Fast schon versteckt liegt die „trotzdem“-Werkstatt von Marie-Ruth Krahe in einem Hinterhof in Ströbitz. Doch auf Laufkundschaft ist die Maßschneiderin gar nicht angewiesen. Die 32-Jährige hat sich auf das Nähen von historischen und extravaganten Kleidungsstücken spezialisiert. Sie arbeitet für Film und Theater oder stattet Fans von Live-Rollenspielen mit dem passenden Outfit aus.

Die Entstehung eines neuen Kleidungsstückes bezeichnet die gebürtige Hessin, die seit sieben Jahren in Cottbus lebt, gern als eine Art „Evolution“. „Am Anfang ist nichts, am Ende ist alles perfekt“, sagt sie schmunzelnd. Gemeinsam mit dem Kunden sucht sie Material, Stoff und Schnitte aus. Besonders viel Wert legt sie auf die Details wie ein hochwertiges Innenfutter oder kunstvoll verzierte Knöpfe.

In Cottbus gibt es nur 27 Maßschneider

Marie-Ruth Krahe ist eine von 27 Maßschneidern in der Stadt Cottbus. Nach Angaben der Handwerkskammer Cottbus gibt es in diesem Segment kaum Bewegung, die Zahl liegt seit mehr als zehn Jahren auf einem vergleichbar niedrigem Niveau. Im gesamten Kammerbezirk arbeiten 128 Maßschneider. Im Gegensatz zu industriellen Modeschneidern stellen sie die Kleidung individuell nach Maß her.

Individualität spielt auch für Marie-Ruth Krahe persönlich eine wichtige Rolle. Schon als Jugendliche habe sie ihre Kleidung im Second-Hand-Shop geholt und selbst aufgepeppt. „Das war interessanter als Sachen von der Stange zu kaufen“, sagt sie. Die Lust am kreativen Gestalten mündete schließlich in eine klassische Schneiderausbildung. Anschließend ging die junge Frau auf „wilde Walz“. Von den Erfahrungen, die sie in den Ateliers und Schneidereien sammelte, profitiert sie noch heute. „Ich habe für ein Problem immer mindestens zwei Lösungen“, sagt sie.

„Meist folgt einem Brautkleid ein zweites“

Aktuell hängen in ihrem Eine-Frau-Atelier jede Menge Brautkleider. Die ungewöhnlich hohe Nachfrage ist schnell erklärt: Das Datum 20.02.2020 steht vor der Tür. „Das scheint ein ganz besonders beliebter Hochzeitstermin zu sein“, sagt sie. Die Ausstattung der Bräute ist für Marie-Ruth Krahe ein lohnendes Geschäft. „Meist folgt einem Brautkleid ein zweites“, begründet sie. Von solch persönlichen Empfehlungen lebt ihr Geschäft. Bis April 2020 ist sie ausgebucht.

Noch gut in Erinnerung ist ihr ein Hochzeitspaar, das Anzug und Hochzeitskleid im Gothic-Stil tragen wollte. Jacquard- und Brokatstoffe in Schwarz- und Blautönen verarbeitete sie. Der bodenlange Rock wurde gerafft, der Gehrock erhielt ein auffallendes Revers. „Die Anproben erfolgten getrennt, damit sich die Beiden im Vorfeld nicht sehen. Das Gesamtbild musste aber trotzdem stimmen“, erzählt sie.

Peter-Pan-Kostüme fürs Staatstheater

Genäht hat die Wahl-Cottbuserin aber auch schon für das Staatstheater. Ihre Kostüme waren unter anderem bei den Aufführungen des Kinderballetts „Peter Pan“ oder bei der Mozart-Oper „Don Giovanni“ auf der Bühne zu sehen. Sogar für eine SWR-Produktion, in der die Entstehungsgeschichte des Volksfestes Cannstatter Wasen erzählt wird, hat sie drei Kleider nach historischem Vorbild gefertigt.

Von ihr ausgestattet werden aber auch Kunden, die zu Jane-Austen-Bällen gehen. Dort wird wieder die Zeit zum Leben erweckt, in der die bekannte britische Schriftstellerin lebte und ihre Bücher wie „Stolz und Vorurteil“ oder „Emma“ spielen. Sogar für Fans von Furry-Conventions hat Marie-Ruth Krahe Kostüme genäht. Bei den Treffen kommen Menschen in Fantasie-Tierkostümen zusammen, die gängigsten sind Bugs Bunny oder Roger Rabbit.

Natürlich kommt auch Alltagskleidung bei ihr unter die Nähmaschine. So werden verschlissene Lieblingsteile von ihr originalgetreu nachgenäht. Ihr Wissen gibt sie an interessierte Laien in Nähkursen weiter. Die Maßschneiderin hat beobachtet, dass immer mehr Menschen auch bei der Bekleidung nachhaltig denken und Wert auf Produkte „Made in Germany“ legen.