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| 18:42 Uhr

Kolonialgeschichte in Cottbus
Ein neuer Blick auf Cottbuser Stadtgeschichte

 Die Fürst-Pückler-Statue an der Stadtpromenade ist eine Station des postkolonialen Stadtrundgangs. Pückler hatte das etwa zwölfjährige Mädchen Machbuba als Sklavin gekauft und sie als seine „Mätresse“ behandelt.
Die Fürst-Pückler-Statue an der Stadtpromenade ist eine Station des postkolonialen Stadtrundgangs. Pückler hatte das etwa zwölfjährige Mädchen Machbuba als Sklavin gekauft und sie als seine „Mätresse“ behandelt. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Cottbus. Eine Stadtführung beleuchtet, wie koloniale und sozialistische Geschichte in Cottbus zusammenhängen. Sie wirft ein neues Licht auf bekannte Orte. Fürst Pückler darf in dieser Erzählung nicht fehlen. Von Liesa Hellmann

Oberkirche, Sprem und Fürst Pückler spielen wohl in den meisten Stadtführungen durch Cottbus eine Rolle. Weniger bekannt ist, dass alle drei auch Zeugnis deutscher Kolonialgeschichte sind. Miriam friz Trzeciak forscht an der BTU zu Migration aus dekolonialer Perspektive und sagt: „Was erinnert wird, ist in einer Gesellschaft immer umkämpft“. Gemeinsam mit Manuel Peters, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Interkulturalität, und Studierenden der BTU hat Trzeciak einen Stadtrundgang entworfen, der in den Blick nimmt, wie sich die deutsche Kolonialgeschichte an diesen und weitere Orten in Cottbus eingeschrieben hat. „Wir wenden uns gegen das Narrativ, Deutschlands Kolonialgeschichte sei im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht so schlimm gewesen“, sagt Trzeciak.

Ihren Anfang nimmt die postkoloniale Stadtführung in der Oberkirche. Dort hängt eine Gedenktafel, die Soldaten auflistet, die 1901 „für Kaiser und Reich“ in China und zwischen 1904 und 1906 „in Afrika“ starben, wie es auf der Tafel heißt. Während die in China gefallenen Soldaten an der Niederschlagung der Yihetuan-Bewegung beteiligt waren, in Deutschland zumeist als Boxeraufstand bezeichnet, verbirgt sich hinter der unpräzisen Ortsbezeichnung „in Afrika“ ein Genozid: „Die Sterbeorte liegen alle im heutigen Namibia. Es liegt nahe, dass die Soldaten am Völkermord an den Herero und Nama beteiligt waren“, erklärt Miriam friz Trzeciak.

 In der Oberkirche befindet sich eine Tafel, die gefallenen Soldaten aus Cottbus, gedenkt, die am Völkermord an den Herero und Nama sowie an der Niederschlagung des sogenannten "Boxeraufstandes" in China beteiligt waren.
In der Oberkirche befindet sich eine Tafel, die gefallenen Soldaten aus Cottbus, gedenkt, die am Völkermord an den Herero und Nama sowie an der Niederschlagung des sogenannten "Boxeraufstandes" in China beteiligt waren. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Das Abhängen der Tafel ist für Trzeciak und Peters keine Lösung. „Es geht uns nicht darum, die Erinnerung zu verhindern, sondern den Kontext und die Auswirkungen bis heute aufzuzeigen“, sagt Manuel Peters.  Erst im Jahr 2015 erkannte die Bundesregierung das Massaker als Völkermord an. Zudem lagern noch immer Gebeine von getöteten Herero in deutschen Universitäten und Museen.

Fürst Pückler kaufte ein Mädchen als Sklavin

Koloniale Geschichte in Cottbus kann nicht ohne Fürst Hermann von Pückler gedacht werden.  „Pückler wird in Cottbus als progressiver Lebemann mit aufgeklärtem Weltbild dargestellt“, sagt Miriam friz Trzeciak. Diese Erzählung lässt aus, dass Pückler das Oromo-Mädchen Machbuba 1837 auf einem Sklavenmarkt in Kairo gekauft. Damals war sie höchstens zwölf Jahre alt. Freimütig schreibt der Adlige in seinem Buch „Aus Mehemed Alis Reich“ über seinen „Einkauf“ und lässt sich ausführlich über den Körper des Kindes aus. In späteren Briefen bezeichnet er sie als „Mätresse“ und schreibt ihr vor, welche Kleidung sie tragen soll. Die Sichtweise, Pückler hätte Machbuba aus der Sklaverei befreit, weist Trzeciak zurück: „Rassistische und sexualisierte Gewalt werden so verharmlost. Die Beziehung zwischen Pückler und Machbuba war kein Verhältnis auf Augenhöhe.“

Miriam friz Trzeciak und Manuel Peters geht es bei ihrer Forschung und dem Stadtrundgang nicht darum, historische Personen und Begebenheiten an heutigen ethischen Vorstellungen zu messen: „Wir schauen uns Herrschaftspraxen an und wie Gewalt gegen andere Menschen legitimiert wird“, sagt Trzeciak. Wie dies bis heute fortwirkt, wollen sie in ihrem Rundgang zeigen.

Auch die DDR profitierte von den Auswirkungen des Kolonialismus

Ein Beispiel dafür findet sich in der Spremberger Straße neben der Synagoge. An einer Häuserfassade ist dort ein meterhohes Mosaik aus der DDR angebracht, das für „Völkerfreundschaft mit Vietnam, afrikanischen und osteuropäischen Ländern zu stehen scheint“, erklärt Manuel Peters. Der Ort ist bei der Stadtführung Anlass, um über die Situation der Vertragsarbeiter in Cottbus zu berichten. Die beiden wollen hier deutlich machen, wie koloniale Strukturen in die sozialistische Staatsform nachwirkten: „Die DDR hatte ein antiimperialistisches Selbstverständnis, zugleich gab es koloniale Kontinuitäten“, sagt Miriam friz Trzeciak.

 Das Mosaik in der Spremberger Straße auf Höhe der Schloßkirche nimmt die Stadtführung zum Anlass über Vertragsarbeiter in der DDR zu sprechen.
Das Mosaik in der Spremberger Straße auf Höhe der Schloßkirche nimmt die Stadtführung zum Anlass über Vertragsarbeiter in der DDR zu sprechen. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Vereinbarungen über Vertragsarbeit mit Mosambik oder Namibia fielen für die DDR deutlich günstiger aus als etwa Verträge mit Polen. Die DDR habe die durch koloniale Begebenheiten schwächere Verhandlungsposition der beiden afrikanischen Länder ausgenutzt, erklärt Peters. Hinzu kommt die generelle Lebenssituation aller Vertragsarbeiterinnen: Private Kontakte zu weißen DDR-Bürgern wurden unterbunden, bei Protesten gegen die Arbeits- und Lebensbedingungen drohte der Entzug der Aufenthaltsgenehmigung.