Von Lydia Schauff

Bereits im Juni 2018 stellt Tiago Dias Gois seiner Katarzyna Bryl, die Frage aller Fragen. Und Kasia sagt Ja.

Kennengelernt haben sich der Portugiese und die Polin 2012 über den Messengerdienst ICQ. Da arbeitet er als Elektroingenieur im Cottbuser Bahnwerk, Katarzyna – genannt Kasia – studiert romanische Philologie im polnischen Torun. Dort treffen sich die beiden das erste Mal und immer wieder. „Auf einem Bahnsteig in Polen gab es den ersten Kuss“, erzählt Kasia.

Dann geht Kasia für ein Erasmusjahr nach Frankreich, studiert zwei Jahre in Posen (Polen) und arbeitet ein Jahr in Magdeburg bei einer Firma, die für Lufthansa Kunden betreut. Mit Endlostelefonaten und gegenseitigen Besuchen hält das Paar die Beziehung am Leben. Ende 2017 zieht Kasia schließlich zu Tiago nach Cottbus. Sie gibt privat und an öffentlichen Einrichtungen Polnischunterricht. Und ein halbes Jahr später gibt es den Heiratsantrag.

Beim Cottbuser Standesamt machen sich beide schlau, welche Unterlagen eingereicht werden müssen. Damit haben sie laut Annegret Sonnenfeld, Leiterin vom Fachbereich Standesamt, schon mal genau das Richtige getan: „Es ist wichtig, sich die Informationen vom Standesamt zu holen und nicht von Freunden oder Bekannten.“ Halbwissen sei ein Grund für etliche Gerüchte, die kursieren, etwa, dass eine standesamtliche Heirat in Deutschland 1000 Euro kosten würde.

Um heiraten zu können, müssen Tiago und Kasia Ausweise, Geburtsurkunden und je ein Ehefähigkeitszeugnis aus ihrem Herkunftsland vorlegen. „Dieses Zeugnis sagt aus, dass der Ehe zwischen den dort beurkundeten Verlobten kein rechtliches Hindernis entgegen steht“, sagt Standesbeamtin Annegret Sonnenfeld. Ein Hindernis wäre etwa eine bereits bestehende Ehe.

„Beim portugiesischen Konsulat in Berlin habe ich nachgefragt, was ich für die Beantragung des Ehefähigkeitszeugnisses brauche“, erzählt der 36-Jährige. Seinen Ausweis und die Geburtsurkunde seiner Verlobten übersetzt ins Portugiesische, hieß es. Kasia muss für ihr Ehefähigkeitszeugnis bei den polnischen Behörden in Gubin ihren Ausweis, die Geburtsurkunde und eine Familienstandsbescheinigung, die den Familienstand des künftigen Ehepartners bescheinigt, vorlegen.

Diese muss „von der zuständigen Behörde des jeweiligen Landes, notfalls mit dem Stempel versehen oder legalisiert durch eine zuständige polnische konsularische Vertretung, im Original und mit amtlicher Übersetzung ins Polnische“ vorgelegt werden, heißt es auf der Seite der polnischen Botschaft in Berlin.

Im September fliegt Tiago nach Portugal, um sich die für Polen erforderlichen Unterlagen im Standesamt Soure – eine Kleinstadt im Distrikt Coimbra in Mittel-Portugal – ausstellen zu lassen. Von einer Familienstandsbescheinigung hatten die Mitarbeiter vor Ort aber noch nie gehört. Aus seiner Geburtsurkunde gehe doch hervor, dass er noch nicht verheiratet gewesen sei.

Wenige Wochen später kommt das portugiesische Ehefähigkeitszeugnis in Cottbus an. „Da stand aber nirgendwo, dass ich ledig bin, nur, dass ich heiraten darf“, erzählt Tiago Dias Gois. Das Problem: In Polen gibt es zwei Begriffe für ledig. „Es gibt zum einen den Begriff kawaler, was noch nie verheiratet gewesen bedeutet, und dann sei da noch wolny, was ledig oder frei bedeutet“, erklärt Kasia. Und dann ist da noch rozwiedziony, was dem deutschen „geschieden“ entspricht.

