Karneval in Cottbus 2024
: Zug der fröhlichen Leute – das müssen Kamelle-Jäger wissen

Das Finale der Karnevalssaison in der Lausitz steht bevor. Bis zu 80.000 Fans werden 2024 zum Zug der fröhlichen Leute in Cottbus erwartet. Zur Sicherheit sollten Gäste und Teilnehmer das noch wissen.
Von
Nils Contius
Cottbus
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Jens Kalliske vom Karnevalsverband Lausitz in der fünften Jahreszeit: Sein Job ist der Spagat zwischen Narrenfreiheit und Sicherheitskonzept. (Archivbild, 2020)

Michael Helbig

Jens Kalliske ist Vizepräsident im Karneval-Verband-Lausitz (KVL) und Sicherheitsbeauftragter für den Zug der fröhlichen Leute in Cottbus. Der Höhepunkt der Lausitzer Karnevalskultur kurz vor dem Abpfiff der fünften Jahreszeit ist für ihn vor allem eines: ein hartes Stück Arbeit. „Aber es hält auch jung und fit. Na, zumindest fit“, sagt der Mittvierziger lachend.

Er sei geneigt zu behaupten, dass er im Laufe der Jahre beim Karneval schon so ziemlich alles an kleinen bis mittleren Katastrophen erlebt habe: „Sei es, dass ein Umzugsfahrzeug im wahrsten Sinne auf der Strecke bleibt oder eine ganze Funkengarde knöcheltief in den noch dampfenden Hinterlassenschaften eines vorausfahrenden Pferdefuhrwerks versinkt – all das gab es schon, und wird auch immer wieder mal passieren.“ Egal, was komme, sein Team stehe bereit: „Nach dem Prinzip: viele Hände, schnelles Ende – wir haben alles im Griff“, versichert der Verbandsvize.

Zug der fröhlichen Leute ist keine Demo

Da es sich beim Zug der fröhlichen Leute ausdrücklich nicht um eine Demonstration handele, sondern um eine rein private Veranstaltung, sei einzig und allein der Karnevalsverband dafür verantwortlich, alle sicherheitsrelevanten Anforderungen umzusetzen. Die Auflagen des Sicherheitskonzepts zur Durchführung des Umzuges füllten inzwischen rund 100 Seiten A4, die daraus resultierenden fixen Kosten haben in diesem Jahr die 70.000-Euro-Marke geknackt. „Allein für den Umzug – ohne das Festzelt“, betont Kalliske: „Da kommt in etwa noch mal die gleiche Summe obendrauf“.

Die größte Sicherheits-Herausforderung in Cottbus

Hauptursache dafür seien die deutlich gestiegenen Personalkosten: „Wir brauchen mehr als 70 Securitys entlang der Strecke. Hinzu kommen noch 90 Rettungskräfte des Deutschen Roten Kreuzes“. Die Sicherheitsleute werden im Abstand von 50 Metern entlang der Zugstrecke postiert, müssen Sichtkontakt zueinander haben und per Funk miteinander kommunizieren können: „Ihre Aufgabe ist es, dafür sorgen, dass keine Zuschauer in die Gefahrenbereiche der Fahrzeuge kommen und dass keine Fremdfahrzeuge die Umzugsstrecke kreuzen.“

In Cottbus und Umgebung gebe es schlichtweg keinen Dienstleister, der ad hoc und auf einen Schlag so viele Sicherheitsleute abstellen könne: „Wir sprechen von speziell geschulten Fachkräften, die für den Einsatz auf Großveranstaltungen ausgebildet sind“. Am Sonntag (11. Februar) arbeite der Verband daher mit mehreren Sicherheitsunternehmen aus Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Mehr als 3.000 Teilnehmer aus der Region, aus Berlin und Sachsen zählte der größte Karnevalsumzug Ostdeutschlands im Jahr 2023.

Frank Hammerschmidt

Was Kamelle-Jäger an Karneval wissen müssen

Wer es beim Zug der fröhlichen Leute auf fette Beute in Sachen Kamelle abgesehen hat, dürfte vor allem einige Meter abseits der närrischen Blechlawine beste Erfolgsaussichten haben. Das bestätigt ein Blick in den Umzugsrichtlinien des KVL, wo es heißt: „Süßigkeiten und ähnliche Wurfartikel sind in hintere Zuschauerreihen zu werfen.“

Auf ihrer Flugbahn bis tief ins Gewimmel der Schaulustigen hinein kann die begehrte Süßware durchaus zum gefährlichen Wurfgeschoss mutieren. Wer von einem Bonbon schmerzhaft getroffen oder gar verletzt wird, hat jedoch keinerlei Anspruch auf Schadensersatz. Der traditionelle Kamelle-Hagel gilt als Brauchtum – also: Augen auf im Gedränge der Menge.

Guter Schutz gegen Hagelschäden á la Kamelle und Co.: Kopfbedeckung und Sonnenbrille. Cottbus, helau!

Frank Hammerschmidt

Perücken, Kopfbedeckungen und auch Regenschirme bieten Schutz. Letztere steigern, aufgespannt und umgedreht, mitunter sogar in bedeutendem Maße den süßen Beutezug links und rechts des Narrenzuges. Sicherheits-Chef Kalliske dazu: „Achten Sie bitte auf die Menschen um Sie herum, besonders auch auf kleine Kinder, wenn Sie mit Ihren Schirmen hantieren“.

