Zum ersten Mal hat eine repräsentative, wissenschaftliche Studie die Stimmungslage der Lausitzer im Zusammenhang mit dem Kohleausstieg und dem damit verbundenen tiefgreifenden, wirtschaftlichen Strukturwandel in ihrer Region genau unter die Lupe genommen. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse sind in einigen Positionen überraschend.

Erarbeitet worden ist die umfangreiche Untersuchung gemeinsam von Stefan Bischoff, einem Kommunikationswissenschaftler und Datenanalysten aus Leipzig, und dem Psychologen Dr. Jörg Heidig aus Görlitz. Die Wissenschaftler haben dabei insgesamt 523 Bewohner der Lausitz zwischen Zittau und Lübben befragt. Ausgewählt worden waren die Probanden unter der deutschsprachigen Bevölkerung ab 16 Jahren nach Alter und Geschlecht, um daraus auch – wissenschaftlich korrekt – einen repräsentativen Querschnitt der unterschiedlichen Meinungen ableiten zu können.

Dabei ist die Studie nach Angaben der Autoren als sogenannter Langzeitmonitor angelegt und soll nach Möglichkeit in jedem Jahr wiederholt werden. Auf diese Weise wollen die Wissenschaftler mit dem Lausitz-Monitor der Öffentlichkeit wissenschaftlich fundierte und belastbare Fakten zur Stimmung in der Region liefern.

So präsentiert sich der Lausitz-Monitor im Internet.
So präsentiert sich der Lausitz-Monitor im Internet.
© Foto: Siegel/screenshot

Ausgangspunkt der Untersuchung ist der geplante Ausstieg Deutschlands aus der Braunkohleverstromung. Der Wirtschaftszweig hatte die Lausitz in den zurückliegenden Jahrzehnten sehr stark geprägt. Faktisch war er über lange Zeit das industrielle Rückgrat der Region. Mit dem beschlossenen Kohleausstieg steht vor allem die Gegend an Spree und Neiße vor einem tiefgreifenden Strukturwandel und einem wirtschaftlichen Umbruch.

Wie stehen die Einwohner zu den anstehenden Veränderungen? Was sind die größten Probleme in der Region? Welche Branchen haben die besten Zukunftsaussichten? Diese und zahlreiche weitere Fragen – insgesamt 179 – haben die ausgewählten Lausitzer im Rahmen der Studie beantwortet.

Mehrheit der Lausitzer befürwortet Strukturwandel

Immerhin 69 Prozent der Lausitzer sind der Meinung, dass ein tiefgreifender Strukturwandel in der Region notwendig ist. Nur 18 Prozent meinen, dass grundsätzliche Veränderungen nicht notwendig sind.

Youtube Lausitz-Monitor: Stefan Bischoff zu den Ergebnissen

„Damit zeigen viele Bewohner der Region eine große grundsätzliche Unterstützung für den Veränderungsprozess“, sagt Mitautor Stefan Bischoff, Geschäftsführer des Leipziger Marktforschungsunternehmens MAS Partners.

Strukturwandel geht vielen Lausitzern zu langsam

Gleichzeitig findet aber auch beinahe die Hälfte der Lausitzer (48 Prozent), dass der Strukturwandel zu langsam vorankommt. Gerade einmal vier Prozent sind aktuell der Auffassung, dass der Prozess schnell genug geht. „Viele Menschen in der betroffenen Region sind sich noch unsicher, ob der Wandel gelingt“, sagt Autor Jörg Heidig, Geschäftsführer der Prozesspsychologen GmbH.

Dr. Jörg Heidig, Prozesspsychologe und Autor.
Dr. Jörg Heidig, Prozesspsychologe und Autor.
© Foto: Paul Glaser

Viele Lausitzer sind noch skeptisch

Die Studie zeigt aber auch, dass bisher noch 67 Prozent der Befragten unentschieden sind, wenn sie gefragt werden, ob der Wandel in der Lausitz „erfolgversprechend“ oder „zum Scheitern verurteilt“ ist.

