Der Ranzen steht wieder im Flur. Ich stolpere darüber, wenn ich dem Kind noch die Sportsachen zusammensuche. Morgens ist es wieder fast wie immer. Die Zehnjährige geht zur Schule, der Zweijährige in den Kindergarten. Die Wochen des Homeschoolings sind absolviert. Zumindest bin ich nicht mehr täglich gefragt als Aushilfslehrerin, Pausenaufsicht und Küchenfrau. Ich drücke dem Kind einen Kuss auf und bin für die nächsten sechs Stunden ein freier Mensch.
Bis zu den Sommerferien gilt nun der „eingeschränkte Regelbetrieb“. Was das genau bedeutet, ist nicht leicht zu erklären. Noch etwas kommt hinzu: Schule ist jetzt freiwillig. Jedenfalls in Sachsen. Hier haben Eltern noch am vergangenen Wochenende dagegen geklagt, dass sie ab diesem Montag in die Schule sollen. Das Oberverwaltungsgericht in Leipzig gab ihnen Recht. Damit ist der Wiedereinstieg in die Grundschule nach neun Wochen Pause nun eine Frage des guten Willens.
Hinter der Klage steckt die Sorge vieler Eltern, ihre Kinder könnten in der Schule dem Virus schutzlos ausgesetzt sein. Denn an den Schulhäusern gelten nun zwar strenge Hygieneregeln. Aber die hat Sachsens Kultusminister gleich selbst relativiert - indem er den 1,5 Meter-Sicherheitsabstand für Grundschüler praktisch abgeschafft hat. Dafür kriegt Christian Piwarz (CDU) nun Druck von allen Seiten.

Viele Lehrer gehören zur Risikogruppe

Sachsen ist beim Öffnen der Schulen forsch vorgegangen. Seit diesem Montag sind praktisch alle Altersgruppen wieder in der Schule. Doch nicht überall stimmen dafür die Voraussetzungen. Die Lehrergewerkschaft GEW rief deshalb zum Protest auf. Die Linken werfen Piwarz vor, ein gefährliches Spiel zu treiben. Nicht mal die Eltern - die Piwarz entlasten wollte - sind zufrieden. Wenn Abstände in der Klasse nichts gelten, wenn Masken dort nicht getragen werden müssen, wo bleibt dann der Infektionsschutz, lautet die bange Frage. Die kommt nicht zuletzt von Lehrern, die zur Risikogruppe gehören. Das wirft ein Schlaglicht auf die Altersstruktur der sächsischen Lehrer. An nicht wenigen Schulen außerhalb der großen Städte sind Lehrer über 50 Jahre in der Mehrheit.
Er verstehe ja, dass die Öffnung der Schulen für Lehrer „eine enorme organisatorische und personelle Herausforderung“ bedeute, sagt der Minister. Am Konzept des eingeschränkten Regelbetriebs will er trotzdem nicht rütteln. Es gehe schließlich um die Kinder, die ein Recht auf Bildung und Teilhabe haben, sagt er. Meine Tochter nutzt ihr Recht gerne. Für viele andere Schüler in Sachsen und Brandenburg bleibt Homeschooling bis zum Sommer Teil des Alltags. Davon will ich an dieser Stelle weiterhin berichten.
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