damit einen Bogen zu seinen Großeltern mütterlicherseits, Ernst und Carla Frank, die sich lange Zeit so selbstverständlich als Deutsche fühlten und unter den Nationalsozialisten bitter erfahren mussten, dass sie nicht mehr dazugehören sollten: Carla, die Großmutter, gläubige Katholikin, wurde aus der Kirche ausgeschlossen, Ernst, der Großvater, musste seine Tuchfabrik weit unter Wert an einen „arischen“ Kollegen verkaufen. Selbst das Dienstmädchen Käthe durfte nicht mehr im Haushalt bleiben und wurde von der Polizei vorgeladen, als sie sich dagegen wehrte, die Grünebaums zu verlassen.
Ernst und Carla haben Glück gehabt: Sie konnten Cottbus und Deutschland rechtzeitig verlassen, haben sich in Großbritannien eine neue Existenz aufgebaut, ihre Kinder sind dort aufgewachsen, ihre Enkel längst selbstverständlich Briten, und Weltbürger dazu. Doch wie sehr die fatalen Brexit-Diskussionen an überkommene familiäre Traumata rühren, macht Peter Gumbel in seinem Buch deutlich.

25 Jahre Max-Grünebaum-Stiftung in Cottbus

Im Rahmen des Jubiläumswochenendes anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Max Grünebaum-Stiftung stellt Peter Gumbel am Sonntag, 6.11.2022, um 15 Uhr im Dieselkraftwerk Cottbus sein Buch „Citizens of Everywhere“ vor. Der Eintritt ist frei. Im Anschluss gibt es Tee und Scones.
Am Sonntag, 6.11.2022, um 11 Uhr, wird im Staatstheater Cottbus das 25. Jubiläum der Max Grünebaum-Stiftung begangen. Die Stiftung zeichnet Nachwuchstalente des Theaters und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) aus.
Im September 2019 nimmt er die deutsche Staatsbürgerschaft, die seinen Großeltern 1939 aberkannt wurde, wieder an, gemeinsam mit seiner älteren Tochter Olivia. Als er 2020 bei einer Reise in einem Hotel in Berlin eincheckt und die Rezeptionistin automatisch Englisch mit ihm spricht, wechselt er, als er seinen Pass vorzeigt, ins Deutsche – und fühlt sich gut dabei, wenn auch ein bisschen komisch.

Übersetzen und am besten Schullektüre

Knapp 60 Seiten nur umfasst der englischsprachige Essay, der bislang leider nicht in deutscher Übersetzung vorliegt. 60 Seiten nur, und ist doch so viel: Familiengeschichte, Identitätssuche, Brexit-Analyse – und ein sympathisierender, wenn auch distanzierter Blick auf Deutschland. Wie cool Berlin erscheint, aus Sicht eines Briten, wie vorbildlich rational die Politik von Angela Merkel (die zur Zeit, als der Text verfasst wurde, noch im Amt war), macht ebenso nachdenklich wie die Warnung, sich nicht zu sehr in Sicherheit zu wägen, so wie es Ernst und Carla damals taten. Da kann die Erinnerung hellhörig machen. Dieses Buch müsste schnellstens übersetzt werden und Schullektüre sein. Auch in Cottbus.
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