Ein reichliches Viertel (26 Prozent) gibt dem Wandel durchaus gute Chancen, während auf der anderen Seite nur sieben Prozent sagen, dass der Wandel zum Scheitern verurteilt ist.

Nur gut ein Drittel (36 Prozent) der Lausitzer unterstützt das Ziel des Kohleausstiegs bis zum Jahr 2038. Knapp die Hälfte (49 Prozent) lehnt den Kohleausstieg aber nach wie vor ab.

Persönlich stark von den Veränderungen in der Lausitz betroffen sehen sich aktuell 14 Prozent der Befragten. Unterdessen befürchtet jeder vierte voll Berufstätige (25 Prozent), durch den Wandel in den nächsten fünf Jahren den Arbeitsplatz zu verlieren.

In welchen Branchen die Zukunft nach dem Kohleausstieg liegt

Die klassischen Industrien bieten aus Sicht der Lausitzer Bevölkerung keine Zukunftsoption mehr. Zukunftspotenziale sehen die Menschen in der Lausitz für ihre Region im Tourismus (79 Prozent), in der Recyclingwirtschaft (65 Prozent), bei den regenerativen Energien (61 Prozent) und in der Wasserstoffwirtschaft (54 Prozent).

Wasserstoff und Schienenfahrzeuge als Chancen für die Lausitz

Immerhin sind zwei von drei Lausitzern (66 Prozent) davon überzeugt, dass in Zukunft der Wasserstoff als Energieträger in der Wirtschaft eine große Rolle bekommen wird.

In der sächsischen Oberlausitz glauben die Menschen außerdem an eine echte Zukunft für den Schienenfahrzeugbau (69 Prozent). Damit sehen die Bürger der Oberlausitz den Schienenfahrzeugbau auf der Top 2 nach dem Tourismus mit 85 Prozent.

Die Schlusslichter der Rangreihe bilden bei der Befragung nach der Zukunft inzwischen in der Lausitz insgesamt die konventionelle Energie, die metallverarbeitende Industrie, Kunststoff-Wirtschaft und auch der Bergbau.

Insgesamt gesehen liegt die Zufriedenheit der Lausitzer mit der Situation in ihrer Heimatregion auf einer (Schulnoten-)Skala von 1 bis 6 bei durchschnittlich 3,0. Nur ein reichliches Viertel (27 Prozent) ist mit der Situation zufrieden (Note 1 oder 2).

Welche Probleme in der Lausitz am dringendsten sind

Bei den Problemen, die am dringlichsten in der Region gelöst werden müssen, nennen 37 Prozent der Lausitzer die Arbeitslosigkeit, 25 Prozent die Infrastruktur, 23 Prozent den Strukturwandel/Kohleausstieg.

Weitere wichtige Themen, die möglichst schnell angegangen werden müssen, sind aus Sicht der Lausitz-Bewohner das niedrige Lohn-Niveau in der Region und die damit verbundene Armut (17 Prozent), die Stärkung der Wirtschaft (14 Prozent) sowie die Bekämpfung der Kriminalität (12 Prozent).

Alle Ergebnisse der Studie finden Sie hier.

Zur Systematik der Untersuchung


Der Lausitz-Monitor ist eine repräsentative Untersuchung. Das bedeutet im Kern, dass es die Datenerhebungen ermöglicht, aus einer relativ kleinen Stichprobe Aussagen über eine wesentlich größere Menge, die Grundgesamtheit zu treffen. Um Repräsentativität zu erreichen muss die Untersuchung einige Kriterien erfüllen. Die Teilnehmer dürfen nicht vollkomen zufällig ausgewählt werden, sondern müssen beispielsweise hinsichtlich Alter, Geschlecht und Region ausgesucht sein.

Beim Lausitz-Monitor wurden insgesamt 523 Personen im Alter ab 16 Jahren befragt. Ihre Kontaktdaten stammen nach Angaben der Studienautoren aus den Pools großer Befragungsdatenbanken.