Keine Kompromisse bei Brandschutz und Konfettikanonen

Wenn es um den Brandschutz geht, kennen auch Karnevalisten kein Pardon: „Die Verwendung von offener Pyrotechnik, Bengal- und Rauchfackeln ist nicht erlaubt. Der Betrieb von Böllern ist nicht gestattet“, lautet die klare Ansage in den Durchführungsbestimmungen für Sonntag. Selbst auf den bunt geschmückten Vehikeln des Zuges dürfen nur luftbetriebene Konfettikanonen eingesetzt werden.

Experten-Tipps für ausgelassen feiernde Närrinnen und Narren

► Vorsicht ist die Mutter der karnevalistischen Porzellankiste:

● Die Allgemeine Rechtsschutz-Versicherungs-AG (Arag) rät davon ab, auf Karnevalsveranstaltungen Kostümierungen zu tragen, die echten Uniformen ähneln.

● „Das ist grundsätzlich verboten. Dafür können Karnevalisten wegen Titel- und Amtsmissbrauchs belangt werden“, sagt Tobias Klingelhöfer von der Arag.

► Neben Taschendiebstählen und tätlichen oder sexuellen Übergriffen warnt er auch vor ungewollt verabreichten K.o.-Tropfen: „Immer das eigene Getränk im Blick und am besten in der Hand behalten“, lautet diesbezüglich der Appell des Experten.

► Und: Öffentliches Urinieren, laut Klingelhöfer auch „Wildpinkeln“, ist ein absolutes No-Go.

● Wer sich dennoch erleichternd in die Büsche schlägt oder flüssig an der Festzeltwand verewigt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mehrere Tausend Euro kosten kann, sofern man erwischt wird.

● Gleiches gilt für närrische Paare, die sich im beseelten Rausch der Ausgelassenheit einvernehmlich zum Sex in der Öffentlichkeit hinreißen lassen ...

Diese Regeln gelten im großen Festzelt am Viehmarkt

Bis zu 3000 Besucher fasst das Festzelt auf dem Viehmarkt, erklärt Kalliske. Dort gelten erweiterte Sicherheitsbestimmungen: „Weder beim Umzug, noch im Zelt sind mitgebrachte Getränkeflaschen erlaubt. Gefährliche Gegenstände, dazu gehören im Festzelt zum Beispiel auch Regenschirme, Taschen und Rucksäcke müssen am Einlass abgegeben werden.“ Stichprobenartig werde man Kontrollen der Gepäckstücke durchführen. Auch wenn derzeit keine akute Terrorgefahr bestehe, könne eine herrenlos herumstehende Tasche durchaus unnötige Maßnahmen nach sich ziehen. Jens Kalliske betont: „Das Prinzip Hoffnung gilt nicht, wenn es um die Sicherheit der Besucher geht“.

Der Karnevalsumzug startet um 13.11 Uhr in Sandow, passiert die Stadtmitte am Spremberger Turm (Foto) und das Staatstheater und endet wie gewohnt am Viehmarkt in Ströbitz.

Uwe Hegewald

Warum der Zug in Cottbus bald eine neue Route nimmt

Jens Kalliske sagt, 2024 kann der Zug der fröhlichen Leute vielleicht letztmalig auf der gewohnten Route zum Festzelt Viehmarkt zu erleben sein. Der Grund: Die Bahn plane in Zusammenhang mit den ICE-Bahnwerken einige Baumaßnahmen auf dem Areal. Als Karnevalist hoffe er natürlich, dass die Pläne nicht in allzu naher Zukunft verwirklicht werden, so Kalliske: „Weil die Änderung des Zielorts am Viehmarkt definitiv auch eine veränderte Streckenführung nach sich zieht. Und damit auch ein komplettes Neudenken aller in den vergangenen Jahren erfolgreich etablierten und umgesetzten Sicherheitskonzepte“, erklärt der gebürtige Cottbuser.

Stadt, Polizei und Notaufnahme in Cottbus sehen sich gut vorbereitet

► Aus dem Cottbuser Rathaus heißt es: „Das Sicherheitskonzept zum Zug der fröhlichen Leute wird jährlich überprüft und angepasst. Was Details angeht, halten wir uns wie immer bedeckt“, so Stadtsprecher Jan Gloßmann. Er hebt hervor, dass Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme das A und O im Cottbuser Karnevalsgeschehen seien sollten – sowohl an der Strecke, als auch im Festzelt.

► Bestens gelaunt, betont gelassen und ähnlich vage erteilt Polizeisprecherin Ines Filohn Auskunft. Sie wünsche allen Teilnehmenden und Gästen ein friedliches, freundliches und fröhliches Miteinander am Sonntag.

● Die Polizei werde in ausreichender Personalstärke und beruhend auf den Erfahrungen der Vorjahre Präsenz zeigen.

● Konkrete Zahlen nennt sie aus einsatztaktischen Gründen nicht.

► Das Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum (CTK) werde sein Krankenhaus und die Zentrale Notaufnahme am Karnevalssonntag nicht personell aufstocken:

● „Es gab in der Vergangenheit keinen nennenswerten Anstieg von Behandlungen verletzter Personen oder außergewöhnliche Notfälle in Zusammenhang mit dem Karnevalsumzug“, begründet CTK-Sprecher Rüdiger Hofmann.