Kinder leiden still
Immer wieder ist von den Sorgen der Eltern zu lesen oder von Lehrern und Schulleitern, die über Probleme im Distanzunterricht sprechen. („Die Sorgen der Eltern wachsen“ über Wechselunterricht und Homeschooling, LR vom 24. Februar.) Mir fehlt der Blick auf die Kinder und der Blick auf die langfristigen Folgen von Homeschooling. Ich meine nicht die Debatte um verpassten Lernstoff oder Wiederholung von Klassen.
Was macht ein Jahr Isolation mit unseren Kindern? Sie sind diejenigen mit den meisten sozialen Kontakten im normalen Leben, und sie benötigen diese Kontakte dringend für ihre soziale Entwicklung und ihre emotionale Stabilität. Jeder Erwachsene kann sich vorstellen, wie verheerend die Lage ist, wenn er daran denkt, wie unerträglich damals zwei Wochen Hausarrest waren. Und das rechnen wir auf ein Jahr hoch.
Digitale Kommunikation ist ein Trostpflaster, aber kein Ersatz für die so wichtigen Kontakte im Leben von Kindern und Jugendlichen. Meine Sorge ist, dass wir  sehenden Auges eine Generation erschaffen, die vielleicht lernt, selbstständig online zu lernen (oder eben auch nicht), aber nicht mehr in der Lage ist, ein Team zu bilden, Freundeskreise im echten Leben aufrechtzuerhalten oder auch beim Sprechen in die Augen des anderen zu schauen. Eine Generation von Menschen, die sich zwar digital trifft, aber hinterher nicht sagen kann, wie es den anderen im Chat gerade so geht. Das wäre ja nicht Thema gewesen. Es fragt auch keiner den anderen. Es wird online gelernt oder gespielt, dazwischen sind die Kinder allein. Ich finde die Debatte um Schul­öffnungen sollte sich nicht allein um überlastete und besorgte Eltern und Lehrer drehen.
Die Kinder zeigen sich zwar stark und anpassungsfähig, aber darüber wird oft vergessen, dass sie eben doch Kinder sind. Kinder, die gemeinsam spielen und lernen müssen, um sich zu entwickeln und Kinder, die still leiden, wenn sie dies nicht können.
Anne Wolf, Cottbus
Anmerkung der Redaktion:
Fast jedes dritte Kind zeigt einer Analyse zufolge ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Das ist das Ergebnis der zweiten Befragung der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Allerdings dürften Auffälligkeiten nicht mit psychischen Störungen oder Krankheiten verwechselt werden, betonen die Forscher. Vor der Pandemie war jedes fünfte Kind psychisch belastet.
Insbesondere die fehlenden Kontakte machen Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Dazu kommt das Homeschooling – vielen Kindern fällt das Lernen von zu Hause schwerer. Dies wirkt sich ebenfalls negativ auf die Stimmung aus.