Das Lausitz Festival startet am Freitag in Weißwasser und wird am 27. September an fünf Standorten in Görlitz, Zittau, Lübben, Plessa und Bad Muskau eröffnet. Bis zum 16. Oktober hält es mehr als 50 Veranstaltungen mit international bekannten Künstlern bereit.

Herr Kühnel, in wenigen Tagen beginnt das Lausitz Festival, eine ambitionierte Veranstaltung, die es so in der Lausitz bisher nicht gab. Für etliche Veranstaltungen sind noch Karten erhältlich. War die Vorbereitungszeit zu kurz?

Ja sicher. Das ist ein Festival, das in wenigen Wochen entstehen musste. Das ist ein verrücktes Corona-Jahr, in dem wir viel improvisieren mussten. Wir wussten ja bis in den Juli hinein nicht, ob es stattfinden darf oder nicht. Und wir haben uns dann kurzfristig entschieden, dass wir es machen wollen. Auch wenn wir für den Kartenverkauf gern etwas Vorlauf gehabt hätten. Ich habe da aber keine sehr große Sorge, dass viele Plätze leer bleiben.

Es gibt viel Klassik, Dramatik, Diskussionen, Jazz und Vorträge. Rock und Pop sind hingegen nicht vertreten. Ist das konzeptionelle Absicht?

Es ist ein spartenübergreifendes Festival, das aber nicht alles präsentieren kann, was es gibt. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass es in den kommenden Jahren auch Rock und Pop geben wird. Allerdings in einer Art und Weise, die sich in einen großen kulturellen Rahmen fantasievoll einbinden lässt. Ich schließe das nicht aus. Es fehlt ja auch in diesem Jahr der Film. Man kann nicht jedes Jahr alles machen. Da kann es auch schnell beliebig werden.

Wer das Programm durchsieht, findet viele international bekannte Stars, die noch nie in der Region aufgetreten sind. Wie haben Sie die in so kurzer Zeit für die Lausitz begeistern können?

Ich glaube, dass viele Lausitzer unterschätzen, welche Begeisterung die Lausitz hervorrufen kann, wenn man sie international bekannten Künstlern wie wir sie haben, auf eine bestimmte Art und Weise empfiehlt. Das hab ich versucht und es hat gewirkt. Die Erzählung von der Mitte Europas, von einer Region, in der alles was Europa ausmacht, stattgefunden hat – auch wenn es nicht von der Lausitz ausging. Die Lausitz war ja kein europäisches Zentrum wie Paris oder Wien, Moskau oder Prag. Aber alles was Europa ausmacht, spiegelt sich hier wieder. Und wenn man das so erzählt und eine Vision öffnet eines aus dieser Region hervortretenden neuen europäischen Gedankens, der künstlerisch-kulturell definiert ist, sind Künstler zu begeistern. Das hat mit dem kulturellen Reichtum der Region zu tun, mit der Dreiländereckposition, aber auch mit anderen vielen sympathischen Treffen, die ich hatte und weitererzähle. Diese Künstler kommen dann gern.

Die Lausitz als Mitte Europas ist ein Gedanke, der hier wohl wenig verinnerlicht ist …

Je nachdem wo man misst: Wenn Sie Europa vom nördlichen Norwegen bis Sizilien betrachten und andererseits die alte Pilgerstraße Viaregia die durch die Lausitz führt – sie geht ja von Moskau ins spanische Santiago des Compostela – dann entsteht da eine neue Perspektive. Dieser Blickwinkel, der tatsächlich Europas Mitte bemisst, ist unsere Stärke. In der Vielheit gibt es so viele Zugänge.

Die Lausitz ist keine homogene Region wie etwa Südtirol. Zwischen Plessa und Bautzen gibt es mentale Unterschiede. Die Niederlausitz ist der Kohlenpott des Ostens, Görlitz eher die gepflegte, Bürgerlichkeit. Wie bekommen Sie das unter einen Hut?

Ich glaube, dass man das nicht kann und ich glaube, dass man das nicht probieren sollte. Eine der Stärken der Region ist ja ihre Heterogenität. Ich sehe da zwei Regionen, die sich auch in sich unterscheiden. Das sollte man nicht zusammenpressen wollen. Andererseits muss man das Verständnis wecken, dass zum Beispiel von Paris aus gesehen, diese Unterschiede gar keine Rolle spielen, wenn es zum Beispiel um gemeinsame Aufgaben geht wie der Strukturwandel. Die Probleme einer sich stark verändernden Welt finden Sie, wenn auch anders als hier, in ganz Europa. Aber wir können sagen, wir sind hier eine Region, von der könnte etwas ausgehen, das in die Zukunft weist. Es geht nicht um das Nivellieren, sondern um das Sammeln der Unterschiede und um die Frage, wie man sie so zueinander in Beziehung treten lassen kann, dass sie schließlich gemeinsam zu einer starken Basis für etwas Neues werden können.

