Seit einem Monat sind die Schulen zu – und wir leben plötzlich in einer Art Bildungs-Anarchie. Alles ist möglich: Das in Deutschland verbotene Homeschooling machen jetzt alle. Schüler freuen sich, dass sie nach eigenem Gusto lernen können. Lehrer lassen sie, je nach Jobauffassung, an der langen Leine lernen oder klingeln sie morgens für den Online-Unterricht aus dem Bett. Die Digital-Pioniere im Lehrkörper sind plötzlich die Helden, bei denen das spielerisch gelingt, was den Kollegen die Haare zu Berge stehen lässt. So schön kann Regellosigkeit sein. Solange sie nicht ewig geht.

Nach der Entscheidung der Kanzlerin und der Länderchefs ist nun klar, dass die Auszeit von der Schulpflicht bald enden wird. Ab dem 4. Mai sollen die Schulen schrittweise wieder öffnen. Viele Eltern werden heilfroh sein. War ja auch anstrengend, immer diese Aufgabenzettel am Küchentisch. Die tintenkrakeligen Mathe-Aufgaben, die gar nicht mal so leicht waren.

Corona ändert unser Verhältnis zur Schule. Einige Eltern stellen in der Quarantäne fest, dass ihre Kinder Menschen sind, die Fragen haben und Antworten wollen. Kinder verlangen, dass man ihnen Neues zeigt, das spannend und lustig ist. Ich denke an die Worte von Andreas Kurzhals: „Einige Eltern werden merken, dass nicht jedes Problem, das in der Vergangenheit aufgetaucht ist, seine Ursache im System Schule hatte“, sagte der Leiter der Spreewald-Schule in Lübben schon nach wenigen Tagen Schulfrei.

Die Erwartungen an Schule sind groß

Schule ist eine Sache, über die sich leicht meckern lässt. Die Erwartungen an die Institutionen der Bildung sind hoch und irgendwas läuft immer anders, als man sich das dachte. Schulen sollen Schüler auf alles vorbereiten, was später mal wichtig sein kann. Aber wer weiß schon, was das in einer hochtechnisierten Dienstleistungsgesellschaft ist. Mehr Mathe? Oder lieber Latein? Schon die Auswahl zwischen Russisch und Französisch als zweiter Fremdsprache ist schwer genug.

Schule soll uns Eltern bitteschön abnehmen, was uns im Alltag mit Kindern stört. Zuerst die Kinder, für sechs Stunden am Tag. Dann die unschönen Seiten der Erziehung. Selbst Eltern, für die Zucht und Ordnung nicht zum aktiven Wortschatz gehören, sind doch froh, wenn Lehrer sich darum kümmern.

Cottbus/Potsdam/Dresden

Schule soll den Tagesablauf der Schüler strukturieren. Unterricht ist für Jugendliche des Digitalzeitalters der einzige tägliche Programmpunkt mit unbedingter Gültigkeit. „Ich stehe zwischen acht und neun auf“, erzählte mir ein 13-jähriger Gymnasiast, „dann schalte ich den Computer ein.“ Das klingt nicht nach gesundem Lebenswandel, ist aber in der Pandemie Unterrichtsalltag. Ist ja nur vorübergehend.

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