Eine Stimme aus dem Hintergrund macht darauf aufmerksam, dass dieser Digitale Erzählsalon Lausitz schon begonnen hat: „Das Mikro laut machen.“ Für die Youtube-Gucker an den Bildschirmen beginnt Katrin Rohnstock noch einmal von vorn. Die Chefin des Berliner Unternehmens Rohnstock Biografien lässt es sich nicht nehmen, diesen dritten von insgesamt zehn regional zugeordneten Digitalen Erzählsalons zum Projekt „30 Jahre Deutsche Einheit: Deine Geschichte – Unsere Zukunft“ als Saloniere selbst zu leiten. Denn der 60-Jährigen gebürtigen Jenensern ist die Lausitz längst ans Herz gewachsen.

Lebensgeschichten aus der Lausitz zum Thema gemacht

Mitte der 2000er-Jahre hat ihr Team in der Region 46 der von Rohnstock kreierten Erzählsalons in sieben Orten abgehalten. Mehr als 500 Geschichten sind dabei aufgenommen und in Büchern verewigt worden.
Damals hat auch Nähe den Mut befördert, die eigene Lebensgeschichte in der Lausitz nach dem Braunkohlebergbau preis zu geben. Diesmal zwang Corona zu einem neuen Format – Erzählsalon online. Doch wer die Lebensgeschichten von Jungen und Älteren, von Zugezogenen und Bodenständigen digital verfolgt hat, wird nicht enttäuscht sein.

Von der Schul-Rebellin zur Kämpferin gegen Rechte

Irgendwie sind es durchweg ganz individuelle Liebeserklärungen an die Lausitz, um die kaum ein ostdeutsches Nachwende-Problem einen Bogen gemacht hat: von Massenarbeitslosigkeit und Deindustriealisierung über Perspektivlosigkeit und Wegzug bis Ausbildungsmisere und Rechtsextremismus.
Bei Ines Krause (Jahrgang 1985) haben die privaten wie gesellschaftlichen Folgen der Umbruchzeit zu einer „Rebellion“ in der Schule geführt. „Ich habe am Gymnasium leere Blätter abgegeben. Und mit einem guten Realschulzeugnis hat es auch nicht mehr geklappt“, schildert sie und verweist darauf, mit 17 Jahren in Hannover Friseurin gelernt und dort elf Jahre gelebt zu haben.
Als sie in der Abendschule das Abi nachgeholt und in Hannover „für mich nicht zu leistende“ Studiengebühren zahlen sollte, habe sie sich für „Soziale Arbeit“ an der Brandenburgischen-Technischen Universität (BTU) Cottbus - Senftenberg entschieden. „Eine gute Entscheidung“, fügt sie hinzu.
Außerhalb des Studiums, das von Ines Krause als „viel zu unpolitisch“ angesehen wird, kommt sie vermehrt mit Politik in Berührung und engagiert sich in Cottbus gegen Rechtsextremismus.

Finsterwalde

Wende-Depressionen und neuer Halt in Cottbus

Im Wohnprojekt Karlstraße 29, dessen Weiterbestand zurzeit umstritten ist, lebt auch die Lübbenerin Katharina König (Jahrgang 1990). Als „Wende-Kind“ habe sie die Zukunftsangst der Mutter, die bei ihr zu einer Kindbettdepression geführt hatte, lange Zeit begleitet. Mit 13 hat Katharina den ersten festen Freund, sich einer Punkergruppe angeschlossen. Nach dem Abitur zieht sie 2009 nach Cottbus. Die Schwester lebte bereits hier.
„Nachdem viele alte Strukturen weggebrochen sind, geriet ich in eine Lebenskrise.“ Die 30-Jährige erzählt, dass sie unter Essstörungen litt, ihr Studium in Jena abbrach und sich in Therapie begab. Zurück in Cottbus schloss sie 2018 eine Erzieherausbildung ab und begann in Potsdam ein Soziologiestudium. Seitdem sie in Cottbus heimisch wurde, „habe ich mich politisch gegen Nazis engagiert“.

Aus dem Ruhrpott in die Lausitz – ein guter Weg

Für seine klare Kante gegen rechts ist auch der Cottbuser Lothar Judith (Jahrgang 1957) bekannt. Er erzählt von den ersten Aktionen des Cottbuser Aufbruchs bis zum heute gemeinsamen Auftreten vieler Gruppierungen bis zu den Stadtverordneten unter „Cottbus bekennt Farbe“.
Die Wende hat den Gewerkschafter aus dem Ruhrpott, der in einer Bergmannsfamilie aufwuchs, beinahe direkt nach Cottbus gebracht. Als der gelernte Industriekaufmann beim Bezirksvorstand des DGB in Düsseldorf bereits die Abteilung Jugend leitete und von einem Ausflug nach Berlin zurückkam, war die Mauer gefallen. Der DGB zog nach Berlin.
Arbeit habe es reichlich gegeben – bei unter anderem einer Ausbildungsplatzlücke von 300 000. Irgendwann habe er sich aber für Jugendarbeit zu alt gefühlt und nutzte ein Angebot des DBG als Orga-Sekretär in Cottbus. „Eine tolle Stadt. Ich fühlte mich von Anfang an irre wohl“, schildert Judith und lobt die kurzen Wege wie die vielfältigen Angebote in der Kultur und für Studierende.