Sie spielen konzeptionell mit einer antiken Sage – eine geistige Klammer für das Festival?

Wir spielen mit dem antiken Mythus des Sängers Orpheus. Das hat mit dem Gedanken zu tun, dass eine Region ihre Stimme erhebt; es ist ein Bild, das ich im Kopf habe. Das geschieht mit den Mitteln der Kunst, in dem Fall wie bei Orpheus mit den Mitteln des Gesangs. Bei einem Vorbereitungstreffen in Doberlug-Kirchhain fanden wir heraus, dass für alle Beteiligten in der Region das Singen sehr wichtig ist. Darauf konnten sich alle einigen.

Der Gesang überwindet alles?

Ja. Es soll ein Leitgedanke für das erste Jahr des Festivals sein. Der Sänger Orpheus überwindet alles, um seine geliebte Eurydike zurückzubekommen. Auch wir erheben unsere Stimme und wollen Schwierigkeiten überbrücken. Wir denken ein neues Europa von der Lausitz aus. Zu wenig Leute sehen auf uns, und wenn, dann immer nur mit der Bürde des Strukturwandel-Gedankens. Aber durch das, was uns kulturell ausmacht, lässt sich eine faszinierende Zukunft zeichnen.

Wie funktioniert ein solches Festival unter Corona-Bedingungen? Bleibt da nicht bei den Abstandsregeln die Emotion auf der Strecke?

Die Frage ist doch, ob wir uns dem ergeben wollen. Trauriger wäre es doch, gar nichts stattfinden zu lassen. Wir haben ein sehr ausgeklügeltes Sicherheitskonzept und arbeiten mit Medizinern und Amtsärzten zusammen. Wir sind da auf dem Höchststand, anders darf es gar nicht sein. Wie bei den Salzburger Festspielen, werden zum Beispiel alle Künstler getestet.

Zur Person

Daniel Kühnel wurde 1973 in Jerusalem geboren. Er studierte Jura und Musikwissenschaft an der FU Berlin. Zuvor hatte er 1991das Konservatorium in Jerusalem im Fach Klavier mit Auszeichnung absolviert. Dort besuchte er auch ein akademisches Musik- und Tanzgymnasium, wo er eine Ausbildung in Musiktheorie, Gehörbildung und Partiturlesen genoss. Während seiner Schulzeit spielte er Fagott und erhielt intensiven Ballettunterricht. Parallel zum Doppelstudium in Berlin erhielt er auch eine klassische Gesangsausbildung.

Seit der Spielzeit 2004/2005 ist er Intendant der Symphoniker Hamburg. Seine berufliche Theaterlaufbahn begann Daniel Kühnel als Opernregieassistent, später als Intendanzreferent an der Deutschen Oper Berlin. Von Beginn an verband Kühnel Video-, Film-, Lichtkunst und Tanz mit dem Konzertgeschehen. 2018 etablierte er das Martha-Argerich-Festival in Hamburg unter dem Dach der dortigen Symphoniker.

Im Jahre 2015 konzipierte er für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden das „Dresdener Kunstfest". Im Winter 2016/17 übernahm er für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin die Planung und Leitung eines Musikfestivals, das die zunächst aufsehenerregende, später abgesagte, Teheran-Ausstellung begleiten sollte.

Programm des Lausitz Festivals

26. September, 20 Uhr, Staatstheater Cottbus, und 15. Oktober, 19.30 Uhr Kreuzkirche Görlitz: „Gidon Kremer spielt Weinberg“,

27. September bis 16. Oktober, Stadthalle Görlitz, Großer Saal: „Detonation Deutschland“, Videoinstallation von Julian Rosefeldt und Piero Steinle. Stadthalle Görlitz, Foyer: „Kohle“, Fotoausstellung von Marike Schuurman

27. September bis 16. Oktober, Paul-Gerhardt-Kirche Lübben: „Songs of my Childhood“, Videoinstallation von Jimmie Durham

27. September bis 16. Oktober, Kraftwerk Plessa: „Father and Son“, Videoinstallation von Jan Toomik

30. September, 19.30 Uhr, Klosterkirche Doberlug: „Michael Volle singt Schubert, Loewe , Mahler“ Michael Volle, Bariton - Helmut Deutsch, Klavier

