Das Philharmonische Orchester des Cottbuser Staatstheaters ist durchaus bekannt dafür, dass es seinen stilistisch-vielstimmigen Klangzauber gerne auch mal „außer Haus“ versprüht. Sprich: Es sorgt an mitunter recht ungewöhnlichen Orten für Musikgenuss vom Feinsten. Erinnert sei an die an die rauschenden Walzernächte auf dem Cottbuser Altmarkt, die konzertanten Kostproben im Rahmen der Spielplanpräsentationen im Branitzer Park oder die faszinierenden „Fidelio“-Aufführungen in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus.
Angesichts der Tatsache, dass Ereignisse dieser Art und Größenordnung zurzeit komplett dem Coronavirus zum Opfer fallen, tut es unheimlich gut zu erfahren, dass die andauernde Pandemie der Spontanität und Abenteuerlust der Cottbuser Musikerinnen und Musiker, allen voran Generalmusikdirektor Alexander Merzyn, nichts anhaben kann.
Ein kurzes Telefonat mit Autokino-Festival-Initiator Alexander Knappe, Detailabstimmungen mit den Organisatoren aus dem Medienhaus der Lausitzer Rundschau und schon wird aus einer spontanen Idee in (Vorverkaufs-)Stein gemeißelte Wirklichkeit: das Philharmonische Orchester bereichert die Veranstaltungsvielfalt des Autokino-Festivals am „Lausitz-Park“ mit einem Open-Air-Konzert.

Herr Merzyn, die Geige des kulturellen Lebens spielt seit Wochen eine ziemlich traurige Melodie in Corona-Moll. Was bedeutet der Lock-Down für den Arbeitsalltag Ihres Orchesters?

Das war natürlich ein Schock, weil ja mit einem Male alle unsere Konzerte wegfielen! Dann aber haben wir uns, denke ich, relativ schnell darauf besonnen, wie wir aus dieser besonderen Situation das Beste machen können. Der Arbeitsalltag sah zunächst so aus, dass die Musikerinnen und Musiker für sich allein zuhause übten, um „fit“ zu bleiben bzw. schon Stücke vorbereiteten, die „eigentlich“ erst in paar Monaten „dran“ gewesen wären. Unter der Beachtung der jeweils geltenden Hygieneverordnungen haben wir im Laufe der Zeit wieder begonnen, in kleineren Formationen das gemeinsame Musizieren aufzunehmen, und sogar in Kammermusikgruppen auf Freiflächen oder Innenhöfen von Seniorenheimen öffentlich zu spielen. Das wurde sehr, sehr gut angenommen und war uns wichtig, weil die Menschen gerade in diesen Einrichtungen ja von der Corona-Krise besonders betroffen sind. Und uns tat es auch gut.

Gab beziehungsweise gibt es auch Online-Angebote aus Ihrem Haus?

Ja, es gibt den „Digitalen Spielplan“ des Staatstheaters, der so aussieht, dass an jedem regulären Spieltag ersatzweise online ein Beitrag aus der jeweiligen Sparte gezeigt wird. Wenn heute also eigentlich Schauspiel dran wäre, dann gibt’s online ein Angebot aus dem Bereich Schauspiel, wäre morgen ein Konzert angesetzt, dann kommt da ein Musikangebot und so weiter. Außerdem haben für alle möglichen Online-Kanäle, Social-Media-Plattformen und den Internetauftritt des Theaters viele kleine Videos gemacht, so dass man im Internet fast täglich etwas Neues von uns findet.

Und wie sind Sie persönlich mit dem Tritt aufs kulturelle Bremspedal umgegangen?

Zugegeben: Ein Dirigent ohne Orchester ist schon eine recht traurige Angelegenheit. Ich meine, ich habe zuhause zwar mein Cello und da steht auch ein Klavier rum, aber das Musizieren mit dem gesamten Orchester, habe ich schon sehr vermisst: die Konzerte, die Proben… vor allem in der ersten Zeit nach den massiven Corona-Beschränkungen. Ich begann, mich mit Musik zu beschäftigen, für die ich sonst nie so richtig Zeit hatte, auch mit Stücken aus der kommenden Spielzeit. Sehr bald drehten sich meine Gedanken aber wieder darum, wie es wohl weitergehen wird, nach Corona. Denn Fakt ist, dass diese Ausnahmesituation, die wir aktuell erleben, sich bis in die nächste Spielzeit und darüber hinaus auswirken wird!

Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Autokino-Festival zustande?

Das kam über einen Kontakt zwischen mir und Alexander Knappe, der das Autokino-Festival am „Lausitz-Park“ ja maßgeblich initiiert hat, zustande. Wir haben miteinander telefoniert, er fragte, ob ich mir vorstellen könne, mit dem Orchester da mitzumachen. Mir gefiel die Idee auf Anhieb, weil es unter den gegebenen Bedingungen derzeit die einzige Möglichkeit ist, mit dem kompletten Orchester ein Konzert zu spielen.

Haben Sie eine konkrete Vorstellung vom Konzertgeschehen?

Tja, was soll ich sagen? Orchestermusik vor einem Publikum, das in mehreren Reihen parkender Autos sitzt, hm… das ist wohl für alle Beteiligten irgendwie ein Sprung ins kalte Wasser, oder? Eine klassische „Black-Box“, sozusagen. Ich selbst war übrigens noch nie in einem Autokino. Der Ton wird da übers Autoradio empfangen, habe ich gelesen. So etwas hatten wir bislang noch nicht und ist, soweit ich weiß, auch für unsere Tonabteilung Neuland. Ich bin gespannt auf den Soundcheck und voller freudiger Erwartung! Gleichzeitig habe ich aber keine konkrete Vorstellung, wie das funktionieren soll bzw. wie es sich für die Musizierenden auf der einen oder die Zuhörer auf der anderen Seite „anfühlen“ wird. Hört man da eigentlich den Applaus? Oder Blinken und Hupen die stattdessen? Darf da überhaupt gehupt werden? So viele Fragezeichen…

Mit welchen musikalischen Oden an die Lebensfreude wird das Philharmonische Orchester unter Ihrer Leitung beim Autokino-Festival aufwarten?

Wir haben einen klitzekleinen Miniausschnitt an Filmmusik vorbereitet, wobei es sich nicht um eine Komposition aus einem Soundtrack handelt, sondern um ein recht bekanntes Werk der Klassik, das immer wieder mal in Filmen, TV-Produktionen oder auch in Werbespots auftaucht. Um welches es sich handelt, möchte ich noch nicht verraten – lassen Sie sich überraschen! Ansonsten geht unser Konzert thematisch eher so in die Richtung „Musik zur Nacht“. Soll heißen: wir haben gezielt viele, kleine Stücke ausgewählt, die für oder über die Nacht geschrieben wurden, das Wort „Nacht“ im Titel haben oder auf irgendeine andere Weise mit dem Thema verknüpft sind. Mozarts „Kleine Nachtmusik“, zum Beispiel, wird zu hören sein. Das Stück passt übrigens besonders gut zum Konzert beim Autokino-Festival, weil Mozart es seinerzeit für eine Abendveranstaltung, und zwar eine Abendveranstaltung im Freien – heute würde man sagen: ein Open-Air-Event – komponiert. Wir haben Sängerinnen und Sänger mit dabei, dann die verschiedensten Formationen aus unserem Orchester, die Streicher spielen was, die Bläser spielen was, kleinere Gruppen, größere Gruppen… ach, das wird ein bunter, schöner Abend! Liebe Lausitzer, ich freue mich, wenn sie jetzt Lust bekommen haben, unser Open-Air-Auto-Konzert am 7. Juni am „Lausitz-Park“ mitzuerleben. Wir haben so etwas noch nie gemacht und sind total gespannt, kommen Sie und seien Sie dabei!

Welche drei Dinge, auf die Sie aktuell verzichten müssen, haben für Sie „nach Corona“ absolute Priorität?

Erstens: sich wieder mit der kompletten Familie treffen, also die Kinder endlich wieder mit den Großeltern zusammenbringen; zweitens: endlich mal wieder mit Freunden im großen Kreis feiern und drittens: verreisen, in den Urlaub fahren…

… und vielleicht auch noch einen Film im Autokino anschauen?

Ich? Ja, warum eigentlich nicht! Den neuesten „James Bond“ vielleicht …