Brit Mühmerts Deutschunterricht beginnt um 7.50 Uhr. Die Leiterin des Paul-Gerhardt-Gymnasiums Lübben nimmt mit der 11. Klasse Lessings „Nathan der Weise“ durch. Mühmert ist online über die Schulcloud mit der Klasse verbunden. Man kommuniziert nicht per Video, sondern durch Kurznachrichten. Wer sich nicht pünktlich einloggt, kriegt eine Mail aus dem Homeoffice der Lehrerin.

Das deutsche Aufklärungsdrama ist ein starker Stoff in strengen Versen: „Ich bin stets/Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut /Erzählt.“ Der Zuschauer soll mit dem Helden mitleiden und dadurch selbst eine charakterliche Läuterung erfahren. Das funktioniert auch virtuell, meint Schulleiterin Mühmert. Sie hat in der Corona-Krise die Vorteile des Lehrens per Chat zu schätzen gelernt. Ihre Fragen zur Hamburgischen Dramaturgie schreibt sie in die Runde. Die Schüler reagieren wie im Klassenraum: „Manchmal bildet sich ein kleiner Flashmob“, sagt sie. „Einer schreibt eine Antwort, der andere malt ein Emoji drunter, dann schreibt der nächste: ‚Du Streber!’“ Die Schüler machen gerne mit, kaum einer taucht unter.

„Das ist eine andere Kommunikationsebene zwischen uns allen“, sagt Mühmert. Den regulären Unterricht kann das Online-Lernen nicht ersetzen. „Aber es ist jetzt in einer schwierigen Zeit eine Möglichkeit, etwas zu machen.“

Unterrichten über App vom Smartphone

Am Paul-Gerhardt-Gymnasium begann die digitale Revolution nicht erst am 16. April. Als die Schulen wegen der Covid-19-Pandemie schlossen, hatte die Schule eine frisch installierte Schulcloud am Start. Die kommt nicht aus dem Bildungsministerium in Potsdam. Auf die offizielle brandenburgische Cloud wollte die Schule in Lübben nicht warten – und schaffte eine andere an. Die kommt vom Hannoveraner Anbieter Heineking Media und ist nach dessen Angaben an 4000 deutschen Schulen im Einsatz.

Inzwischen sind am Lübbener Gymnasium alle 38 Lehrer online unterwegs. Die Schüler können sich über PC, Tablet und Smartphone einwählen. Die Schulleiterin hat die App auf dem Handy – so kann sie unterrichten von überall. Clouds ermöglichen das gemeinsame Arbeiten in Livechats und Videokonferenzen und das Einspielen von Lernvideos. Die Lehrer können sehen, woran die Schüler arbeiten, und es bewerten.

„Die Cloud ist das Tüpfelchen auf dem I“, sagt die Schulleiterin. Man muss aufpassen, dass man nicht nur da drin hängt.“ So geht es nicht nur ihr. In den ersten Tagen war die Cloud so überlaufen, dass das Netz ächzte. Was hätte Lessing dazu gesagt? „Mach Deine Rechnung nur nicht ohne den Wirt.“ Steht im Nathan auf Seite 36.

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