Mojtaba Ghods ist Chefarzt in der Forster Lausitzklinik für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie. Im Interview erklärt er, was ein Lipödem ist, wie man es behandelt und welche Schattenseiten die Aufmerksamkeit für die Krankheit hat.

Herr Dr. Ghods, das Lipödem scheint in aller Munde zu sein. Was ist das Krankheitsbild eines Lipödems?

Dr. Ghods Die Fettzellen vermehren und vergrößern sich. Dadurch kommt es zu Veränderungen im Bindegewebe. Patienten entwickeln dann Hämatome und haben oft Schmerzen.

Wann tritt diese Erkrankung auf und wer ist davon betroffen?

Dr. Ghods Es sind fast nur Frauen, die davon betroffen sind. In Einzelfällen trifft es Männer. Sobald hormonelle Veränderungen eintreten, kommt bei den Betroffenen das Lipödem auf, also vorrangig in der Pubertät, Schwangerschaft und Menopause.

Gibt es Zeichen, um eine Lipödem-Erkrankung auch bei sich selbst zu erkennen?

Dr. Ghods Einfach gesagt: Wenn man plötzlich merkt, dass der Oberkörper ganz normal geformt ist und die Beine immer dicker werden. Der Bauch kann ganz schlank sein, aber die Beine schwellen an. Der Körper sieht dann asymmetrisch aus und das ist der Moment, in dem viele Frauen erkennen, dass etwas nicht stimmt. Typische Symptome sind auch Schmerzen und Berührungsempfindlichkeit an den betroffenen Stellen. Wenn man den Oberschenkel nur kurz berührt oder sich an etwas stößt, können sofort blaue Flecken auftreten.

Warum wird ein Lipödem von den Ärzten oft erst so spät erkannt?

Dr. Ghods Der entscheidende Faktor ist, dass diese Erkrankung noch nicht so lange existiert und viele darüber nicht Bescheid wissen. Ärzte nicht und mögliche Patienten schon gar nicht. Junge Frauen wurden oft jahrelang gemobbt, ihnen wurde gesagt, dass sie weniger essen und abnehmen sollen. Frauen nehmen dann ab – aber nicht da, wo sie eigentlich wollen, und davon sind sie irgendwann so frustriert, dass sie alles und zu viel essen. Und dann tritt die Mischform zwischen Lipödem und Adipositas auf. Patienten gehen dann zu Allgemeinmedizinern und die erkennen das Lipödem nicht sofort. Dafür braucht man erfahrene Lymphologen, die sich mit der Erkrankung auskennen, aber davon gibt es nur sehr wenige.

Nun steht das Lipödem mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Das ist doch gut, oder nicht?

Dr. Ghods Das Problem ist folgendes: Fast drei Millionen Frauen sind an einem Lipödem erkrankt – aber 20 Millionen haben das Gefühl, dass sie betroffen sind. Übertrieben gesagt: Jede Frau, die dicke Beine oder Arme hat, denkt, dass sie ein Lipödem hat, weil sie sich im Internet über die Symptome belesen hat. Das zweite Problem ist: Viele private Ästhetik-Kliniken bieten Fettabsaugungen bei Lipödem an, sind aber keine Spezialisten.

Was meinen Sie damit?

Dr. Ghods Eine Lipödem-Absaugung ist eine ganz andere Art der Absaugung als eine normale Fettabsaugung. Beim Lipödem muss man das gesamte Fett vom Sprunggelenk bis zur Hüfte absaugen und nicht, wie bei der ästhetischen Fettabsaugung, nur in einem bestimmten Areal. Außerdem muss man wissen, wie in diesen Bereichen die Blut- und Lymphbahnen fließen. Wenn man das nicht weiß, richtet man großen gesundheitlichen Schaden an.

Gibt es denn eine Möglichkeit, den Lipödem-Patienten zu helfen?

Dr. Ghods Bis jetzt hat man ihnen gesagt, dass sie Kompressions-Wäsche tragen und zur Lymphdrainage gehen sollen. Damit kann man die Krankheit aber nicht behandeln, sondern nur stabilisieren. Erst wenn man weiß, warum sich die Fettzellen so vermehren und vergrößern, weiß man auch, ob man dagegen eine Tablette geben oder irgendwas anderes machen kann. So lange man das aber nicht weiß, bleibt erst einmal nur die Absaugung.

Was hat es mit dieser Studie auf sich, die untersuchen soll, ob Krankenkassen diese Operation übernehmen sollen?

Dr. Ghods Bis jetzt ist es so, dass die Krankenkasse nur die konservative Therapie, also die Lymphdrainage übernimmt. Nun hat der Bundesausschuss, der untersucht, welche Krankheiten von der Krankenkasse übernommen werden sollen, beschlossen, dass eine Studie zur Übernahme der Kosten bei Lipödemen gemacht werden soll. 2020 sollen circa 400 Patienten im Rahmen der Studie behandelt werden, einige von ihnen mit der konservativen Methode, einige in Form einer Absaugung. Geplant ist, in etwa vier oder fünf Jahren zu sagen, welche Behandlungsmethode besser ist und ob die Operation überhaupt etwas bringt.

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