1. Oktober, 19.30 Uhr, Kraftwerk Plessa: „Taubenliebe“ – 33 Variationen über die taube Liebe, Isabel Karajan, Schauspiel - Henriette Thimig, Schauspiel - Daniel Ciobanu, Klavier - Klaus Ortner, Regie

1. Oktober, 19.30 Uhr Orangerie Muskauer Park, Bad Muskau: „Mischa Maisky: Solo, Duo, Trio“, Lily Maisky, Klavier - Sascha Maisky, Violine - Mischa Maisky, Violoncello

2. Oktober, 19.30 Uhr, Kraftwerk Plessa „Martin Tingvall: Jazz!“ Martin Tingvall, Klavier

3./4. Oktober, 19.30 Uhr, Neue Bühne Senftenberg: „Krieg und Frieden“. Über Deutschland Denken/Denken über Deutschland/Deutschland überdenken. Ein Theaterabend von Manuel Soubeyrand und Florian Hein

3./4. Oktober, 20 Uhr Hangar 5, Cottbus: „Antigone Neuropa“ – Kultperformance zum deutsch-deutschen Nationalfeiertag von Filip Markiewicz und Ruth Heynen

4. Oktober, 11.30 Uhr & 13.00 Uhr, Marktplatz Hoyerswerda: Chorkonzert: „Gebete am Meer“

Europa Chor Akademie Görlitz - Schlagzeuger des Klangforum Wien - Joshard Daus, Dirigent

4. Oktober, 19.30 Uhr Schloss Altdöbern: „Christiane Karg singt Mahler“, Christiane Karg, Sopran - Gerold Huber, Klavier

5. Oktober, 19.30 Uhr Stadthalle Görlitz: „Tomasz Konieczny singt Schuberts Winterreise auf Polnisch“

6. Oktober, 19.30 Uhr Lausitzhalle Hoyerswerda: „Brad Mehldau: Jazz!“

8. Oktober, 19.30 Uhr Klostersaal der ehemaligen Haftanstalt Luckau:

Kommen und Gehen - Das Sechsstädtebundfestival, Kai Schumacher, Klavier - Konstantin Dupelius, Klavier, Elektronik - Susan Joseph, Klarinette - Yana Gottheil, Violine - Elif Dimli Violoncello

9. Oktober, 17 Uhr Festsaal Muskauer Park, Bad Muskau: Vortragsreihe Gartenkunst „Dendrologische Poesie. Bäume als literarische Ressource bei Fontane, Pückler und anderen“

Jana Kittelmann, Literaturwissenschaftlerin

10. Oktober, 16 Uhr, Schloss Branitz: Vortragsreihe Gartenkunst „Dokumente kulinarischer Sinnlichkeit - Die Tafelbücher des Fürsten Pückler“, Marina Heilmeyer, Kunsthistorikerin

10. Oktober, 19.30 Uhr Dorfkirche Cunewalde: „Martha Argerich spielt Beethoven“

10. Oktober, 20 Uhr Staatstheater Cottbus: „King Size – Szenischer Liederabend von Christoph Marthaler“, Gastspiel des Theaters Lausanne

11. Oktober, 14 Uhr, Ostdeutscher Rosengarten Forst: Vortragsreihe Gartenkunst „Königliche Küchengärten - eine Reise durch’s Schlaraffenland“, Christa Hasselhorst, Kulturjournalistin

11. Oktober, 16 Uhr, Schloss Altdöbern: Vortragsreihe Gartenkunst „Komm in den totgesagten Park und schau...“ Ira Mazzoni, Kunsthistorikerin

11. Oktober, 19.30 Uhr, Festsaal Muskauer Park, Bad Muskau: „Bill Laurance: Jazz!“

11. Oktober, 19.30 Uhr Lutherkirche Görlitz: „Polen: Weinbergs Duos und Martha Argerichs Chopin“ Martha Argerich, Klavier - Akane Sakai, Klavier - Susanne Barner, Flöte

12. Oktober, 19.30 Uhr, Orangerie Muskauer Park, Bad Muskau: „Piotr Anderszewski spielt J.S. Bach“

13. Oktober, 19.30 Uhr, Synagoge Görlitz: „Aus der Görlitzer Synagoge: Martha Argerich und Mischa Maisky“. Nur per Live-Stream im Internet

15. Oktober, 20 Uhr Hangar 5, Cottbus: „Avishai Cohen Trio: Jazz!“ Avishai Cohen, Bass - Elchin Shirinov, Klavier - Noam David, Schlagzeug