Von René Wappler

 Manchmal stellt sich erst 100 Jahre später heraus, dass eine Entscheidung richtig war. Mitarbeiter der Wasserwerke in Berlin und Frankfurt/Oder befürchten, dass Dürreperioden wie im Jahr 2018 zu weiteren Kosten in Millionenhöhe führen werden. Diese Sorge bleibt der Lausitzer Wassergesellschaft, kurz: LWG, in Cottbus erspart. Denn sie gewinnt ihr Trinkwasser nicht aus dem belasteten Uferfiltrat, sondern aus dem Boden.

Seit dem Jahr 2011 steigt die Konzentration von Sulfat in der Spree stetig an. Darauf weist Prokurist Michael Scheel von der Frankfurter Wasser- und Abwassergesellschaft hin. Er besuchte in der vergangenen Woche die Konferenz des Braunkohleausschusses im Cottbuser Stadthaus. Dort erklärte er den Mitgliedern, welche Folgen diese Tendenz für das Trinkwasser mit sich bringt. Nach seinen Worten sieht es nicht so aus, als ob sich die Sulfatkonzentration bis zum Jahr 2020 abschwächt. So sei zu befürchten, dass sich der Grenzwert für das Trinkwasser kaum noch einhalten lässt. Das Fluten des Tagebaus Cottbus-Nord werde die Lage eher noch verschärfen. Deshalb gebe es keine Alternative dazu, nach und nach auf die Spree als Quelle für Trinkwasser zu verzichten.

Die Fachleute aus Frankfurt/Oder wollen dafür das Wasserwerk in Müllrose nutzen und weitere Quellen von Grundwasser erschließen.  Die geschätzten Kosten betragen zehn Millionen Euro. Ohne Ausgleich bei der Finanzierung würde der Trinkwasserpreis in diesem Fall um 20 Cent pro Kubikmeter steigen.

Die Stadt Cottbus verlässt sich unterdessen schon seit mehr als einem Jahrhundert auf das Grundwasser, das Pumpen aus 60 Metern Tiefe nach oben befördern. Dazu erläutert der technische Leiter der LWG, Jonas Krause: „Damals standen die aktuellen Probleme ja noch gar nicht zur Debatte, von der Sulfatfracht in der Spree bis zur Mikroplastik in allen möglichen Gewässern.“ Deshalb sei es wohl eher einem glücklichen Umstand geschuldet, dass diese Risikofaktoren auf das Trinkwasser in Cottbus keinen Einfluss haben.

Der technische Leiter der LWG verweist dazu auf die Unterlagen zur Geschichte des Unternehmens. Daraus geht hervor, dass zum Ende des 19. Jahrhunderts Bohrungen im Sachsendorfer Birkenwäldchen zu einem mächtigen Strom von Grundwasser führten. Er ließ sich ohne Aufbereiten nutzen. Also entstand in den Jahren 1896 und 1897 das Wasserwerk in Sachsendorf. Mittlerweile fördern dort 35 Brunnen das Grundwasser, deren Pumpen eine Leistung von 60 bis 100 Kubikmeter pro Stunde erreichen. Die Anlagen der LWG filtern Bestandteile wie Eisen, Mangan und Kohlensäure heraus.

Jonas Krause von der LWG erklärt: „Das Grundwasser, das wir momentan fördern, ist schon vor 80 Jahren als Regen vom Himmel gefallen.“ Allmählich sickerte es demnach in die Erde ein, bis es nach all den Jahrzehnten schließlich in 60 bis 70 Meter Tiefe gelangte. Dank des Grundwassers bleibt die LWG auch unabhängiger vom Wetter, wie der technische Leiter betont.

Anders sieht es bei den Berliner Wasserbetrieben aus. Ihr Versorgungsleiter Jens Feddern sprach wie sein Kollege aus Frankfurt/Oder in der vergangenen Woche mit den Besuchern des Braunkohleausschusses in Cottbus. Der geringe Niederschlag der vergangenen Jahre führte nach seinen Worten zu einem Anstieg der Konzentration von Sulfat  in der Spree. Denn der Stoff wurde nicht mehr im üblichen Maß verdünnt. So warnt Jens Feddern: Falls das Sulfat im Trinkwasser eines Tages den Grenzwert von 250 Milligramm je Liter deutlich übersteige, sei ein höherer finanzieller Aufwand für das Berliner Unternehmen nicht auszuschließen. Er könne bis auf 30 Millionen Euro steigen. Damit würde sich wie in Frankfurt/Oder auch der Preis für das Trinkwasser erhöhen, wie Jens Feddern zu bedenken gibt.

Die vergangene Dürreperiode wird sich ohnehin bis in dieses Jahr hinein auswirken. Das sagt der Abteilungsleiter für Wasserwirtschaft beim Landesamt für Umwelt, Rigo Vallet. „Wir müssen uns darauf einstellen, auch künftig mit einer schwierigen Wassersituation umzugehen.“