Die 21-jährige Zeugin zögert. Noch einmal hakt die Vorsitzende Richterin nach. „Es ist ein Mensch zu Tode gekommen“, sagt sie. „So ein Ereignis kann man vielleicht nicht so schnell vergessen.“

Trotzdem muss die junge Frau nachdenken. „Ich habe den Unfall nicht komplett gesehen“, antwortet sie. „Zur Geschwindigkeit des Autos kann ich definitiv nichts mehr sagen.“

Verschwommene Erinnerung

Ihre Aussage deutet darauf hin, wie schwierig sich mitunter die Beweisaufnahme gestaltet. Die Anklage wirft dem 22-jährigem Kilian S. vor, in der Nacht zum 15. April 2017 in der Berliner Straße in Cottbus mit überhöhtem Tempo einen Autounfall verursacht zu haben, in dessen Folge eine ägyptische Studentin starb. Sie sei „unvermittelt auf die Straße getreten“ und anschließend vom Auto des Angeklagten erfasst worden, heißt es in der Anklageschrift, die den Vorwurf der fahrlässigen Tötung erhebt. Das Cottbuser Amtsgericht widmet sich dem Fall in einem Prozess, der voraussichtlich bis zum Februar 2020 dauern wird.

Manche Zeugen erinnern sich nur noch in groben Zügen daran, was in jener Nacht vor der Cottbuser Stadthalle passierte. Sobald die Richterin nach Details fragt, reagieren sie einsilbig. Auch der jungen Frau, die am Donnerstag aussagt, geht es so. Sie weiß nach eigenen Angaben nicht mehr, was sie direkt nach dem Unfall bei der Polizei zu Protokoll gab. Zwar bestätigt sie, dass sie das Auto gesehen habe, ebenso die Studentin, die nach dem Unfall auf dem Boden lag. Doch trotz der hartnäckigen Fragen der Richterin entsinnt sie sich nicht mehr weiterer Einzelheiten. Sie sei sich lediglich sicher, dass sie den jungen Mann und die Frau, die mit dem Angeklagten im Auto saßen, aus der Schule kannte, nicht jedoch den Beschuldigten selbst. Auf die Frage, ob ihr etwas Besonderes am Fahrzeug aufgefallen sei, schüttelt sie den Kopf..

Vielleicht wird ein weiterer Zeuge dem Gericht näheren Aufschluss geben. Es handelt sich um einen jungen Mann, der momentan den Militärdienst in seiner Heimat Ägypten absolviert. Er zählte in der Nacht des Unfalls zu den Begleitern der Studentin. Das Cottbuser Amtsgericht hat ihn für den Dezember als Zeugen geladen. Dafür wird er voraussichtlich eigens nach Deutschland reisen.

Gutachten für Januar geplant

Derzeit geht das Gericht davon aus, dass die Beweisaufnahme nach der Aussage des Ägypters abgeschlossen wird. Damit ist der Prozess allerdings noch nicht zu Ende. Denn im Januar werden die Sachverständigen der Rechtsmedizin und der Dekra ihre Gutachten vorstellen. Darin beleuchten sie unter anderem die Frage, ob der Unfall zu verhindern gewesen wäre. Ein Tag am Amtsgericht ist dafür vorgesehen. Bei einem weiteren Termin werden die Sachverständigen die Fragen der Prozessbeteiligten zu ihren Gutachten beantworten.

Die Staatsanwaltschaft und der Rechtsanwalt des Angeklagten bereiten ihre Plädoyers für den Februar 2020 vor. Mit dem Urteil des Gerichts würde das Verfahren dann ein Ende finden. Neben Familienangehörigen der toten Studentin beobachteten auch Mitarbeiter der ägyptischen Botschaft den Prozess im Gerichtssaal. Elf ägyptische Studenten der German University in Cairo hatten auf Wunsch ihrer Heimatuniversität nach dem Tod der jungen Frau ihren Wohnort von Cottbus nach Berlin verlegt. Sie erlag drei Tage nach dem Unfall ihren Verletzungen im Carl-Thiem-Klinikum.

Der Beschuldigte Kilian S. ließ zum Auftakt der Verhandlung im September 2019 durch seinen Anwalt eine persönliche Erklärung verlesen. Er habe keine genaue Erinnerung an die Geschwindigkeit, mit der er in seinem Honda durch die Berliner Straße fuhr, hieß es in dieser Erklärung. Er könne jedoch mit Sicherheit sagen, dass es keine 50 Kilometer pro Stunde gewesen seien. Im Bereich an der Stadthalle ist ein Tempo von 30 km/h erlaubt.