Tollen Zusammenhalt und pure Ausbeutung erlebt

Wer kann schon noch davon erzählen, mit den Eltern Abrisssteine geklopft zu haben, um das Haus für die Familie bauen zu können? Ramona Gemeiner (Jahrgang 1972) erinnert sich im Digitalen Erzählsalon mit Freude daran. Die Einzelhandelskauffrau vergleicht aber auch den Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfe der Bekannten und Verwandten vor der Wende für ein solches Vorhaben mit dem eigenen Eigenheimbau, „bei dem wir ganz allein dagestanden haben“. Das habe sie auch im Beruf wahrnehmen müssen.
Obwohl sie in Berlin als Marktleiterin 17 Filialen unter sich hatte, war nach der Babypause kein Platz mehr für sie. Was die Mutter von drei Kindern später bei einem Lebensmittel-Discounter erlebt habe, „ist reinste Ausbeutung am Personal“. Ramona Gemeiner: Was nutzt der gute Stundenlohn, wenn die Arbeitszeit nicht für die Erledigung der Aufgaben ausreicht.
Großräschener Erfolgsgeschichte in Weiß Seehotel in neuen Händen

Großräschen

Handel und Tourismus in Großräschen nachhaltig mit aufgebaut

„Ich bin gern hier. Ich hatte alle Unterstützung im Osten.“ Gerold Schellstede (Jahrgang 1939), den es 1991 aus Oldenburg nach Großräschen verschlagen hatte, sagt das an die Adresse seiner Landsleute und ergänzt: Er habe den Leuten hier mit dem Kauf des Möbelhauses frühzeitig zu verstehen gegeben, dass er bleiben werde. Die schnelle Mark machen und zurück in den Westen, das sei nicht sein Ding gewesen.
Vielmehr hat Schellstede sein heute 28 000 Quadratmeter (damals 4000) großes Möbelzentrum aus dem Wald direkt an die Bundesstraße 96 verlagert.
Der neben ihm am Bildschirm sitzende SPD-Bürgermeister Thomas Zenker (Jahrgang 1961) habe dafür 1994 mit die Weichen gestellt. „Denn eigentlich sollte dort nur produzierendes Gewerbe angesiedelt werden“, sagt Schellstede, der damals mit dem Baubeginn schneller war, als die Genehmigung erteilt gewesen sei.

Großräschens Bürgermeister spricht von einem Glücksfall

Gerold Schellstede, der heute das Möbelzentrum an Sohn und beide Töchter abgegeben und sein Seehotel langjährig verpachtet hat, war für die Entwicklung der einstigen Bergbaustadt ein Glücksfall. Wenn Thomas Zenker heute sagt, dass Großräschen oft als Vorzeigestadt für den Strukturwandel in der Lausitz gilt, dann habe diese Entwicklung auch viel mit dem Engagement von Gerold Schellstede zu tun.
Denn als andere noch zögerten, etwa das ehemalige Ledigenwohnheim der Ilse Bergbau AG zu einem Hotel am künftigen Großräschener See umzubauen – mit dem Verweis darauf, dass das Wasser im See erst einmal da sein müsse –, hat Schellstede die Stadt von dieser Last befreit. Und ein Schmuckstück entstehen lassen.

Die Lausitz als spannendste Region Deutschlands

Thomas Zenker verrät, dass seine Lebensplanung eine ganz andere gewesen sei. Aber als junger Stadtverordneter „nur eine große Klappe“ zu haben und sich vor der Nominierung zum SPD-Bürgermeisterkandidaten 1994 zu drücken... Nach dem Einzug ins Rathaus ist er dreimal wiedergewählt worden. Dass er in Dresden Verkehrsbautechnik studiert und sich mit der späteren Nutzung von Bergbaukippen beschäftigt hatte, war für das Wirken in seinem Bürgermeisteramt durchaus von Vorteil. „Mein ganzes Berufsleben ist von der Gestaltung des Strukturwandels begleitet“, sagt Zenker und fügt hinzu: „Wer die spannendste Region in Deutschland erleben will, muss in die Lausitz kommen.“

Von Berlin zum Kulturberg nach Altdöbern aufs Land

Davon hat die Thüringerin Juliane Marko (Jahrgang 1986) zunächst kaum etwas gewusst. Von Arnstadt aus war sie 2006 nach dem Abitur nach Frankfurt/Main gegangen, um rauszukommen und im Stadtmarketing zu lernen. Als sie am Main ihren späteren Mann (Tontechniker) kennenlernt, beginnt eine Zeit des pausenlosen Arbeitens.
Sie gründen eine Firma, die nicht nur Veranstaltungstechnik (vorwiegend für Messen) verleiht, sondern Kunden über ihr Gesamtprojekt berät. Die Firma wächst von elf auf 30 bis 40 Mitarbeiter. 2009 ziehen sie nach Berlin und werden im Business-Bereich tätig.
Doch mit der Geburt ihres Kindes setzt ab 2017 ein Nachdenken ein. „In Berlin haben wir nur Arbeitskollegen. Und ständig auf der A 100 im Stau zu stehen, das macht keinen Spaß. Wir brauchen eine Oma“, erzählt die Veranstaltungskauffrau. Die Mutter ihres Mannes aber wohnt in seinem Geburtsort Altdöbern, „wo man allerdings keine Veranstaltungsplaner braucht“.
Dennoch zieht die junge Familie um, übernimmt das Schützenhaus, in dem vor 1990 alle namhaften DDR-Bands gespielt hatten. „Wir machen das nur, wenn wir den Jugendklub am Weinberg dazu bekommen“, erzählt die heutige Bar-Betreiberin von den Verhandlungen mit dem Bürgermeister und verweist auf das 2019 eröffnete „Kultberg – Kulturhaus am Weinberg“. Juliane Marko, die Vorbehalte gegenüber dem Wegzug von Berlin hatte, sagt inzwischen: „Wir genießen den Wechsel aufs Land. Es fehlt mir nichts.“