Da die polnischen Behörden Tiagos Ehefähigkeitszeugnis nicht akzeptieren, versucht es das Paar mit einem Kniff: Tiago beantragt in Cottbus eine internationale Geburtsurkunde. Dort ist auch der Familienstand vermerkt. Ein polnischer Übersetzer, offenbar vertraut mit den deutschen Behörden und den Begriffen, übersetzt das ledig in der Geburtsurkunde mit dem notwendigen „kawaler“. Die Behörde in Gubin akzeptiert das Dokument schließlich, und so erhält auch Kasia das notwendige Ehefähigkeitszeugnis.

Sechs Monate später und um etwa 700 Euro für Dokumente, Übersetzungen, Fahrt- und Flugkosten ärmer, können die 27-Jährige und ihr Tiago endlich einen Hochzeitstermin im Standesamt Cottbus vereinbaren. Zum Vergleich: Ein deutsches Paar, das im Trausaal im Cottbuser Stadthaus innerhalb der Woche getraut wird, zahlt 81 Euro an Gebühren für die Eheschließung. Für Trauungen am Wochenende und an besonderen Orten müssen Aufschläge gezahlt werden. Aber, gibt Annegret Sonnenfeld vom Cottbuser Standesamt zu bedenken: Möchten Deutsche im Ausland heiraten, dann haben sie genauso einen Mehraufwand und höhere Kosten.

Eigentlich sollte mit der EU-Verordnung 2016/1191, die im Juni 2016 verabschiedet wurde, für Europäer, die heiraten möchten, alles einfacher werden. Die Vorgabe, beglaubigte Übersetzungen der nötigen Dokumente vorzulegen, wurde ausgehebelt. Stattdessen gibt es nun Standarddokumente in den jeweiligen Landessprachen, die als Übersetzungshilfen dem Dokument beigelegt werden.

Die Neuregelung kommt aber erst langsam in den Verwaltungen an. Und wohl zu spät für Kasia und Tiago. Zweieinhalb Jahre Zeit hatte die EU den Mitgliedstaaten nach der Annahme der Neuregelung für die Vereinfachung binationaler Eheschließungen im Europäischen Parlament den Mitgliedstaaten zur Umsetzung eingeräumt.

Laut der Pressestelle der Vertretung der EU-Kommission in Deutschland müssen die Mitglied­staaten nach der vorgegebenen Zeit informieren, ob und wie die Vorgaben umgesetzt wurden. Passiere das nicht oder nicht richtig, könne die EU-Kommission Vertragsverletzungsverfahren einleiten, heißt es weiter.

Das Cottbuser Standesamt habe die entsprechenden Informationen erst zum Jahresbeginn 2019 vom Innenministerium erhalten, sagt Annegret Sonnenfeld. Bisher hätte aber keines der internationalen Paare nach den Übersetzungshilfen gefragt. Für den Fall sei man aber vorbereitet und wisse, was zu tun sei.

Hochzeiten zweier Ausländer sind in Cottbus, aber auch in Brandenburg und Sachsen eher selten. In Cottbus waren im Vorjahr von den 342 Eheschließungen 35 binationale Hochzeiten. Seit Jahresbeginn 2019 haben bis Ende April zehn internationale Paare vor Cottbuser Standesbeamten Ja gesagt. In ganz Brandenburg waren 2017 von 14 156 Eheschließungen nur 70 binationale Hochzeiten. In Sachsen waren 2017 von 18942 Hochzeiten 100 binational. Zahlen für 2018 wurden noch nicht bekannt gegeben.

Und was ist nun mit Kasia und Tiago? Die haben am 22. Februar 2019 im Cottbuser Stadthaus schließlich Ja gesagt.