Von Ingrid Hoberg

Würden Sie Ihr Wohnzimmer jungen Künstlern als Galerie zur Verfügung stellen und dann in wenigen Stunden Hunderte Besucher durch die Ausstellung wandeln lassen? Die Bewohner der Karlstraße 29 haben das an diesem Samstag auf drei Stockwerken getan. Für zwölf Stunden Kunst hatten 13 WG-Bewohner ihre Zimmer geräumt und zu Salons werden lassen. Unzählige Interessierte haben von 10 bis 22 Uhr die Gelegenheit genutzt, vielfältige Werke von Streetart bis Grafik und Gemälden, von Mode bis Objektinstallationen kennenzulernen.

Dabei hat sich die Erkenntnis zeitiges Kommen, sichert einen guten Blick auf die Werke bewährt. Am Vormittag wandelt der Besucher noch ohne anzuecken durch die auf allen Etagen verteilten Ausstellungsräume und hat einen unverstellten Blick auf die Kreationen. Während bei „FSK 18“ im dritten Stockwerk gerade noch Bilder an die Wand gebracht werden, arbeitet Cany the Kizard auf dem Innenhof an einem Graffito. „Ich bin zum dritten Mal dabei“, sagt der Berliner, der weitere Arbeiten in der ersten Etage zeigt.

Von dem, was junge Künstler bewegt, wie sie sich mit aktuellen Ereignissen auseinandersetzen, davon macht sich auch Michael Wittig am Vormittag ein Bild. „Wir haben hier in der Gegend mal gewohnt und es ist interessant, was in einem der alten Häuser passiert“, erklärt er. „Im vergangenen Jahr habe ich die Aktion in der Lieberoser Straße gesehen.“ Der Mix der verschiedenen Stile und wie sich jüngere Generationen künstlerisch äußern, sei sehenswert.

„Living Room Gallery soll gerade der Cottbuser Szene eine Plattform bieten. Da gibt es ja nicht so viele Gelegenheiten“, sagt Glönn Buchholz. Er ist von Beginn an als Künstler und Organisator dabei. Es haben sich in diesem Jahr Künstler deutschlandweit an der Ausschreibung beteiligt – rund 30 sind am Ende dabei. „Wir mussten diesmal eine Auswahl treffen“, erklärt Glönn. Er gehört zum harten Kern der Organisatoren, dazu kommen die WG-Bewohner sowie Künstler und Studenten als Unterstützer. Viele studieren oder arbeiten an der BTU und so ist Living Room Gallery auch eine Gelegenheit, studentisches Leben in der Stadt sichtbar zu machen.

Das Wohnprojekt Karlstraße 29 hat als Verein die Kunstaktion unterstützt und sieht sich mit seinen Veranstaltungen wie Konzerten oder dem alljährlichen Straßenfest seit 1992 als urbanes Bindeglied. Zu hoffen ist, dass es im nächsten Jahr die sechste Auflage von Living Room Gallery in Cottbus gibt. „Wir suchen immer nach Wohnungen für die Ausstellung – und nach Leuten, die die organisatorische Arbeit unterstützen können“, sagt Glönn.

Gelder, die als Spenden bei der Ausstellung und als Eintritt bei den Partys im Scandale und im Faulen August zusammengekommen sind, kommen der Wasserinitiative Viva con Aqua, die sich weltweit für einen menschenwürdigen Zugang zu sauberem Trinkwasser einsetzt, und dem Wohnprojekt zugute.

Kontakt: instagram.com/livingroom_gallery